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NGZ-Reihe "Streifzug": Im Reich des Ameisenbläulings

NGZ-Reihe "Streifzug" : Im Reich des Ameisenbläulings

Streifzug Natur- und Landschaftserlebnisse im Rhein-Kreis Neuss (3. Folge): Wie im Rheinvoland bei Uedesheim ein vom Aussterben bedrohter Schmetterling wieder angesiedelt wird

Rhein-Kreis Neuss Michael Stevens setzt sein Fernglas an. "Da ist einer!", sagt er. Durch hohen Bewuchs geht's die Böschung hinunter, um das Insekt näher zu betrachten. Scheinbar unbeeindruckt sitzt der gerade erspähte Schmetterling auf einer Blüte des Großen Wiesenknopfs. Alles, was im Leben des kleinen Fluggeschöpfs wichtig ist, dreht sich um diese eine Pflanze.

Das kleine Reich des Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläulings, dem Michael Stevens nachspürt, liegt im FFH-Gebiet Uedesheimer Rheinbogen. Eine Ausgleichsfläche, deren Eigentümer der Deichverband Uedesheim ist, bildet das Biotop, in dem der extrem seltene und vom Aussterben bedrohte, einst in unseren Breiten häufig vorkommende Schmetterling langsam wieder heimisch wird. Die letzten Vorkommen im Rhein-Kreis Neuss lagen in der Vergangenheit im Bereich der Ilvericher Altrheinschlinge.

Die Biologische Station Knechtsteden, deren Wissenschaftlicher Leiter und Geschäftsführer Stevens ist, betreibt bei Uedesheim gemeinsam mit Kooperationspartnern seit zwei Jahren die Wiederansiedlung des Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläulings. Auch im Norden der Stadt Meerbusch läuft im Rheinvorland (Latumer Bruch/Die Buersbach) ein ähnlich ausgerichtetes Projekt.

Das Tier, was da vor die Linse geflattert ist, gehört damit schon zur Enkelgeneration der 72 im Jahre 2007 im Westerwald eingefangenen und in Uedesheim wieder ausgesetzten Tagfalter. Dass sie hier einmal heimisch waren, lässt sich an Museumssammlungen in der Region ablesen, wo viele Exemplare "genadelt" sind. Die bläulichen Flügeloberseiten des Falters sind stark verdunkelt, während die Unterseiten charakteristisch zimtbraun gefärbt sind und eine schwarze Punktreihe aufweisen.

Um den Erfolg des Projekts zu messen, ist während der so genannten Flugzeit jeden Tag jemand vor Ort, um die Bläulinge, die eine Lebensdauer von wenigen Tagen haben, zu zählen, was ohne ehrenamtliches Engagement nicht möglich wäre. Auch Stevens hat eine Karte dabei, die schematisch das Gelände abbildet. Mit kleinen Kringeln markiert er das Gesehene. Die Stippvisite hat sich für ihn gelohnt. Mindestens zwei, wenn nicht drei Nachweise hat er innerhalb einer knappen Stunde vermerkt.

"Die Blütenköpfe sind der Treffpunkt der Geschlechter", unterstreicht er die Bedeutung des Großen Wiesenknopfs als Wirts- und Futterpflanze, die hier an der Deichflanke überall wuchert. Das mehrjährige, bis zu einem Meter hohe Gewächs hat gefiederte Blätter und schlanke Stängel, auf denen rundliche Blütenköpfe mit kleinen dunkelroten Blüten sitzen. Das Kraut hat in der Heilmedizin Bedeutung: "Sanguisorba officinalis" besitzt blutstillende Eigenschaften, die Wurzeln wirken gegen akuten Durchfall.

Auf den Blüten verbringt der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling die ersten drei Phasen seines Raupenstadiums. Dann lässt er sich fallen ... "Und wird von der Roten Knotenameise adoptiert", erklärt Stevens. Durch chemische Tarnung hat sich die Larve ein rötliches Äußeres gegeben. Eine weitere Substanz wirkt so anziehend auf die Knotenameise, dass sie das "Schmetterlingsbaby" kurzerhand in ihren Bau schleppt, wo es neun bis zehn Monate unerkannt als Sozialparasit lebt, indem es sich von den Puppen und Larven seiner Wirtsameise ernährt.

Im Bau erfolgt auch die Verpuppung des werdenden Falters, der nach dem Schlüpfen indessen zusehen muss, die Flucht zu ergreifen — "sonst fällt er auf", sagt Stevens. Und damit wäre er für seine geprellten Wirtsleute nun seinerseits ein gefundenes Fressen.

(RP)