Filmemacher Armin Maiwald aus der „Sendung mit der Maus“: Eher Journalist als Lehrer — und neugierig

Filmemacher Armin Maiwald aus der „Sendung mit der Maus“: Eher Journalist als Lehrer — und neugierig

Von Susanne Niemöhlmann

Das unten auf dem Foto ist der Armin. Richtig heißt er eigentlich Armin Maiwald. Aber von den kleinen und großen Maus-Fans weiß das kaum einer. Dafür kennen sie sein Gesicht. Noch besser allerdings seine Stimme. Denn die ist fast so was wie ein Markenzeichen für die "Sendung mit der Maus" geworden. Da erklärt der Armin beispielsweise, wie die Löcher in den Käse und die Streifen in die Zahncreme kommen. Oder warum sich Geschenkband kräuselt, wenn man mit der Schere dran vorbeifährt. Oder was die Kinder sonst eben so wissen wollen. Die schreiben dem Armin ihre Frage auf eine Karte. Er recherchiert das dann, und wenn er die Antwort weiß, macht er einen Film daraus. Und den kann man sonntags im Fernsehen sehen. Eben in der "Sendung mit der Maus". Wie das funktioniert, und wie er zum Fernsehen gekommen ist, steht auf dieser Seite.

Herr Maiwald, warum spricht die Maus nicht?

Maiwald: Das haben wir uns damals gut überlegt. Seit Disney quaken und labern alle Zeichentrick-Viecher. Wir haben gesagt: Unsere Tiere reden nicht — Maus, Elefant, Ente, auch der Maulwurf. Nur die Tiere in den eingekauften Filmen können sprechen.

Wie erklären Sie sich den Kult- Status der Maus?

Maiwald: Das hängt auch damit zusammen, dass die heutigen Eltern selbst schon als Kinder die Maus gesehen haben und sich erinnern, dass sie ordentlich bedient worden sind. Die geben das an ihre Kinder weiter. Das ist ein Generationen-übergreifendes Ding. Die Idee von Gert Müntefering war es, eine Sendung zu machen, die für Kinder spannend und für ihre Eltern nicht langweilig ist. Die sie gemeinsam ansehen und sich nachher darüber unterhalten. Das ist uns gelungen.

Kann man die Maus als Mutter des modernen anspruchsvollen Kinder- Fernsehens bezeichnen?

Maiwald: Schwer zu sagen. Die meisten Leute, die uns heute furchtbar loben, wollten uns damals überhaupt nicht. Pädagogen und Kindergärtner haben uns verflucht. Ihnen war alles viel zu schnell, zu bunt. Wir sollten die Dinge benennen. Die ersten Filme waren nämlich ohne Text. Wir wollten, dass die Kinder sehen lernen.

Das hat sich aber geändert ...

Maiwald: Letztlich aufgrund des Drucks von außen. Erst haben wir sparsam wenige Sätze gesprochen. Im Laufe der Zeit sind die Filme richtig zugetextet worden.

Ich kann mir vorstellen, dass Kinderfernsehen vor 30 Jahren noch nicht so anerkannt war ...

Maiwald: Auch heute noch nicht. Sie bekommen eher 20 Millionen für Fußballrechte als eine Million fürs Kinderprogramm. Kinder haben keine Lobby. Die Maus hat heute nach fast 30 Jahren einen verhältnismäßig komfortablen Status erreicht, aber gemessen an Fußballrechten sind wir immer noch arme Kirchenmäuse.

Sie waren ja zu Anfang kein Sprecher. Wie ist es dann dazu gekommen?

Maiwald: Wie der Hund zur Ohrfeige. Wir haben einen Film gemacht, mit dem unser Redakteur Gert Müntefering am Schneidetisch zufrieden war. Als er dann bei der technischen Abnahme den Kommentartext dazu hörte, war er wütend. Wir haben uns heftig gestritten und zwei Tage später rief er an: "Mach noch einen Versuch. Am Schneidetisch hast Du einfach einen Text dazu runtergelabert. Mach das nochmal. Dann gucken wir uns das nochmal an." Ich hab‘s gemacht, er war zufrieden, und seither machen wir das immer so.

Das bedeutet, Sie schreiben Ihre Texte bis heute nicht vor?

Maiwald: Nichts. Nie.

Kein Konzept, keine Stichworte?

Maiwald: Nichts. Das einzige, was ich mir aufschreibe, sind Namen.

Ist das das Geheimnis, dass die Filme so kindgerecht rüberkommen?

Maiwald: Wahrscheinlich. Ich kann das auch nur bei Filmen, die ich selbst gemacht hab‘, weil ich dann in der Materie bin. Bei einem fremden Film bin ich nicht sicher, ob das klappen würde.

Wie verstehen Sie Ihre Arbeit?

Maiwald: Wir sind Reporter im besten Sinne. Wir öffnen Türen, die Kindern normalerweise verschlossen bleiben, und laden die Kinder zu einer Entdeckungsreise ein. Wir zeigen auch, wenn wir mal Schiffbruch erlitten haben. Nichts wollen wir weniger als auf einem Podest stehen — da kommt man so schlecht wieder runter.

Als was sehen Sie sich selbst: Moderator, Journalist, Wissenschaftler oder Lehrer?

Maiwald: Keine Ahnung. Am wenigsten bin ich Lehrer. Am ehesten vielleicht Journalist. Hauptsächlich bin ich neugierig. Das ist das Wichtigste. Wenn mich eine Sache nicht interessiert, mache ich die nicht. Und die kindliche Neugier ist unser bester Partner. Solange Kinder Fragen stellen, gehen uns die Stoffe nicht aus.

Und Fragen stellen sie reichlich ...

Maiwald: Wir bekommen pro Woche im Schnitt 800 Briefe und E-Mails. Das ist ein Haufen Zeug. Und jedes Kind, das schreibt, bekommt eine Antwort. Darauf sind wir sehr stolz.

Wann ist ein Thema "maus-fähig"?

Maiwald: Wenn die Kinder danach fragen. Manchmal sind es die Postkarten mit den vier, fünf berühmten Worten. Da sagt man: Mensch, auf diese Frage muss man erst mal kommen. Die ist so messerscharf und so einfach. Oft sind es auch Sachen, mit denen man jeden Tag umgeht. Irgendwann fragt man sich: Wie entsteht so etwas? So sind wir auf die Sachgeschichten gekommen.

Wieviel Zeit vergeht von der ersten Idee bis zur Sendefähigkeit eines Themas?

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Maiwald: Das ist ganz unterschiedlich. So eine Geschichte wie die Entstehung der Büroklammer braucht von der Recherche bis sie sendefähig ist drei Monaten. Das andere Extrem ist die Geschichte "Was macht Vitamin C im Körper?". Das hat drei Jahre Vorbereitung gekostet. Die eigentlichen Dreharbeiten haben dann aber nur drei Tage gedauert.

Wie bewahrt man sich über drei Jahrzehnte diese kindliche Sicht, unbefangen an Dinge heranzugehen?

Maiwald: Ich weiß nicht, ob man sich das überhaupt bewahren kann. Ich steige irgendwo in der Welt aus dem Flugzeug, setze mich in ein Auto und fahre keine 50 Meter, dann habe ich 20 Dinge entdeckt, wo ich sage: Oh, was ist das denn?

Sie haben sich für einen Beitrag mal eine Dauerwelle machen lassen. Kamen Sie sich bei solchen Aktionen manchmal komisch vor?

Maiwald: Man stellt sich hin und sagt: Jetzt machen wir Blödsinn. Und wenn wir Blödsinn machen, dann richtig. Da muss es krachen. Im Moment bereiten wir einen Film über die Erfindung des Zuckerwürfels vor. Aber solche Kostümschinken — das war ja im Biedermeier — muss man richtig vorbereiten. Die Requisiten haben wir an Land. Wahrscheinlich werden wir das noch diese Jahr schießen.

Sie leben und arbeiten in Köln. Da werden Sie sicher häufig auf der Straße angesprochen. Wie kommen Sie mit der Popularität klar?

Maiwald: Das ist eine Geschichte, an die man sich erst gewöhnen muß. Als mich zum ersten Mal jemand um ein Autogramm bat, bin ich erschrocken. Daß jemand von mir ein Autogramm haben wollte, erschien mir so aberwitzig, daß ich dachte, der wollte mich auf den Arm nehmen. In Venedig an der Rialto- Brücke habe ich für einen Stau gesorgt, als eine gesamte Mädchen-Klasse Autogramme wollte. Und im Flieger von Augsburg hat mich der Pilot ins Cockpit gebeten.

Wie ist es, wenn man mit 60 Jahren für jedes fünfjährige Kind "der Armin" ist?

Maiwald: Das ist kein Problem.

Sie sind 60. Haben Sie den Ruhestand mit 65 angepeilt?

Maiwald: Mein Alter war für mich nie eine Frage. Solange es Spaß macht und die Fans mich sehen wollen, mache ich weiter.

Sie haben als Kind zwei Jahre in Neuss verbracht. Wie sehen Ihre Erinnerungen an diese Zeit aus?

Maiwald:In Neuss haben wir an der Jülicher Straße 66 gewohnt. Ich bin neulich nochmal da gewesen. Das Quirinus- Gymnasium an der Breite Straße, in das ich gegangen bin, gibt es nicht mehr, das ist ein Amtsgericht. Mein Klassenlehrer hieß Dr. Storz, genannt Buddha. In der Dreikönigenkirche war ich Messdiener. Und die Neuß- Grevenbroicher Zeitung gab es damals auch schon, und die haben wir auch gelesen. Welche Erinnerungen hab ich sonst noch an Neuss? Na klar, Schützenfest — logisch! Dann gab es damals einen Laden an der Niederstraße, Kaiser & Ganz, die hatten zu Weihnachten Spielzeug-Eisenbahnen im Schaufenster. Da hab ich mir immer die Nase plattgedrückt.

Was war Ihr Traumberuf als Kind?

Maiwald: An sich wollte ich Schiffsbauingenieur werden, so mit 15, 16 Jahren, nach Lokomotivführer und den üblichen Dingen, die Jungens halt so machen. Dann fragte mich irgendjemand: Willst Du Dein ganzes Leben in so einem Schiffsbauch verbringen?

Wie sind Sie zum Fernsehen gekommen?

Maiwald: Als ich 17 war, suchte das Fernsehen junge Leute für eine Diskussionsrunde. Der Direx unserer Schule hat mich wegen meiner großen Klappe zwangsverpflichtet, zum Casting zu gehen. Von den 800 Leuten sind dann sechs übriggeblieben, und ich war dabei. Das Studio und alles drumherum fand ich so spannend, dass ich mit meinem druckfrischen Abitur-Zeugnis zur Uni bin und mich eingeschrieben habe und anschließend mit dem druckfrischen Studienausweis beim Sender nach einem Job gefragt habe. Ich bin dann tatsächlich als Kabelhilfe eingestellt worden. Aber bevor ich ins Studio durfte, musste ich die harte Ausbildung machen: Nägel aus den Kulissen ziehen, Ü-Wagen aufbauen und so weiter.

Wie ging es weiter?

Maiwald: Im vierten Semester hab ich mich als Regie-Assistent beim Sender beworben. Doch da hatte ich keine Chance. Dann hab ich mit ein paar Jungs den ersten freiproduzierten Film in Köln gemacht: Zwei Kameraleute, Paul Ellmerer und Lukas Maria Böhmer, und Regie-Assistent Hanno Brühl suchten noch einen vierten Mann für die Organisation. Zu verdienen gab's nichts. Das war keine low-budget-, sondern eine no-budget-Produktion. Und ich musste beispielsweise zum Polizeipräsidenten, weil wir einen Sarg aus dem Fenster lassen wollten — 1961! Ich hab‘ das alles ganz ohne Geld irgendwie hingekriegt, und der WDR hat den Film gekauft. Und nachdem wir alle Schulden bezahlt hatten, blieben für jeden noch 250 Mark übrig. Unendlicher Reichtum! Hanno Brühl empfahl mich beim WDR weiter. So bekam ich an meinem 23. Geburtstag mit gleicher Post parallel zwei Briefe von zwei Abteilungen, ich könnte mich als Regie- Assistent vorstellen. Ich hab die beiden Briefe in die Luft geworfen und den aufgefangen, der als erster herunterfiel. Der war von der Hauptabteilung "Fernsehspiel".

Später haben Sie zum "Nachmittagsprogramm" gewechselt ...

Maiwald: Eigentlich wollte ich nach dem Studium auf die Filmhochschule in Lodz gehen. Die notwendigen Devisen dafür hatte ich mir auch schon zusammengespart. Als ich mich verabschieden wollte, machte mir Siegfried Mohrhof, der damalige Leiter des "Nachmittagsprogramms", ein unglaubliches Angebot: Wenn ich in Köln bliebe, könnte ich im nächsten Jahr meinen ersten eigenen Film machen. Und wenn ich das nicht schaffte, könne ich dann ja immer noch nach Lodz gehen. Das war nun gleichzusetzen mit 'nem Doppel-Sechser im Lotto, denn alle meine Kollegen mussten jahrelang assistieren, bevor sie so eine Chance bekamen. Also bin ich hier geblieben.

Wann haben Sie den Sprung in die Selbständigkeit gewagt?

Maiwald: 1968 gemeinsam mit Paul Ellmerer — mit null Mark. Die fünf Mark zum Anmelden des Gewerbes haben wir mit 'nem Messer aus der Sparbüchse seiner Tochter geholt. Klingt wie eine Tellerwäscher- Geschichte, ist aber die Wahrheit. Unsere Firma haben wir am 1. April gegründet, damit jeder wissen sollte, was er davon zu halten hatte. Wir besaßen nichts, weder Telefon noch Kamera. Erst der dritte Film war übrigens ein Fernsehauftrag. 1969 haben wir die ersten Sachgeschichten gemacht, "Das Brötchen" und "Das Ei".

War das schon gezielt Kinderfernsehen?

Maiwald: Ja, natürlich. Gert Müntefering, mit dem ich schon bei "Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt" zusammengearbeitet hatte, war ein sehr revolutionärer Denker, ein Klasse-Typ. Dem war es zu wenig, Sendungen aus dem Studio zu machen, der wollte die Wirklichkeit zeigen, Journalismus für Kinder machen. Keine breitgetretenen Dokumentationen, sondern schnelle Schnitte, ohne Text, dafür mit Schlagermusik unterlegt — wie in der Werbung. Das war völlig gegen den damaligen Trend.

Aber erfolgreich. Am 7. März 2001 wird die Maus 30. Was ist für diesen Geburtstag in Vorbereitung?

Maiwald: Neben dem größten Familienalbum der Welt ist das größte Maus- Bild geplant. Das soll ein kleiner animierter Maus-Spot werden. Aber jedes Bild besteht aus elfhundert Kindern und wird in einer anderen Stadt aufgenommen. Das ist eine Logistik-Nummer, zu der Ihnen nichts mehr einfällt. Außerdem kommt ein Maus-Buch mit vielen Sachgeschichten heraus. Eine interaktive CD-Rom wird jetzt auf der Buchmesse vorgestellt.

(NGZ)
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