1. NRW
  2. Städte
  3. Rhein-Kreis

Rhein-Kreis Neuss: "Mindestlohn? Nur eine Schein-Debatte!"

Rhein-Kreis Neuss : "Mindestlohn? Nur eine Schein-Debatte!"

Friseurhandwerk und die Gewerkschaft feiern eine Vereinbarung über eine tarifliche Lohnuntergrenze als Meilenstein. Franc Braun, Friseurmeister aus Kaarst, jedoch legt nach: Betriebe, die ihre Zukunft sichern wollen, müssen mehr tun.

Alle diskutieren über Mindestlöhne, im Friseurhandwerk wurden sie gerade festgelegt: Bis zum 1. August 2015 soll stufenweise bundesweit eine einheitliche Lohnuntergrenze von 8,50 Euro pro Stunde eingeführt werden. Die Innungen sehen darin ein Mittel gegen Billig-Konkurrenten mit ihren Zehn-Euro-Frisuren, die Gewerkschaft Verdi hofft auf ein Ende der Dumpinglöhne im Friseurgewerbe. Franc Braun hingegen, Friseurmeister aus Kaarst, der dort mit 40 Mitarbeitern einen der größten Salons in NRW betreibt, warnt seine Kollegen vor zu hohen Erwartungen: "Die Diskussion um die Mindestlöhne ist eine Schein-Debatte."

Zwar sei es richtig, auf Wettbewerbsverzerrungen wie Steuervorteile für Kleinstbetriebe oder das Arbeiten mit Niedrigstlöhnen, bei denen Mitarbeiter dauerhaft mit staatlicher Unterstützung aufstocken müssten, hinzuweisen, das eigentliche Problem jedoch sieht Braun an anderer Stelle: Angesichts der demografischen Entwicklung und des bereits spürbaren Mangels an Fachkräften und Auszubildenden sei das Thema Mindestlohn eigentlich "durch". "Die Löhne werden steigen, weil der Markt es hergibt", sagt Braun.

Auch im Friseurhandwerk setze ein Wandel ein. Nicht mehr die Bewerber konkurrierten um einen Job oder eine Lehrstelle, sondern die Unternehmen stünden im Wettbewerb um qualifizierte Kräfte. "Wenn wir heute Stellen besetzen wollen, heißt das: ,Dürfen wir Sie zu einer Unternehmenspräsentation einladen?'", sagt der Friseurmeister, der zwölf Ausbildende beschäftigt. Was in Großkonzernen vielfach bereits Alltag sei, müsse sich endlich auch im Handwerk durchsetzen. Die Betriebe brauchen eine Unternehmenskultur, in der die individuellen die Bedürfnisse der Mitarbeiter einen hohen Stellenwert haben.

Braun praktiziert das bereits seit acht Jahren unter anderem durch 24-Monats-Pläne als Anhang zum normalen Arbeitsvertrag. Darin definieren die Mitarbeiter ihre Wünsche und Ziele, persönlich, fachlich und finanziell. "Die Bedeutung der Arbeitszufriedenheit und der Anerkennung im Job werden von Arbeitgebern noch häufig unterschätzt", sagt Braun. Wer in diesen Bereich investiere, habe bessere Chance, gutes Personal zu bekommen und auch zu halten. Dies bedeute allerdings nicht, dass sich damit finanzielle Anerkennung guter Leistung aufwiegen lasse. "Eine Fachkraft muss auch als solche bezahlt werden, das hat auch etwas mit Anerkennung zu tun: Wenn ich nicht viel verdiene, bin ich auch nicht viel wert", sagt Braun. Ohne ein Einkommen, mit dem Wohnung, Auto und Urlaub problemlos zu finanzieren sind, seien gute Kräfte bald nicht mehr zu haben — "und dann reden wir nicht mehr über Mindestlöhne".

Die Krux dabei benennt der Kaarster allerdings auch: Zwar seien ihm bei solchen Thesen 80 Prozent Zustimmung sicher, gleichzeitig stelle sich jedoch die Frage nach der Reaktion der Gesellschaft. Konkret: Gerechte Bezahlung und Ausbildungsplätze finden alle gut, damit wachse aber nicht gleichzeitig die Bereitschaft, für hochwertige Dienstleistungen, wie sie etwa im Friseurhandwerk erbracht würden, angemessen zu bezahlen. "Auch die Gesellschaft muss umdenken", sagt Braun.

Einwände von Kollegen im Mittelstand, die auf zu wenig Zeit oder personelle Kapazität verweisen, um sich intensiv mit ihrem Personal zu befassen, lässt er nicht gelten: "Ich habe selbst klein mit vier Mitarbeitern angefangen, das schließt vorausschauendes Handeln nicht aus." Gerade im Bereich der Wertschätzung, der Transparenz und des Delegierens von Verantwortung hätten es kleinere Betriebe mitunter leichter als ein Großkonzern.

(NGZ/ac)