Kampf um bezahlbaren Wohnraum im Rhein-Kreis Neuss - Landrat Hans-Jürgen Petrauschke schlägt Alarm

Zahlen für den Rhein-Kreis Neuss vorgelegt : Kampf um bezahlbaren Wohnraum

Mehr als 252 Millionen Euro an Wohnraum-Fördermitteln wurden im Rhein-Kreis Neuss in den vergangenen zehn Jahren bewilligt. Auch im NRW-Vergleich steht man gut da. Dennoch kann der Bedarf nicht gedeckt werden.

War diese Terminwahl reiner Zufall oder geschicktes Auskontern des Gegenkandidaten? Anfang November preschte der Dormagener SPD-Ratsfraktionschef Andreas Behncke bei seiner Vorstellung als Landratskandidat für 2020 mit dem Wahlkampfthema „Bezahlbarer Wohnraum“ vor. 240 Millionen sollen investiert werden, damit das für 2030 angepeilte Ziel, 5000 günstige Wohnungen im Rhein-Kreis zu schaffen, realisiert werden kann. Am Donnerstag, rund zwei Wochen später, lud Landrat Hans-Jürgen Petrauschke ins Kreishaus, um über genau dieses Thema zu sprechen. Seine Kernaussage: Im Rhein-Kreis wurde in den vergangenen Jahren viel gemacht – trotzdem kann der Bedarf nicht gedeckt werden, also müssen kreative Lösungen her.

Das belegt der Landrat mit Zahlen. So wurden zwischen 2008 und 2018 kreisweit mehr als 252 Millionen Euro an Wohnraumfördermitteln beantragt und bewilligt. Auch bei der Mietwohnraumförderung schneidet der Rhein-Kreis im landesweiten Vergleich gut ab – er belegt mit knapp 28 Millionen Euro im Jahr 2017 Platz zwei hinter dem Rhein-Sieg-Kreis (knapp 30 Millionen Euro). „Ich bin zufrieden“, sagt Petrauschke. Auch mit Blick auf die in diesem Jahr fast erreichte 40-Millionen-Euro-Marke bei Fördermitteln für günstigen Mietwohnungsbau. Georg Tadtke (Wohnraumförderung im Rhein-Kreis Neuss) erklärt den Anstieg mit verbesserten Förderkonditionen.

Doch auf das Schulterklopfen folgte das erwartete Aber. Denn beim Blick auf die Wohnbedarfsanalyse des Instituts für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung (Inwis) wird deutlich: „Wir haben pro Jahr rund 300 bis 400 Wohneinheiten zu wenig, wenn wir den Gesamtbedarf bis 2030 decken wollen“, so Petrauschke. Das bereite den Verantwortlichen schon seit einigen Jahren Sorgen. Vor allem bezahlbarer Wohnraum ist knapp: So liegt die Quote von Wohnungen, die aus der Mietpreisbindung fallen, fast 50 Prozent über den Zugängen. Die Ursache dafür sieht Petrauschke auch in umliegenden Großstädten wie Düsseldorf oder Köln, wo der Bedarf „überhaupt nicht“ befriedigt werden könne.

Doch die Frage nach Lösungsansätzen bleibt eine schwierige, der Wunsch nach finanzstarken Investoren ein großer. „Wir haben vom Kreistag den Auftrag bekommen, notfalls eine eigene Wohnungsbaugesellschaft zu gründen, wo wir zusammen mit den Städten und Gemeinen versuchen wollen, mehr im preisgedämpften Segment zu machen“, sagt Petrauschke. Die Pläne einer Wohnungsbaugesellschaft für den Rhein-Kreis scheiterten bislang allerdings an den kreisangehörigen Kommunen. Auch, weil dadurch die Schaffung einer Konkurrenzsituation – unter anderem zur städtischen Neusser Bauverein AG — befürchtet wird.

Für die Genossenschaften im Rhein-Kreis findet Petrauschke lobende Worte: „Sie arbeiten gut, aber können nicht das gesamte Segment abdecken, das gewünscht ist.“ Schließlich kämen Genossenschaft irgendwann an ihre Investitionsgrenzen — und sind vor allem ihren Mitgliedern gegenüber verpflichtet. Zudem dürften sie nicht zu groß werden, um ihre Qualität erhalten zu können.

Angesprochen auf die von Behncke angekündigte Wohn-Kampagne unter dem Slogan „Hammer-Lösungen“ und die damit kommunizierten ehrgeizigen Pläne sagt Petrauschke: „Ich kenne diese Pläne nicht.“ Er sei aber froh, dass Rainer Thiel, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Kreistag, mittlerweile der Meinung sei, der Kreis müsse beim Thema „Bezahlbarer Wohnraum“ etwas tun. Kreisdezernent Karsten Mankowsky dazu: „Man muss aufpassen, dass keine politischen Forderungen erhoben werden, wenn anschließend zu wenig passiert. Das schafft Frust bei den Menschen.“ Die Lösung des Problems sei nicht auf einen Schlag möglich.

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