Feuilleton: Ein packender Hamlet

Feuilleton: Ein packender Hamlet

Neuss (KaTse) Fraglos brillant ist Shakespeare dereinst sein Dänendrama "Hamlet" aus der Feder geflossen, allerdings so umfangreich, dass gewiss einige der Groundlings, der weniger betuchten Zuschauer, die das Stück seinerzeit stehend verfolgen mussten, sich gewünscht haben werden, der Klappstuhl wäre bereits erfunden.

Neuss (KaTse) Fraglos brillant ist Shakespeare dereinst sein Dänendrama "Hamlet" aus der Feder geflossen, allerdings so umfangreich, dass gewiss einige der Groundlings, der weniger betuchten Zuschauer, die das Stück seinerzeit stehend verfolgen mussten, sich gewünscht haben werden, der Klappstuhl wäre bereits erfunden.

Um so eindrucksvoller ist deshalb die Eleganz und Geradlinigkeit, mit der es Jochen Schölch, Regisseur und Professor an der Bayerischen Theaterakademie, gelungen ist, statt einem "Hamlet" der vielen Worte, einen "Hamlet der starken Bilder und großen Gefühle auf die Bühne zu zaubern.

"Hamlet oder nicht Hamlet, das ist hier die Frage" so fragt Schölch eher rhetorisch im Titel seiner sinnvoll gekürzten Variante des Dramas vom zögerlichen Prinzen, die er im Globe zeigte. Denn womit sieben Absolventen der Akademie beim Shakespeare-Festival rundum begeisterten, das war "Hamlet" in Bestform, packend, frisch, bewegend, wie er nur selten zu sehen ist.

Eine intelligente Kürzung sowohl der Handlung als auch des Personals, starke musikalische Elemente, vor allem aber ein hochmotiviertes junges Team, dem jedes Wort, jede noch so unscheinbare Geste unmittelbar aus der Seele zu kommen schien, waren die drei tragenden Elemente dieser beachtlichen, modernen Inszenierung, die mit leisen, monotonen Bässen bereits vor Beginn der Aufführung dumpfes Unheil ankündigte.

Sprühend vor Temperament und Zorn war Lena Dörrie ein grandioser, knabenhafter Hamlet, unversöhnlich, wütend, zerstörerisch rasend gegen alle, auch die, die ihn lieben und dennoch gute Miene zum bösen Spiel des Brudermörders Claudius machen.

  • Düsseldorf : Hamlets Monolog - mit Musik

Anas Ouriaghli zeigte einen strahlenden, siegesgewissen Claudius, bei dessen Reuegebet sich in der Premiere Natur und Kunst selten schön ergänzten, weil ein kräftiger Donnerschlag über dem Globe die Bitte des Claudius um Erbarmen kommentierte. Esther Kuhn bestach als arglose Gattin des alten und des neuen Königs, blind für die Wahrheit, hilflos vor Hamlets Anfeindungen, verzweifelt resigniert schließlich bei dessen Tod.

Benjamin Mergarten spielte erfrischend den kalauernden Wortverdreher Polonius, Norman Sonnleitner dessen düster-bedrohlichen Sohn Laertes, einen Rambo im Netzhemd bewaffnet bis an die Zähne und Golo Euler zeigte einen schillernden, von Hamlet gedemütigten Rosenkranz. Birthe Wolter schließlich gelang eine zerbrechliche, fast kindliche Ophelia, die - was für ein starkes Bild! - trauernd um ihren Vater Polonius in dessen Kleidern versinkt.

Überhaupt ist Schölch ein Meister der Bilder, der in Videoclipästhetik entscheidende Szenen mit moderner, populärer Musik unterlegt, etwa Liedern der Gruppe Rosenstolz, seine Schauspieler im Spotlight in Zeitlupe sich bewegen lässt und dabei gefühlsstarke Eindrücke von Liebe, Hass, Erotik, Freundschaft, Verzweiflung schafft.

Bewegender Schlussakkord in diesem Furioso aus Rache und Leidenschaft ist Hamlets Todeskampf. Getroffen von der giftigen Klinge bricht dieser zarte Hamlet immer wieder wie tot zusammen, rafft sich wieder auf mit der Kraft des Zorns, will weiter kämpfen, rasen, rächen, auf den Beinen, die ihm wegbrechen. L

ena Dörrie gelingen mit diesem verzweifelten, herzzerreißenden Sterben atemberaubende, unvergessliche Bühnenmomente, Schölch und seinem jungen Team insgesamt ein einzigartiger, sehenswerter Hamlet.

(NGZ)