1. NRW
  2. Städte
  3. Rhein-Kreis

Das Buch von Hakan Nesser: Krimi und Jugendgeschichte: Hakan Nesser: Kim Novak badete nie im See von Genezareth

Das Buch von Hakan Nesser: Krimi und Jugendgeschichte : Hakan Nesser: Kim Novak badete nie im See von Genezareth

Fast dreißig Jahre ist es her, dass der vierzehnjährige Erik und sein Freund Edmund die Sommerferien im schwedischen Genezareth verbracht haben. Fast dreißig Jahre ist es her, dass in Genezareth der Freund von Ewa Kaludis ermordet wurde. Die liebenswerte Aushilfslehrerin Ewa Kaludis sah aus wie die Schauspielerin Kim Novak, und sowohl Erik als auch Edmund schwärmten für sie.

Hauptverdächtiger des Mordfalls war Eriks älterer Bruder Henry, denn er hatte eine Affäre mit Ewa. Letztendlich blieb der Mord jedoch ungeklärt. Als Erik, inzwischen Ehemann und Vater, einen Bericht über ungelöste Kriminalfälle liest, brechen nicht nur die Bilder, sondern auch die Gefühle des besagten Sommers über ihn herein. Er wird sein Leben ändern. Man kann "Kim Novak badete nie im See von Genezareth" nicht bloß als Kriminalroman bezeichnen, obwohl das ja bekanntlich Hakan Nessers Metier ist.

Nein, mit diesem Roman ist dem skandinavischen Autor gleichzeitig die Geschichte eines Heranwachsenden gelungen - letztendlich eine feinsinnige Mischung aus Lebensgeschichte und Kriminalfall. Sehr einfühlsam beschreibt Nesser die Beziehungen zwischen den verschiedenen phantasievoll ausgestalteten Figuren: Zwischen Erik und Henry, den er bewundert, zwischen Erik und Edmund, die sich auch ohne Worte verstehen. Mit erkennbarer Menschenkenntnis und einer bewundernswerten Beobachtungsgabe zeichnet Nesser seine jugendliche Hauptfigur, denkt ihre Gedanken, spricht ihre Sprache und verleiht ihr die Authentizität, die es braucht, um den Leser in den Bann der Geschichte zu ziehen.

Mehr als einmal entdeckt der Leser sich selbst, seine eigenen Empfindungen und Gedanken in denen des Protagonisten wieder. Dass Nesser seinem Erik zudem eine wunderbare Selbstironie in den Mund legt, macht die Lektüre noch interessanter. Geschickt baut er die einzelnen Ebenen des vielschichtigen Romans aufeinander und ineinander: Freundschaft, Liebe und ein Mord, der gleichzeitig Hoch- und Wendepunkt ist. Dennoch steht nicht er im Mittelpunkt des Geschehens, sondern die sich entwickelnden Figuren.

So bleibt er dann auch ungelöst - und taucht den Roman in ein dunkel-geheimnisvolles Licht. Auf intelligente und anspruchsvolle Weise entwirft der schwedische Erfolgsautor blitzlichtartige Momentaufnahmen, die die Lebensechtheit des Geschilderten verstärken. Lediglich das Ende wirkt teilweise etwas überstürzt. Hakan Nesser bedient sich eines ganz eigenen Stils: hier kindlich-abgehakte, dort klassisch-ebenmäßige Sätze. So entsteht ein spannender, tiefsinniger und poetischer Roman, der verdientermaßen inzwischen in Schweden zu den Klassikern zählt. Anna Schnürch

(NGZ)