Rhein-Kreis Neuss: Djir-Sarai: "Iran droht wirtschaftlicher Kollaps"

Rhein-Kreis Neuss : Djir-Sarai: "Iran droht wirtschaftlicher Kollaps"

Bijan Djir-Sarai (41, FDP), in Teheran geborener Bundestagsabgeordneter aus Grevenbroich, ist Vorsitzender der Deutsch-Iranischen Parlamentariergruppe. Nach dem Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran befürchtet er eine Verschärfung der Konflikte im Mittleren Osten und fordert Europa auf, ein neues, erweitertes Abkommen zu versuchen.

In Grevenbroich ist er aufgewachsen, in Neuss ist er Schütze - doch aus dem Rheinland, das Heimat geworden ist, blickt er derzeit mit großen Sorgen auf sein altes Zuhause: In Teheran wurde er vor 41 Jahren geboren. "Ohne die USA macht das Atomabkommen mit dem Iran keinen Sinn mehr", sagt Bijan Djir-Sarai, "die Amerikaner werden sehr genau hinschauen, wer auch weiterhin Geschäfte im Iran macht". Im Klartext: Auch deutsche Unternehmen werden sich auf Dauer zwischen Geschäften auf dem amerikanischen und dem iranischen Markt entscheiden müssen - und werden sich im Zweifel auf die lukrativeren Geschäftsbeziehungen mit den USA konzentrieren.

Auch am langen Himmelfahrts-Wochenende bleibt der FDP-Bundestagsabgeordnete mit Wahlkreis im Rhein-Kreis Neuss ein gefragter Gesprächspartner für die Medien. Die Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran durch US-Präsident Donald Trump und deren Folgen muss Djir-Sarai immer wieder einordnen und kommentieren. Er tut dies als außenpolitischer Sprecher seiner liberalen Fraktion, er ist aber auch bei Themen rund um den Iran ein ausgewiesener Experte: Spricht Djir-Sarai über den Iran, spricht er über seine alte Heimat. Außerdem wurde er soeben zum Vorsitzenden der Deutsch-Iranischen Parlamentariergruppe gewählt. Ein Amt, das er bereits zwischen 2009 und 2013 innehatte.

Die langen Verhandlungen bis zur Regierungsbildung haben zur Folge, dass sich die Parlamentariergruppen erst jetzt konstituieren können. So muss Djir-Sarai das Arbeitsprogramm noch erarbeiten und offizielle Kontakte nach Teheran wieder beleben. Doch er verfügt über ausreichend Verbindungen in das Land, um sich ein Bild von der Situation nach dem Ausstieg der USA aus dem Atomdeal zu machen.

Für die westlich orientierte Zivilbevölkerung sei das Scheitern des Abkommens eine große Enttäuschung. Sie habe auf eine Öffnung des Landes gehofft. So sei die Entscheidung von US-Präsident Trump nicht nur bitter für die Unternehmen, sie sei besonders bitter für die Menschen in einer für sie eh schon sehr schwierigen Wirtschaftslage. Angesichts von Inflation, Korruption und Misswirtschaft, so Bijan Djir-Sarai, drohe dem Land nun der wirtschaftliche Kollaps.

In dieser Situation müsse Europa, so Djir-Sarai, die Gelegenheit nutzen, um zu beweisen, dass es in der Lage sei, eine eigenständige Außen- und Sicherheitspolitik zu gestalten. Europa müsse unter der Führung von Deutschland und Frankreich versuchen, das Abkommen in einer erweiterten Fassung zu retten. Konkret gehe es darum, den Iran dazu zu bewegen, neben dem Atomprogramm ("Da ist Teheran vertragstreu") sich auch beim Raketenprogramm ("Das ist aggressiv und feindselig") und bei seinen Aktivitäten im Libanon, in Syrien und im Jemen vertraglich zu beschränken. Dass beide Punkte im aktuellen Abkommen fehlen, hätten gerade die Amerikaner als Defizit angesehen. Ein neues Abkommen sei schwierig zu realisieren, "aber Europa sollte es versuchen". Erfolg sei letztlich nur möglich, wenn Russland in die Verhandlungen eng eingebunden werde: "Die Situation ist sehr komplex und alles hat mit allem zu tun." Aber Europa dürfe nicht tatenlos zusehen, wie sich die Konflikte vor seiner Haustüre verschärften.

(-lue)
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