Sandra Homberger ist Musiktherapeutin: Harmonische Töne helfen auch den Menschen im Wachkoma

Sandra Homberger ist Musiktherapeutin : Harmonische Töne helfen auch den Menschen im Wachkoma

Das Piepsen, Klingeln und Brummen der medizinischen Apparaturen ist heute von exotischen Klängen unterlegt. In der St. Mauritiusklinik sprechen die Trommeln. Sandra Homberger gibt den im Kreis sitzenden Damen den Rhythmus vor, mal schlägt sie sachte und schnell, dann wieder setzt sie laut Akzente, und das Trommeln schwillt zu einem ohrenbetäubenden Lärm an - klingt ab und so fort.

Eva Volare (Name geändert), die vorher eher geistesabwesend vor sich hin starrte, haut plötzlich mit wachem Blick aufs Fell. Sandra Homberger nimmt diese "Herausforderung" an und ermuntert die 43-Jährige lachend und grimassierend, den Diskurs fortzusetzen: Sekundenlang liefern sich die beiden Frauen ein Trommelduell. Wie die anderen Frauen hat sie nach einem Schlaganfall die Sprache verloren.

Sie versucht der Therapeutin von den Lippen abzulesen, wie sie die Laute zu bilden hat. Aber wenn sie ihren Namen aussprechen soll, passt das, was die Lippen formen, nicht dazu - immer zwängt sich die Zunge dazwischen. Es klingt nach "La, La". Die Singtherapie wird in diesen Fällen eingesetzt, um das Sprechen zu initiieren. "Wir nutzen hier aus, dass Sprache alle Elemente der Musik beinhaltet: Auch sie hat einen Rhythmus, Melodie, Tempo und verschiedene Lautstärken", erklärt die diplomierte Musiktherapeutin.

Darauf ist auch die Therapiestunde aufgebaut. Sie beginnt mit rhythmischem Klatschen. Dann stimmt sie das Begrüßungslied an. "Da der eigene Name mit am geläufigsten ist", erklärt Frau Homberger, ist er oft das erste Wort, das über die Lippen kommt und wird daher - getragen von Melodie und Rhythmus - spontan mitgesungen. Bei der Trommel können die Patienten körperlich erleben, was laut und leise ist, weil sich die Schwingungen übertragen.

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Außerdem ermöglicht sie eine symbolische Kommunikation. Die Therapie fußt auf einem erweiterten Musikbegriff, der alles akustisch Wahrnehmbare einschließt. Sie macht sich zum einen die Wirkung zu Nutze, die Klänge auf die Stimmung haben. Und sie arbeitet mit den physiologischen Veränderungen, die sie herbeiführen. So ist ein Nebeneffekt der Sing-Therapie zum Beispiel die gesteigerte Konzentration. Die Teilnehmer müssen aufpassen, um reagieren zu können.

Das nonverbale Kommunikationsmittel Musik hat sich auch bei solchen Patienten als hilfreich erwiesen, die sich in einer Bewusstseinslage befinden, in der sie Sprache - wahrscheinlich - nicht verstehen: Bei Patienten im Wachkoma. Von diesem Zustand hat die Therapeutin eine eigene Anschauung: "Wir verstehen das als eigene Lebensform, in der sich der Mensch auf sich selbst zurückgezogen hat, um Kräfte zu sammeln und zu mobilisieren", erklärt die junge Frau.

Mit einer Spirale vergleicht die Therapeutin diesen nonverbalen Dialog: "Der Patient bietet die Ausgangssituation, die ich aufgreife. Ich spiegele Reaktionen und gebe Impulse, auf die er reagieren kann. So schraubt er sich langsam ins Leben zurück".

(NGZ)
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