Wolfgang Hohlbein, erfolgreichster deutscher Fantasy-Autor: Geschichten von Trollen und Elfen entstehen in der Nacht

Wolfgang Hohlbein, erfolgreichster deutscher Fantasy-Autor: Geschichten von Trollen und Elfen entstehen in der Nacht

Von Christine Sommerfeld

Von Christine Sommerfeld

Blitz und Donner kündigen seinen Besuch in der Redaktion an: Ein stilechter Auftritt für den erfolgreichsten Fantasy-Autor Deutschlands. Wolfgang Hohlbein hat in knapp 20 Jahren 128 Bücher zwischen Fantasy, Horror und Science Fiction veröffentlicht — von "Märchenmond" über "Hagen von Tronje" und "Das Druidentor" bis zu "Das Avalon Projekt". Im NGZ-Gespräch erzählt Wolfgang Hohlbein, wie aus einer alltäglichen Szene eine phantastische Geschichte wird. Er schildert seinen Weg zum Erfolg und stellt sein neues Projekt vor: das Internet-Forum "Maerchenmond.de". Außerdem verrät der Autor, der mit seiner Familie in Hoisten lebt, warum er keine Liebesgeschichten schreibt und noch keinen der Harry-Potter-Bände gelesen hat.

Herr Hohlbein, Sie sind inzwischen der meistgelesene deutsche Fantasy- Autor. Hat sich Ihr Leben durch den Erfolg verändert? Haben Sie sich verändert?

Hohlbein: Sicherlich hat sich äußerlich einiges verändert. Aber ich hoffe, dass ich mich nicht verändert habe. Ich bin aber sicherlich etwas selbstbewusster geworden.

Wie erklären Sie sich Ihren großen Erfolg?

Hohlbein: Wenn ich das wüsste, könnte ich das Patentrezept verkaufen, um Bestseller zu schreiben. Ich habe keine Ahnung. Vielleicht ist es einfach die Tatsache, dass ich Geschichten schreibe, die ich selbst gerne lesen möchte.

Sie sind nicht nur der erfolgreichste deutsche Fantasy-Autor, sondern sicherlich auch einer der produktivsten, oder?

Hohlbein: Es gibt eine ganze Reihe von Autoren, die mehr geschrieben haben als ich. Viele veröffentlichen ja nicht nur unter ihrem eigenen Namen, sondern auch unter Pseudonym. Simenon beispielsweise hat über 400 Romane geschrieben.

Schreiben Sie auch unter Pseudonym?

Hohlbein: Nein, mittlerweile nicht mehr.

Wie lange arbeiten Sie an einem Buch?

Hohlbein: Wenn es gut läuft, kann ich es in wenigen Wochen fertig haben. Ich habe aber auch schon mal ein halbes Jahr an einem Buch gesessen.

Aber Sie können Ihre Werke noch zählen?

Hohlbein: Ja, ich habe in knapp 20 Jahren 128 Bücher geschrieben.

Besteht da nicht die Gefahr, dass sich Handlungselemente oder Figuren wiederholen?

Hohlbein: Ich hoffe nicht. Sicherlich gibt es ein, zwei Formulierungen, die ich häufiger benutze. Und wenn es mir dann auffällt, ist es oft schon zu spät. Aber Handlungen wiederholen sich nicht. Figuren lasse ich jedoch manchmal ganz bewusst wieder auftreten.

Sie kennen aber noch alle Ihre Helden?

Hohlbein: Ja, sicher. Ich habe eine Wette mit meinem Verleger laufen: Ich behaupte, wenn er mir eine Seite aus einem beliebigen meiner Bücher vorliest, kann ich ihm den Titel nennen. Das Spielchen treiben wir seit drei Jahren ± und bis jetzt habe ich immer gewonnen.

Schreiben Sie ganz diszipliniert nach der Uhr oder dann, wenn die Einfälle kommen?

Hohlbein: Halb und halb. Ich bemühe mich, eine ungefähre Arbeitszeit einzuhalten. Meistens fange ich abends zwischen 22 und 24 Uhr an und schreibe dann bis morgens. Wenn ich aber merke, es läuft überhaupt nicht, dann höre ich auch nach einer Stunde wieder auf und mache etwas ganz anderes.

Was tun Sie zur Abwechslung?

Hohlbein: Motorrad fahren ist eines meiner großen Hobbys. Zudem habe ich eine große Familie und viele Haustiere.

Gehört die Nacht zu Ihren Geschichten dazu?

Hohlbein: Nein, das hat sich zufällig ergeben. Früher lebten wir in einer recht kleinen Wohnung. Da hatte ich kein Arbeitszimmer, und somit war es tagsüber gar nicht möglich, konzentriert zu arbeiten. Mittlerweile ist das anders, aber ich habe mich inzwischen einfach an diesen Rhythmus gewöhnt, den ich als sehr angenehm empfinde: Ich schlafe bis mittags und kann den Rest des Tages mit meiner Familie verbringen.

Brauchen Sie zum Schreiben eine bestimmte Atmosphäre?

Hohlbein: Nein. Das einzige, was ich nicht brauche, ist absolute Ruhe. Ich kann nicht im Elfenbeinturm sitzen und bei völliger Stille arbeiten. Ich habe gern Leben um mich herum, meistens läuft dabei der Fernseher.

Und woher kommen die ganzen Ideen?

Hohlbein: Da gibt es eine kleine Elfe, die kommt in der Nacht und bringt mir Zettelchen mit neuen Ideen ... Nein, die Ideen kommen aus dem Alltäglichen. Meist sind es Kleinigkeiten: Dinge, die ich selbst erlebt habe, und die der erste Kieselstein sind, der die Lawine ins Rollen bringt. Ich versuche ganz bewusst, mit alltäglichen Geschichten anzufangen. Es ist doch viel spannender und realistischer, wenn jemand aus einer solchen Situation ganz langsam in etwas hineinschlittert, das er gar nicht will. Eben ist zum Beispiel beim Gewitter unser Sonnenschirm weggeflogen. Den muss ich gleich aus dem Nachbargarten zurückholen. So könnte doch eine spannende Geschichte beginnen: Wenn ich meinen Nachbarn jetzt nicht kennen würde, über den Zaun kletterte und dort feststellte, dass irgendetwas in seinem Haus nicht stimmt . . . So kommt eines zum anderen, und die Geschichte entwickelt sich praktisch beim Schreiben.

Kennen Sie zu dem Zeitpunkt bereits das Ende der Geschichte?

Hohlbein: Oft ja. Oft habe ich sogar zuerst das Ende und arbeite mich dann langsam darauf zu. Aber was zwischen Anfang und Ende ist, das weiß ich nicht und will es auch nicht wissen.

Wie viel Zeit nimmt die Recherche in Anspruch?

Hohlbein: Eigentlich gar keine Zeit. Ich habe auch ein halbes Dutzend historische Romane geschrieben. Da gehe ich nicht drei Monate lang durch die Museen, sondern hangele mich an der Geschichte entlang und recherchiere während des Schreibens. Ich bin dann schon mal einen halben Tag in Köln auf einer römischen Ausgrabungsstätte oder fahre nach Worms — aber das sind Dinge, die mich auch persönlich interessieren.

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Hohlbein: Schreiben war schon als Kind mein Hobby. Die ersten Geschichten habe ich mit neun oder zehn Jahren verbrochen. Ich habe mich immer damit beschäftigt und dann irgendwann einen "richtigen Schriftsteller" kennen gelernt. Das war für mich damals eine göttergleiche Figur. Erstaunlicherweise hat er sogar mit mir gesprochen. Das konnte ich gar nicht verstehen. Er hat mir ein paar Tipps gegeben, wo ich meine Geschichten hinschicken könnte. Kurz darauf wurden die ersten Kurzgeschichten veröffentlicht. Danach habe ich Kontakt mit dem Bastei-Verlag aufgenommen — dort hat man sich sehr nett um mich bemüht. Von da an ging alles ziemlich schnell. Nach eineinhalb Jahren stand ich vor der Entscheidung, ob ich meinen Job als Industriekaufmann aufgebe, nicht mehr so viel schreibe oder mir das Schlafen abgewöhne. Die Entscheidung fiel mir nicht so furchtbar schwer.

Was raten Sie einem jungen Menschen, der auch ein erfolgreicher Schriftsteller werden will?

Hohlbein: Einfach dranbleiben und die Sachen machen, die einem wirklich Spaß machen. Nicht so auf die Verkaufszahlen schielen und beispielsweise Wild-West-Romane schreiben, nur weil sie gerade in Mode sind. Man sollte Geschichten schreiben, hinter denen man steht. Und wenn man einigermaßen der deutschen Sprache mächtig ist, wird es fast zwangsläufig irgendwann einmal klappen. Die Verlage suchen tatsächlich immer noch Autoren.

Aber die meisten Schriftsteller können nicht davon leben, oder?

Hohlbein: Wahrscheinlich können maximal zehn Prozent davon leben — wenn nicht noch weniger. Das ist wie in allen künstlerischen Berufen oder auch bei Sportlern: Es gibt ganz wenige, die ganz viel verdienen, und ganz viele, die am Existenzminimum herumknabbern. Die meisten haben noch einen Nebenberuf, sind Journalisten, Übersetzer oder auch Bäcker. Daher kommt das Bild des Schriftstellers, der alle zwei Jahre ein Buch beendet — man hat einfach nicht mehr Zeit.

Trotz Ihres Erfolges sind Sie ein "normaler Mensch" geblieben, Ihre Adresse kann jeder im Telefonbuch nachschlagen.

Hohlbein: Diese Reaktion erlebe ich immer wieder. Ich komme nicht mit einem schwarzen Lamborghini mit Leibwächter angefahren — ich lege keinen Wert auf Statussymbole. Wir wohnen in einem ganz normalen Reihenhaus und wollen da auch nicht weg.

Werden Sie häufig auf der Straße angesprochen?

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Hohlbein: Überhaupt nicht. In Hoisten werde ich schon mal auf Zeitungsartikel angesprochen — aber von Leuten, die mich sowieso kennen.

Bekommen Sie viel Fanpost?

Hohlbein: Es geht. Im Schnitt sind es zehn Briefe pro Woche.

Äußern Fans mitunter Kritik?

Hohlbein: Ja, das kommt vor. Und wenn sich jemand wirklich etwas dabei gedacht hat, dann nehme ich die Kritik sehr ernst.

Sie planen ein Internet-Forum. Was haben Sie genau vor?

Hohlbein: Die Seite heißt Maerchenmond.de und wird in Kürze online gehen. Wir möchten damit ein Forum schaffen für alle, die sich für phantastische Literatur interessieren. Es soll Club-Ecken geben, in denen man diskutieren kann, und ein "schwarzes Brett", an dem jeder die Hohlbein-Bücher verkaufen kann, die er nicht mehr sehen kann. Wir werden Berichte über Filme bringen und Rollenspiel-Ecken. Vielleicht gibt es auch einen Online- Roman: Ich schreibe den Anfang und frage die Leser: "Wie soll's denn weitergehen?"

In wie viele Sprachen sind Ihre Bücher inzwischen übersetzt worden?

Hohlbein: Mit Ausnahme des Englischen in alle westeuropäischen und auch in viele osteuropäische Sprachen. Gerade ist ein Buch auf Koreanisch erschienen. In China wird nächstes Jahr etwas herauskommen.

Warum nicht im englisch-sprachigen Raum? Haben die genügend eigene Fantasy-Autoren?

Hohlbein: Das wird es wohl sein. Es ist nicht nur für mich, sondern überhaupt für deutsche Autoren unglaublich schwer, ins Englische übersetzt zu werden. Die phantastische Literatur kommt ja zum größten Teil aus dem anglo-amerikanischen Raum und hat dort einen viel höheren Stellenwert als hier.

Steckt in Ihren Romanfiguren auch viel von Ihnen selbst?

Hohlbein: In den Hauptpersonen ist immer ein bisschen was von mir.

Wer ist das im Avalon-Projekt?

Hohlbein: Es ist die Hauptfigur — jemand, der einerseits mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen steht und den ganzen übersinnlichen Quatsch nicht glaubt, andererseits aber dran glauben möchte. Genau so bin ich auch: Die ganzen Dinge, über die ich schreibe, irgendwelche übernatürlichen Vorfälle oder kleine grüne Männchen vom Mars: Ich glaube nichts davon - aber ich würde gern dran glauben.

Spielen Orte im Kreis Neuss in Ihren Büchern eine Rolle?

Hohlbein: Zu Anfang habe ich den gleichen Fehler gemacht wie viele meiner Kollegen — zu glauben, phantastische Geschichten müssten in exotischen Ländern spielen. Doch so langsam gewöhne ich mich daran, die Geschichten in der Gegend spielen zu lassen, die ich kenne. Das macht es realistischer. "Dunkel" spielt zum Beispiel komplett in Neuss — an zwei, drei Schauplätzen festgemacht. Mein Lektor hat allerdings nicht begriffen, dass der Freithof tatsächlich Freithof heißt und hat Friedhof daraus gemacht. Jetzt werde ich dauernd gefragt, wo mitten in der Stadt ein Friedhof sei.

Was fasziniert Sie am Genre "Fantasy"?

Hohlbein: Das hat mich als Kind schon interessiert — es ist einfach meine Vorliebe. Das Lesen gelernt habe ich jedoch mit Karl May. Als ich neun oder zehn war, habe ich meinen ersten Karl- May-Roman geschenkt bekommen, und ein Jahr später hatte ich alle 72 gelesen.

Mögen Sie Harry Potter?

Hohlbein: Ich habe ihn aus Prinzip schon nicht gelesen. Die Geschichten sind sicherlich gut, aber was der Verlag da treibt, ist eine Unverschämtheit. Zum Beispiel ist eine zweite Ausgabe für Erwachsene herausgebracht worden — mit dem gleichen Text, nur fünf Mark teurer. So etwas ärgert mich. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich neidisch bin, aber vielleicht doch — wer weiß. Andererseits freut es mich aber auch, dass es immer noch möglich ist, dass eine bislang völlig unbekannte Autorin einen solchen Erfolg haben kann.

Sie sind ein Fan von Computerspielen, schreiben aber mit der Hand. Wie passt das zusammen?

Hohlbein: Es macht mir nichts aus, acht Stunden mit der Hand zu schreiben. Am Computer ist die Ablenkung zu groß. Da fallen mir tausend Dinge ein, die ich noch machen müsste — den Drucker zum achtzigsten Mal installieren oder dieses eine Level von dem Spiel, das ich seit drei Jahren nicht schaffe — vielleicht klappt's ja heute.

Sind Ihre Leser in erster Linie junge Menschen?

Hohlbein: Etwa achtzig Prozent sind zwischen 15 und 25 Jahre alt.

Woran liegt das?

Hohlbein: Vielleicht ist das die erste Generation, die mit dieser Art von Literatur wirklich aufgewachsen ist. Ich wurde in der Schule noch schief angeguckt, wenn ich Science-Fiction-Hefte las. Heute hat auch ein Germanistik- Professor kein Problem mehr, wenn er in den Pausen zwischen den Vorlesungen Stephen King liest. Diese Nischen- Geschichte gibt's nicht mehr.

Gibt es schon Hohlbein-Verfilmungen?

Hohlbein: Nein, es gibt immer mal wieder Anfragen oder Vorverträge, aber so weit, dass eine Kamera gelaufen ist, bin ich noch nicht gekommen. Doch das wird mit Sicherheit irgendwann der Fall sein.

Würden Sie dann gerne eine Rolle übernehmen?

Hohlbein: Ich finde es ganz witzig, eine halbe Minute durchs Bild zu huschen — so wie Hitchcock oder Stephen King. Aber ich glaube nicht, dass ich dafür zu irgendwelchen Dreharbeiten nach Neuseeland fliegen würde.

Im Avalon-Projekt gibt es den Anflug einer Romanze. Richtige Love- Storys sind aber in Ihren Büchern äußerst selten. Woran liegt das?

Hohlbein: Es ist nicht so, dass ich so etwas nicht mag. Ich habe zum Beispiel mit großem Vergnügen den "Pferdeflüsterer" gelesen. Diese Art von Geschichten kann ich aber nicht so gut schreiben — das liegt mir einfach nicht.

Hat eines Ihrer Kinder Ihr Talent geerbt?

Hohlbein: Meine Tochter Rebecca. Sie ist 23 Jahre alt und hat bereits zwei Kurzgeschichten veröffentlicht. Jetzt arbeitet sie an ihrem ersten Roman. Ich habe die Kurzgeschichten zwar weitervermittelt, aber niemandem gesagt, von wem sie sind. Nachdem es beim Verlag hieß "Prima, nehmen wir!", habe ich erst erzählt, dass meine Tochter die Geschichten geschrieben hat.

In Ihren Büchern kommen viele grausame Szenen vor — die Leser sind in erster Linie junge Menschen. Befürchten Sie da keine negativen Auswirkungen?

Hohlbein: Überhaupt nicht. Ich glaube nicht, dass ich auch nur in einer Szene Gewalt verherrlicht habe. Wenn Gewalt zum Selbstzweck wird, finde ich das nicht gut. Aber wenn es zur Geschichte gehört, ist das etwas anderes.

Was können Ihre Leser als nächstes erwarten?

Hohlbein: Ende August oder Anfang September wird bei Ueberreuter ein Jugendbuch erscheinen, der Titel ist "Gralszauber".

Wie stellen Sie sich als Science- Fiction-Autor die Zukunft vor? Wie werden die Menschen in 50 Jahren leben?

Hohlbein: Ich denke, sie werden besser leben. Ich bin ein unverbesserlicher Optimist. Es wird nicht das Paradies werden, aber die Fortschritte in der Medizin und die Entwicklung umweltfreundlicher Techniken in den vergangenen Jahren sehe ich sehr positiv — es geht aufwärts.

(NGZ)
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