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Krankheit als Sprache der Seele

Krankheit als Sprache der Seele

Im letzten Herbst hat Ruediger Dahlke seit 20 Jahren zum ersten Mal wieder eine Erkältung samt Halsschmerzen erwischt. "Ich hatte tatsächlich die Nase gestrichen voll, weil eine Vortrags-Tour sich viel schwieriger als erwartet darstellte", sagt der Arzt und Psychotherapeut, der mit Büchern wie "Krankheit als Symbol" oder "Krankheit als Sprache der Seele" in den vergangenen Jahren weltweit Aufmerksamkeit als Psychosomatiker erhalten hat. Für ihn hat jedes Krankheitsbild einen Sinn und erfüllt eine Aufgabe.

Gerade an so harmlosen Krankheitsbildern wie Erkältungen kann man sich das leicht klar machen. Sogenannte Rhino-Viren, die Erkältungen auf der körperlichen Ebene verursachen, sind ja praktisch immer und überall vorhanden, trotzdem bekommt man die Erkältung nur, wenn man im übertragenen Sinn "die Nase voll" hat, wenn man nichts mehr hören und sehen will und auf der ganzen Ebene zumacht", erklärt Dahlke. "Die Sprache macht das ja obendrein sehr deutlich, etwa wenn jemand sagt, ,ich hab mir eine Grippe geholt'. Die Frage ist: Warum tut er das denn? Die einfache Antwort: Weil er dieses Krankheitsbild im Augenblick braucht, um einen Konflikt darzustellen, den er auf der Bewusstseins-Ebene zur Zeit nicht darstellen kann."

Jedes Krankheitsbild hat laut Ruediger Dahlke einen Sinn und enthüllt eine Aufgabe. Tinnitus etwa warnt den Erkrankten aus nächster Nähe, nachdem distanzierte Signale für Stress und Überforderung überhört wurden. Innere Stille kann es erst geben, wenn außen das Notwendige getan ist. "Die Erfahrung zeigt, dass sich die Chance ergibt, das Krankheitsbild zu begreifen, die darin liegenden Lebens-Aufgaben zu erkennen und — wenn man ihr entspricht — sogar damit wirklich fertig zu werden, statt das Leiden nur zu unterdrücken, wie es die Schulmedizin anbietet", sagt Dahlke.

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Dem Arzt selbst ist auch erst im Laufe seines Berufslebens klar geworden, dass Krankheiten psychosomatische Gründe haben. "Das ging über Patienten und ihre Geschichten, die diese Zusammenhänge so deutlich machten, dass ich sie nicht mehr übersehen konnte." Bei einem Patienten, der ständig Unfälle hatte, halfen etwa Vorsichtsmaßnahmen und Reduzierung nichts — stattdessen waren die Unfälle über die Jahre immer schlimmer geworden. "Zusammen wurde uns klar, dass die Unfälle im Gegenteil Abwechslung in sein Leben bringen sollten. Als wir diesem Gedanken nachgingen und er anfing, sein Leben mutiger und abwechslungsreicher zu gestalten, ließen die Unfälle nach", sagt Dahlke.

Mit dieser Arbeitshypothese, dass jeder körperlicher Ausdruck von Krankheit auch einen inneren Sinn hat, überprüfte Ruediger Dahlke seine Patienten und ihre Krankengeschichten auf psychosomatische Zusammenhänge — und wurde überall fündig. Insgesamt habe sich diese Art der medizinischen Sichtweise zwar schon weit verbreitet — "es ist aber immer noch viel zu verbessern. Für viel zu viele Schulmediziner geht es immer noch um die Niere von Zimmer 14, statt um einen ganzen Menschen, dessen Probleme sich momentan besonders an seinen Nieren niederschlagen."

Doch wie vertritt Dahlke seine Theorie, dass jede Krankheit einen Sinn habe, gegenüber unheilbar Kranken? Und ist jeder Krebskranke selbst schuld an seinem Leiden? "Die Psyche spielt tatsächlich auch bei Krebs eine entscheidende Rolle, unvergleichlich mehr sogar als materielle Kanzerogene und die Genetik", sagt Ruediger Dahlke. "So wissen wir heute, dass von 100 Menschen, die in der zweiten Lebenshälfte ihren langjährigen Partner verlieren, ein Jahr später über 60 Krebs haben. Vor dieser Wirklichkeit verschließen wir mit Hilfe der Schulmedizin ständig die Augen, und das will ich mit meiner Arbeit und meinen Büchern ändern."

So sieht Dahlke eine zentrale Aufgabe von "Krankheit als Symbol" darin, den Menschen zu zeigen, wie viel sie selbst in scheinbar aussichtslosen Situationen wie bei Krebs noch in eigener Regie zur Bewältigung beitragen können. "So haben wir einerseits schon erstaunliche Wendungen zum Positiven erlebt, andererseits ist selbst, wo das nicht mehr gelingt, das Annehmen der Situation und Verstehen ihrer Bedeutung eine große Hilfe."

Übrigens sind Krankheiten bei Kindern genauso zu deuten wie bei Erwachsenen — wenn auch eher durch die Eltern als durch die Kinder selbst. Dahlke ist überzeugt: "Wir bringen ja ganz offensichtlich Aufgaben mit ins Leben wie es sich auch in der Genetik ausdrückt. Diese gilt es zu lösen und dazu kann die Krankheitsbilder-Deutung sehr hilfreich sein. Ich hab sogar einmal ein Buch nur über diese Krankheitsbilder des Kindesalters geschrieben: "Krankheit als Sprache der Kinder-Seele".

(NGZ)