Gedichte für das Handy Lyrische Botschaften per Handy verschicken

"Viele sich ständig: sorgen: Was ist morgen? Eigener Besorgnis Beute versäumen sie das heute! Im Leben stehen sie daneben. Sei nicht bestusst, leb bewusst!" Wer einem Freund oder Verwandten ermunternd auf die Schulter klopfen will, hat die Wahl.

Er kann ihm das Standardwerk Carnegies für positives Denken schenken, das er natürlich erst mühsam durcharbeiten müsste. Oder der Schenker schickt ihm die Essenz in Reimform: Mit exakt 160 Zeichen ist dieses Gedicht nämlich SMS-tauglich. Hans-Jürgen Hendricks aus Büderich widmet sich dieser neuartigen Kunstform, die ganz auf das moderne Kommunikationsmittel Handy abgestellt ist und einen harten Kampf um jeden Buchstaben bedeutet.

Vor kurzem hat der Deutsche Lyrik Verlag seine erste Sammlung von SMS-Gedichten herausgebracht. Titel: "Farbtupfen für die Seele". "Müde, sitze brav, es besiegt mich der Schlaf. Da, ein Stoß! Was ist los? Gesichter wie strenge Richter! Töne, schöne! Konzert, schnarchend entehrt!" Gemeinhin wird das Simsen ei- ner Fernseh-Jugend zugeschrie- ben, die nicht mehr liest und der daher der Nachschub für neue Worte fehlt. Für Hendricks sind die Kurzgedichte die natürliche Symbiose aus seiner Liebe zum Formulieren und den beruflichen Zwängen zur Fernkommunikation.

Das Handy war sein unentbehrliches Arbeitsmittel. Als technischer Leiter einer mittelständischen Firma für Industrieöfen war Hendricks weltweit unterwegs. "Und wenn esProbleme bei der Abnahme gab, habe ich schon mal zur Entkrampfung der Situation einen Witz eingebaut". Überhaupt habe er immer eine Affinität zur Literatur gehabt. Mit der Pensionierung 2003 hatte er endlich genügend Ruhe und Muße, sich hinzusetzen, um seine Gedanken aufzuschreiben. Sich dabei auf 160 Zeichen zu beschränken, nahm er als Herausforderung an: "Ich wollte sehen, was man da trotzdem alles reinpacken kann", erklärt er.

Inhaltlich greift Hendricks Pro- bleme unserer Zeit auf, wie die Reizüberflutung, der Kinder ausgesetzt sind, eigene Erlebnisse, wie der Besuch einer Vernissage ("Künstler staunt, was ER gemalt? Vernissage "Persiflage"), oder ganz grundsätzliche Fragen der Menschheit, wie Glaube oder Krieg. Allen Gedichten ist der ernsthafte Hintergrund gemein, wobei er aber stets eine humorige oder selbstironische Wendung einbaut. (Über eine schlaflose Nacht: "...ausschlafen kann ich als Leiche") Er wolle den Leser überraschen, sagt Hendricks. Tatsächlich gelingt es ihm immer wieder, sein Thema mit wenigen Worten auf den Punkt zu bringen. Das gilt auch für seine be- schaulichen Situationsbeschreibungen. elm

(NGZ)
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