Abenteuer im Pferdsbroich: Im tiefen Dickicht

Abenteuer im Pferdsbroich: Im tiefen Dickicht

Streifzug Natur und Landschaftserlebnisse im Rhein-Kreis Neuss (7. Folge) Abenteuer im Pferdsbroich: Die Wälder und Gehölze in unserer Region bieten manche Überraschung

Rhein-Kreis Neuss Unter den Stiefeln schmatzt der Matsch. Nur einen Schritt weit abseits des Weges droht man, im sumpfigen Untergrund zu versinken. Es ist schwül, feucht, und Insekten umschwirren den menschlichen Eindringling. Den betrachten sie scheinbar als willkommene Nahrungsreserve: Innerhalb weniger Minuten verunzieren juckende Einstiche den Arm, stellt sich ernsthaft die Frage, ob es nicht besser wäre, den Rückzug anzutreten als die Pirsch fortzusetzen.

Erlenbruch im Meerbusch. Foto: NGZ

Plötzlich ein Ausruf der Begeisterung: "Fieberklee!" Bei Dr. Georg Waldmann, der die NGZ bei den "Streifzügen" durch Natur und Landschaft im Rhein-Kreis Neuss begleitet, ist der Forscherdrang geweckt. Der Biologe wagt den Vorstoß: Über einen umgestürzten Baum geht's tiefer in das Dickicht. Dort, wo der gewaltige Wurzelballen einst im nassen, moorigen Erdreich gesessen hat, hat sich ein Pfütze gebildet. Bei näherer Betrachtung der Örtlichkeit fallen rostige Klümpchen ins Auge: "Raseneisenerz", sagt Waldmann. Der in Niederungsgebieten vorkommende Rohstoff wurde in früheren Jahrzehnten systematisch ausgebeutet.

Buchen im Knechtstedener Wald. Foto: NGZ

Es sind Entdeckungen wie diese, die das Pferdsbroich, ein noch weitgehend ursprünglich erhaltenes Sumpfwaldgebiet am Nordkanal, so einzigartig machen: "Amazonasmäßig." Das Gebiet gibt einen Eindruck davon, wie es an vielen Stellen im Rhein-Kreis Neuss früher ausgesehen haben mag, bevor in großem Stile das Land durch Melioration entwässert wurde. Im Pferdsbroich wächst und wuchert es, ragen die Gerippe abgestorbener Erlen in den Himmel, schießen Binsen ins Kraut. Hier braucht der Pflanzenkenner nicht lange zu suchen, um Igelkolben und Sumpfschwertlilie und Calla, Froschbiss, Wasserfeder und Rohrglanzgras zu finden. Wenn nur die vielen Mücken nicht wären . . .

Abenteuer Bruchwald: Im Pferdsbroich wird wieder nachvollziehbar, dass die Menschen vergangener Jahrhunderte die wasserreichen Niederungen nicht mit Naturerlebnissen in Verbindung brachten, sondern mit Krankheiten, Ungeziefer und Strapazen. Die Maßnahmen zur Trockenlegung dieser Feuchtgebiete erfolgten deshalb entsprechend gründlich. Kein Wunder, das das Pferdsbroich als eines der letzten Überbleibsel inzwischen unter Schutz gestellt ist und zu den Betreuungsgebieten der Biologischen Station Knechtsteden gehört, für die sich auch Dr. Georg Waldmann engagiert.

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Ganz andere Impressionen gibt es im Hoppbruch zwischen Korschenbroich und Steinhausen. Dort schlängelt sich die Triet, säumen auwaldtypische Erlen den Bach. Je mehr man ins Innere des Waldes vorstößt, desto mehr verändert sich das Bild. Hier wächst Hexenkraut, eine typische Waldpflanze, die auch im tiefen Schatten gedeiht. Unter dem schützenden Blätterdach stehen Ilex und Adlerfarn, Waldflattergras und Himbeere. Unter den Bäumen ragen Weißbuche und Wildkirsche hervor, im Unterholz wuchern lianenartige Gewächse: Waldreben. An der verletzten Rinde eines Faulbaum urteilt Dr. Georg Waldmann fachmännisch: "Hier hat ein Rehbock sein Gehörn gefegt."

Der Wald als Lebensraum: Ein gutes Beispiel ist der Knechtstedener Wald und Chorbusch im Süden des Kreises Neuss, der als FFH-Gebiet besonderen Status genießt. Den dortigen Tierartenreichtum stuft die Biologische Station als bemerkenswert ein: "Mit Schwarz-, Mittel-, Klein-, Grün- und Buntpecht kommen im Knechtstedener Wald fünf Spechtarten vor", nennt man auf der Internetseite der Einrichtung Beispiele. Das sich auch die Ringelnatter und andere Reptilienarten in recht großer Zahl heimisch fühlen, gibt dem Ganzen wiederum den gewissen Anstrich: Wald im Rhein-Kreis Neuss, das ist eben trotz aller Einwirkungen nach wie vor noch ein kleines Stück Wildnis.

Info Der nächste "Streifzug" in der kommenden Woche führt zu Baumriesen und Naturdenkmalen.

(RP)
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