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NGZ-Gespräch mit Peter Härtling: Kinderliteratur ist Literatur des Anfangs

NGZ-Gespräch mit Peter Härtling : Kinderliteratur ist Literatur des Anfangs

Ein Infarkt und ein Schlaganfall haben das Leben von Peter Härtling verändert. Der bekannte Autor vor allem von Kinder- und Jugendbüchern geht nur noch selten auf Lesereise, war aber gestern im Rhein-Kreis Neuss unterwegs und nahm sich die Zeit, mit den NGZ-Redakteuren Helga Bittner und Simon Hopf über seine Arbeit und sein Leben zu reden.

Herr Härtling, auf Ihrer Liste der Veröffentlichungen finden sich zahlreiche Kinder- und Jugendbücher, Prosa und Erzählungen für Erwachsene, Essays und Gedichte. Aber nur zwei Dramen. Waren die nur ein Versuch, mal etwas anderes auszuprobieren?

Härtling (lacht) Es waren tatsächlich zwei Versuche, die angeregt wurden durch Schauspieler und Theater. "Gilles" ist eine Anregung von Leonard Steckel gewesen, einem großen Schauspieler, der sagte: Ich brauche eine Rolle.

Und ich habe sie für ihn geschrieben, aber er konnte sie leider nicht mehr spielen, weil er tödlich verunglückt ist. Die Uraufführung hat dann in Hamburg stattgefunden, und sie hat mich schlicht und einfach entmutigt. Ich bin wohl doch vor allem ein Erzähler. Denn das, was ich mir vorstelle, lässt sich im Theater nicht realisieren.

Das gilt auch für den zweiten Versuch?

Härtling Die "Melchinger Winterreise" habe ich für ein alternatives Theater auf der Schwäbischen Alb geschrieben, weil die ganze Gruppe mich animiert hat: Spiel' mit unserer Landschaft. So habe ich ein Stück geschrieben, das eine Landschaft mitnimmt und im Theater, der Theaterscheune in Melchingen, endet. Drei lange Winter ist es aufgeführt worden und hätte mich noch einmal anregen können, noch eins zu schreiben, aber ich hatte und habe einfach keine Lust dazu.

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Sie sagten gerade von sich, Sie seien ein Erzähler. Wie oder wodurch wird man das? Schon mit 14 haben Sie ja die ersten Gedichte und Geschichten geschrieben.

Härtling Es gab eine Spannung, aus der heraus ich schrieb. Ich lebte ohne Eltern bei meinen Großeltern, als Flüchtlingskind in einer Gegend, die mich nicht annahm. Ich war fremd, wurde nicht akzeptiert, und das ging bis in die Schule hinein. Viele Lehrer schätzten meine Eigenheiten nicht, bis auf einen wunderbaren Deutschlehrer. Dieses Fremde an mir wollte ich aufheben, mich sichtbar machen.

Da ich sehr viel gelesen habe - ich habe Bibliotheken wirklich ausgelesen - war für mich Schreiben das Naheliegende. So habe ich angefangen, es auszuprobieren - unter der freundlichen Animation und Aufsicht meines Deutschlehrers und eines anderen Freundes, des Malers Fritz Ruoff. Meine ersten Arbeiten waren also eigentlich ein Akt des Widerstandes und - auch wenn das ein Widerspruch ist - der Versuch, anderen das Fremde an mir zu erklären.

Ist das Ihr Motor geblieben - die Wiedergabe von eigenen Gefühlen und der Wunsch, etwas zu erklären?

Härtling Ja, es hat sich gehalten. Was mir jedoch erst später, als ich schon professioneller schrieb, erst klar wurde, war der Umstand, dass ich das Kind einer Epoche bin. Ich bin ein Kriegskind, das vom Krieg ausgespien wurde, wenn man so will. Für die heutige Jugend ist das weit weg. Die schaut auf den Krieg wie auf Wallensteins Lager. Unsere Aufgabe ist es deswegen, zu erzählen und zu beschreiben, wie es damals war.

Ist das eine Erkenntnis, die Ihnen mit zunehmendem Alter erwuchs oder hat sie Sie schon immer beim Schreiben begleitet?

Härtling Sie hat mich wohl immer begleitet. Denn ich habe immer den Impuls gehabt, gegen das Schweigen der Älteren zu sprechen. Meine Vätergeneration hat nie geredet. Die meisten Menschen haben damals schnellstens ihre Gesinnung gewechselt; aus unglaublichen Nazis sind Widerstandskämpfer und treue Demokraten geworden.

Diese schnelle Metamorphose haben wir Jungs erlebt und auch die Verlogenheit, die damit einherging. In meiner Generation - da können Sie auch Günter Grass und andere fragen - gibt es ein tiefes Misstrauen gegenüber dem demokratischen Verhalten der alten Verdränger. Diese Brüche zu erzählen; das, was nicht erzählt wurde, zu erzählen - das ist ganz wesentlich. Ich denke, es ist die Aufgabe, einem Volk eine Geschichte zu geben.

Wir schlagen uns doch immer noch mit unserer Geschichte herum, auch mit der aus neuerer Zeit. Denn es gibt schon wieder Verdränger - wenn man sich die Brüche der Wende auf beiden Seiten anschaut. Mit dem Ende des Kalten Krieges waren ganz plötzlich auch die Fronten aufgehoben. Aber wenn so etwas zu schnell passiert, bleiben Wunden und Verdrängungen zurück.

Und Sie möchten mit dem Erzählen von Dingen, wie sie sind oder waren, schon bei den jungen Lesern anfangen, indem Sie problematisieren, ohne dabei schwer zu werden?

Härtling Es hat ja keinen Sinn, mit Problemen den Lesern Probleme zu machen. Für mich ist es ganz wesentlich, ein Problem auszubreiten und zu personalisieren. Wenn ich zum Beispiel eine Person wie den "Hirbel" schildere - übrigens ein Kind, das meine Frau als junge Psychologin wirklich kennen gelernt hat -, in der ganzen Ausweglosigkeit, die ein solches Heimkind vor sich hat, kann man das nur erzählend öffnen.

Allerdings hat das Buch einen radikalen Schluss: Der Hirbel kommt weg, wahrscheinlich in die Psychiatrie. Damit werden Kinder nie fertig, und ich habe ungezählte Briefe von jungen Lesern mit neu geschriebenen Schlüssen bekommen. Die tiefe Lust zu harmonisieren ist ein Drang, der im Menschen steckt, und erst recht die Kinder wollen, dass alles gut ausgeht. Wenn einer wie Hirbel so geschunden wird, soll es ihm am Ende besser ergehen.

Warum haben Sie ihm das verweigert?

Härtling Weil auch die Wirklichkeit das verweigert. Ich finde, dass auch kindliche Leser begreifen müssen, dass es in ihrem Leben nicht immer gute Schlüsse gibt.

Die Reaktionen mögen einerseits eine Unzufriedenheit zeigen, sind andererseits auch Zeichen einer sehr starken Beschäftigung mit Ihren Büchern. Welche Auswirkung hat das auf Sie als Autor?

Härtling Wir - meine Frau, die mir sehr dabei hilft, und ich - bekommen immer noch jede Woche einen Stapel mit Briefen von Kindern, die auf meine Bücher reagieren. Aber das Besondere daran ist für mich, dass die Kinder weiterdenken, zum Beispiel fragen: Kannst du uns sagen, was mit dem Hirbel geworden ist? Ich schreibe jedes Mal: Wir wissen es nicht. Es gibt einen Datenschutz; die Akten sind mit gewandert. Wahrscheinlich lebt er noch, und wenn er nicht mehr lebt, hat er in der Psychiatrie gelebt.

Sie schonen auch dann nicht.

Härtling Nein. Die Kinder sollen wissen, wie es wirklich ist. Sie erleben ja auch zu Hause wenig schöne Dinge. Meine Frau arbeitete auf dem Jugendamt, und wenn sie manchmal von ihren Fällen erzählte, schnürte es mir die Kehle zu. Auch die Hilflosigkeit von Erwachsenen Kindern gegenüber ist manchmal im Sinne des Wortes bedrohlich.

Sollten viel mehr Erwachsene Kinderbücher lesen?

Härtling Das tun sie ja. Mir fällt immer wieder bei Lesungen auf, dass sehr viele junge Mütter sehr kundig in der Kinderliteratur sind. Für mich ist es eine sehr schöne Sache, aber für die jungen Mütter auch ein Sammeln von anderen Erfahrungen.

Ist es überhaupt sinnvoll, dass wir immer zwischen Kinder-, Jugend- und Erwachsenenliteratur trennen?

Härtling Mich hat die Unterscheidung über Jahre geärgert. Vor allem in den 70er Jahren, als es noch keine Kinderbuchkritik gab - inzwischen wird diese in vielen Zeitungen ausgiebig gepflegt; damals aber galt Kinderliteratur als die kleine Literatur -, in der Akzeptanz, in der Behandlung und auch in der Bezahlung.

In gewisser Hinsicht habe ich den Vorreiter für die spätere Anerkennung gespielt, weil ich aus einer anderen Manege kam. Mir ist die Literatur für Kinder extrem wichtig, weil ich sie für die Literatur des Anfangs halte. Und Anfänge sind ein Stück Leben; jedes Leben braucht Anfänge. Kinder sind Anfänger, weil sie keine Vergleiche haben. Sie erleben lauter Erstmaligkeiten: das erste Mal Straßenbahn fahren, die erste Freundschaft, die erste Liebe, das erste Mal schwimmen.

Sie selbst haben vier Kinder. Sind Sie über sie dann auch zum Erzähler geworden?

Härtling Nein, Sie werden staunen: Ich habe meinen Kindern nie etwas erzählt.

Wie bitte?

Härtling Es stimmt. Ich habe das auch deswegen vermieden, weil ich befürchtete, damit auf meine Kinder Druck auszuüben. Als meine Tochter Sophie in der fünften Klasse des Gymnasiums war, wurde sie von ihrer Lehrerin angesprochen: In unserem Lesebuch steht eine Geschichte von deinem Papa. Kannst du uns das erklären?

Sophie ist aufgesprungen, nach Hause gelaufen und hat mir gesagt: Schreib' bloß nicht mehr für Lesebücher! Da ist mir der Verdacht gekommen, dass es richtig war, nie den Druck des Profis auf die Kinder ausgeübt zu haben.

Jedes Kind hat auf meine Arbeit reagiert, wie es ihm entsprach. Das eine hat gelesen; das andere nicht. Mit meinem Ältesten debattiere ich noch heute über das, was ich geschrieben habe; die beiden Töchter arbeiten im Verlagswesen. Irgendwie hat es sich dann so ergeben.

Wiederholt sich die Geschichte bei Ihren Enkelkindern?

Härtling Ja, aber die Enkelgeneration ist unbefangener und frecher. Vor allem die Mädchen.

Inwiefern?

Härtling Marie kam eines Tages zu mir und sagte: Also wenn du schon Geschichten schreibst, die in unseren Lesebüchern stehen, könntest du auch mal in unsere Schule kommen. Das habe ich auch gemacht. Meine Enkelin Hannah hatte das gleiche Ansinnen und teilte mir dann eines Tages mit: Du bist engagiert. Ich habe dann allerdings noch ein Jahr gewartet, weil die Kinder damals noch zu jung waren.

Machen Sie immer noch so viele Lesereisen durch die Schulen?

Härtling Nein, ich habe nach meiner Erkrankung gemerkt, dass das für mich zu anstrengend ist.

Ihre Erkrankung und die Verarbeitung in dem Buch "Lebenslinien" ist auch der Grund, warum Sie zur Signierstunde und zur Lesung in den Rhein-Kreis gekommen sind. Wie stark haben Infarkt und Schlaganfall Ihre Haltung verändert?

Härtling Die Erkrankung hat mich an den Rand gedrängt. An den Rand, den ich nicht kannte. Aufenthalte in der Intensiv-Station sind Aufenthalte an der Peripherie des Lebens. Man kann auch sagen: an der Peripherie des Todes.

Das Eigentümliche ist, dass man dabei ganz symptomatische Erfahrungen macht. Mir ist aufgefallen, dass ich in Notsituationen immer mit angezogenen Beinen im Bett lag. Wie ein Embryo, in der Haltung dessen, der zurück will. Eine andere Empfindung ist, dass man sich in einem Schutzraum glaubt, die Welt als ein Drinnen und Draußen, von dem man abgeschnitten ist, wahrnimmt.

Hinzu kommt die Erkenntnis, dass auf der Intensiv-Station die Schwestern und Pfleger, nicht die Ärzte, die wichtigsten Menschen sind. Sie kommen einem auf sehr rigide Weise nah, verletzen die Scham - müssen sie auch. Das ist eine Nähe, die kaum aufzuheben ist.

Wollen Sie mit dem Buch anderen Menschen Mut machen?

Härtling Ich weiß nicht, ob man Mut machen kann. Aber ich habe inzwischen die Erfahrung gemacht, dass das Buch Menschen hilft, ihre Situation zu reflektieren. Denn wer das nicht kann, nicht gelernt hat, kommt nicht aus dem Gefühlswust, aus seiner Angstblase heraus.

Ich habe oft nach meinen Lesungen Zuspruch von Leidensgenossen bekommen, die gesagt haben: Das Buch war für mich wichtig. Und das wiederum ist mir wichtig.

(NGZ)