Klinik-Fusion im Rhein-Kreis Neuss macht nur mit Strukturanpassung Sinn

Analyse zu kommunalen Krankenhäuser im Rhein-Kreis Neuss : Fusion braucht Struktur und Leistungsprofil

Im Kreis entsteht das zehntgrößte kommunale Klinikum Deutschlands. Landrat Petrauschke und der Neusser Bürgermeister Breuer sind die Macher. Doch Quantität allein ist kein Wert. Es geht um Qualität.

Zahlen, die beeindrucken: Vier Häuser in drei Städten, 3800 Mitarbeiter, die einen Umsatz von knapp 300 Millionen Euro erwirtschaften, 1157 Betten, in denen pro Jahr 55.000 Patienten stationär und weitere 140.000 ambulant versorgt werden. Mit ihrer Einigung über die Eckdaten zur Fusion ihrer Krankenhäuser haben Landrat Hans-Jürgen Petrauschke (CDU) und der Neusser Bürgermeister Reiner Breuer (SPD) ihr Image als Macher, als Zukunftsgestalter geschärft. Keine schlechte Empfehlung für eine Wiederwahl im nächsten Jahr. Im Rhein-Kreis entsteht ein Verbund – geben wir ihm einmal den Arbeitstitel Rheinland-Klinikum –, der die Nummer 10 unter den kommunalen Krankenhäusern in Deutschland sein wird.

Während andernorts über Bettenabbau, Schließungen oder Kooperationspotenzial diskutiert wird, kann die Zukunft der Gesundheitsversorgung im Rhein-Kreis gestaltet werden. NRW-Gesundheitsminister Laumann hat eine Reform angestoßen. Was die von ihm beauftragte Beratungsfirma auch aufzeigen und vorschlagen wird, die Krankenhäuser im Kreis – dazu zählt auch das „Johanna Etienne“ der St.-Augustinus-Gruppe im Neusser Norden – können agieren und müssen nicht reagieren. Das ist ein großer Vorteil.

Die Fusions-Häuser – hier das städtische „Lukas“ sowie die Rheintor-Klinik in Neuss; dort die Rhein-Kreis Kliniken in Dormagen und Grevenbroich – stehen gut da, spüren aber Handlungsdruck. Obwohl die Kreiskliniken die geplanten Verbesserungen erreichen, bleibt Fakt: Sie sind in den roten Zahlen. Weitere Anstrengungen sind erforderlich. Vor allem muss die Verweildauer der Patienten, die über den landesweiten Vergleichszahlen liegt, gesenkt und somit Kosten gespart werden.

Beim Neusser „Lukas“ fehlen noch die Zahlen fürs Geschäftsjahr 2018. Aber vielleicht sind die Ergebnisse gar nicht so gut wie nach dem Rekordjahr 2017 erwartet wurde? Das würde zumindest erklären, warum jetzt so schnell eine Einigung erzielt wurde. Noch im Advent waren Neuss acht Millionen Euro als Ausgleichszahlung zu wenig. Von 20 Millionen plus X wurde rund ums Rathaus gemunkelt. Der Gutachter wurde in eine zweite Bewertungsrunde geschickt. Doch noch ehe er seinen neuen Spruch vorlegt, sind sich Stadt und Kreis über einen „Korridor“ einig, der wohl zwischen 8 und 12 Millionen liegen dürfte.

Für Tempo mag auch das Angebot der Städte Dormagen und Grevenbroich gesorgt haben, die beim Kreis klaffende Finanzlücke zu füllen und im Gegenzug Mitgesellschafter zu werden. Neuss wird daran kein Interesse haben, denn dann wäre der strategische Einstieg bei den Kreiswasserwerken vom Tisch. Der Rhein-Kreis wird ebenso gern auf die Hilfe verzichten, er würde die 50:50-Augenhöhe mit Neuss verlieren – und beide, Neuss und Rhein-Kreis, – werden keine Lust verspüren, sich zwei kleine Gesellschafter mit Vetorecht ins Boot zu holen.

Vier statt zwei Gesellschafter erhöhen das Konfliktpotenzial, denn noch stehen Entscheidungen mit Blick auf die Standorte aus. Die Binsenweisheit bleibt richtig: Nur wenn die Strukturen und Leistungen dem Bedarf angepasst werden, macht eine Verschmelzung der Kliniken Sinn. Also: Nicht jeder muss alles machen, sondern nach Aufgabenkritik müssen überflüssige Doppelangebote gestoppt, medizinische Schwerpunkte gesetzt und neue Fachgebiete entwickelt werden. Gut wäre es, wenn die Verhandlungsführer Petrauschke und Breuer sich auch über diese emotionale Drecksarbeit verständigen würden und damit nicht die neuen Gremien beim Start belasten: Was wird aus den Geburtshilfen in Dormagen und Grevenbroich? Wird die Gefäßchirurgie ausgebaut? Will das neue Klinikum eine Herzchirurgie einrichten und aufbauen? Investiert das neue Klinikum in den Einsatz von OP-Robotern wie dem Davinci? Die Formel für die Fusion scheint perfekt; spannend bleibt es allemal.

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