Ursprungsland der Drogen ist oft Kolumbien: Kokain: An jedem Gramm klebt Blut

Ursprungsland der Drogen ist oft Kolumbien : Kokain: An jedem Gramm klebt Blut

Von Tobias Käufer Kaum eine Woche vergeht, ohne dass im Bericht der Kreispolizeibehörde irgendein Drogendelikt auftaucht. Ob Beschaffungskriminalität oder Drogenhandel, im Rhein-Kreis Neuss gehören Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz zum Alltagsgeschäft der Polizei. Kolumbien: Sängerin Shakira, heute der Top-Star der Unesco-Gala in Neuss, wird bei einem Besuch in der umkämpften Provinz Choco von Leibwächtern geschützt. NGZ-Fotos (3): T. Käufer

Von Tobias Käufer Kaum eine Woche vergeht, ohne dass im Bericht der Kreispolizeibehörde irgendein Drogendelikt auftaucht. Ob Beschaffungskriminalität oder Drogenhandel, im Rhein-Kreis Neuss gehören Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz zum Alltagsgeschäft der Polizei. Kolumbien: Sängerin Shakira, heute der Top-Star der Unesco-Gala in Neuss, wird bei einem Besuch in der umkämpften Provinz Choco von Leibwächtern geschützt. NGZ-Fotos (3): T. Käufer

Das Ursprungsland der Drogen ist oft Kolumbien, ein Land mit dem der Rhein-Kreis Neuss seit vielen Jahren intensive kulturelle und politische Beziehungen unterhält. Landrat Dieter Patt begründet sein Engagement in dem südamerikanischen Land gerne mit seinen Erfahrungen als Chef der Kreispolizeibehörde: "Die Probleme Kolumbiens sind auch meine Probleme", erklärt Patt. "Deswegen treiben wir viele wirtschaftliche Projekte in Kolumbien voran. Wenn wir Kolumbien helfen, seine Probleme zu lösen, dann lösen wir auch unsere eigenen Probleme. Das ist aktive Sozialpolitik." In Kolumbien selbst ist erfolgreicher Kampf gegen die Drogenmafia der Schlüssel zu einer positiven Entwicklung des Landes, doch Polizei und Politik fühlen sich offenbar von Europa allein gelassen.

In der Polizeizentrale von Bogotá werden verhaftete Drogenhändler vorgeführt. Das "Zur-Schau-Stellen" soll der Abschreckung dienen.

In einem funktionalen Neubau logieren Kolumbiens Drogenfahnder am Rande des Militärflughafens der Hauptstadt Bogotá. Wer die misstrauischen Blicke und die Sicherheitskontrollen der Wachen im kilometerweit abgelegenen Eingangsbereich passiert, wird mit einem eigenen Fahrzeug der Behörde abgeholt und direkt ins logistische Zentrum der "Antinarcòticos" gefahren. Dort warten erst einmal eine Tasse Kaffee und das vierfarbige Hochglanzmagazin der Behörde, die auf 72 Seiten die Erfolge der Polizeiarbeit des vergangenen Monats präsentiert. Zumindest in der Außendarstellung haben Kolumbiens Drogenfahnder dazugelernt, doch Polizeigeneral Baron weiß nur zu genau, dass der Kampf gegen die kolumbianische Drogenmafia eine Auseinandersetzung von zwei ungleichen Kontrahenten ist: "Wir arbeiten gegen einen Gegner, der die modernsten Mittel einsetzen kann und über die entsprechenden finanziellen Möglichkeiten verfügt", erklärt Baron, einer der ranghöchsten Drogenfahnder des Landes.

Ein Drogenlabor - ausgehoben von der kolumbianischen Polizei.

Derweil rüstet die kolumbianische Drogenmafia auf und hat den europäischen Markt ins Visier ihrer Aktivitäten genommen. Vizepräsident Francisco Santos fordert im Gespräch mit der NGZ deshalb die Staaten der Europäischen Union auf, "endlich die Größe dieses Problems zu erkennen." Die politische Nummer zwei des Andenstaates sieht in der "alten Welt" einen gesteigerten Bedarf am illegalen Exportartikel Nummer eins Kolumbiens. "Kokain ist in Europas Mittelschicht offenbar gesellschaftsfähig geworden. Ich hoffe nicht, dass dieser Kontinent einen Kokain-Boom wie die USA in den 80er Jahren erlebt", entwirft Santos auf der Couch seines Büros ein düsteres Szenario für die Entwicklung hierzulande. Kolumbiens Drogenmafia gilt als weltweit größter Kokainproduzent.

Einen Grund für das gesteigerte Interesse der Drogenmafia am europäischen Markt sei die bisweilen zu weiche Anti-Drogen-Politik der Europäer, wie Santos in Bogota erklärt: "Wir brauchen härtere Gesetze, vor allem gegen die Geldwäsche. Der Drogenhandel ist kein kolumbianisches, sondern ein globales Problem." Immer geschickter werden die Tricks der Drogenmafia, um durch das Netz der Grenzkontrollen zu schlüpfen. So fanden die Polizisten ein speziell für den Drogenschmuggel konzipiertes Glasfaser U-Boot, in dem Platz für rund zehn Tonnen Kokain (Marktwert etwa 620 Millionen Euro) war. Ein solches U-Boot ist von der Küstenwache nur sehr schwer ausfindig zu machen. Auch die klassischen Wege des Drogenschmuggels werden verfeinert: Unlängst wurde eine Bande enttarnt, die ihren Kurieren die Drogenpakete in die Muskelgewebe einsetzte.

Die kolumbianische Drogenmafia setzt auch auf moderne Biotechnologie, um die Millionen weiter sprudeln zu lassen. Die Polizei entdeckte genmanipulierte Koka-Sträucher, die nicht nur wesentlich resistenter gegen Herbizide sind, sondern auch bis zu sechs Mal ertragreicher. Damit sind die Drogenproduzenten in der Lage, auf wesentlich kleineren Anbauflächen deutlich mehr Erträge zu erzielen. Die Koka-Felder wären dann aus der Luft nur noch unter großen Schwierigkeiten zu entdecken. Auch das organisatorische Netz der Drogenmafia wird immer raffinierter. Waren in den 80er und 90er Jahren die legendären Kartelle um Pablo Escobar in Medellin oder des Rodriguez-Clans in Cali noch "personalisiert", so agiert die nachfolgende Generation anonymer und in so genannten "Baby-Kartellen".

Kleinere, aber dafür effektivere Strukturen, modernste Kommunikationstechnologie und vor allem schier unerschöpfliche finanzielle Möglichkeiten bilden das Rückgrat dieser neuen Zellen. Die technisch und finanziell überforderte Polizei kann von solchen Möglichkeiten nur träumen. Im Kampf gegen die mächtige Drogenmafia fordert Kolumbien deshalb vor allem von Europa mehr Unterstützung: "Wir arbeiten mit den USA hervorragend zusammen, in Europa erhalten wir vor allem aus England Unterstützung. Aber die Zusammenarbeit mit den restlichen Staaten könnte deutlich besser sein", kritisiert Polizeigeneral Baron höflich eine offenbar praktisch nicht vorhandene Kooperation mit den europäischen Behörden. Und Vizepräsident Santos schickt eine Botschaft an die neue deutsche Regierung gleich hinterher: "Wir können das Problem nur gemeinsam lösen.

Ich wünsche mir, dass uns Deutschland dabei unterstützt." Die Hardliner in Kolumbiens Anti-Drogen-Politik sehen vor allem in der europäischen Mentalität ein Problem: "Kokain wird offenbar zur neuen Modedroge in Europa und das vor allem in der jungen Generation", befürchtet Santos. Mit scharfen Worten kritisiert der Politiker deshalb den Kokain-Konsum der internationalen Show-Prominenz und nimmt vor allem das in die Schlagzeilen geratene Top-Model Kate Moss ins Visier: "Wir würden sie gerne nach Kolumbien einladen und ihr zeigen, was der Drogenhandel in unserem Land so alles anrichtet." In Richtung der koksenden Prominenz in Europa erklärte Santos: "Mit jeder Linie schnupfen diese Leute kolumbianisches Blut, zerstören sie den Regenwald und finanzieren den Krieg in unserem Land." Der Kokainkrieg, bei dem sich linke wie rechte Guerillas eine Schlacht um Marktanteile am Drogengeschäft liefern, wird vor allem durch die Einnahmen aus dem Drogenhandel finanziert.

Das Land ist aufgeteilt ist verschiedene "politische" Zonen, in denen jeweils linke Guerillas oder rechte Paramilitärs das Sagen haben und die Drogendollars aus den Anbaugebieten kassieren. Als Kolumbiens Superstar Shakira jüngst eine von ihrer Stiftung "Pies descalzos" gebaute Schule in der Provinz Choco besuchte, war dies nur mit strengstens Sicherheitsvorkehrungen möglich, denn in diesem Gebiet tobt derzeit ein heftiger Konflikt zwischen den rivalisierenden Gruppen. Allerdings halten auch Polizei und Militär gelegentlich die Hand auf. Der Krieg gegen den Drogenhandel, ist für Kolumbien allein nicht mehr zu gewinnen. In welchen finanziellen Dimensionen sich die Mafia bewegt, zeigte der bislang größte Fahndungserfolg der kolumbianischen Geschichte: Sage und schreibe 13,58 Tonnen im Schwarzmarktwert von etwa 815 Millionen Euro stellten die Behören vor wenigen Wochen auf einen Schlag sicher. Und das ist gerade einmal die Spitze des Eisberges.

(NGZ)
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