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Rhein-Kreis Neuss: Die SPD erobert zwei von drei Wahlkreisen

Rhein-Kreis Neuss : Die SPD erobert zwei von drei Wahlkreisen

Sie waren alle sprachlos. Die einen vor Glück, die anderen vor Entsetzen. Als gestern um 18 Uhr die Prognosen von ARD und ZDF über die Großleinwand im Grevenbroicher Kreissitzungssaal flimmerten, brandete kein Jubel bei der SPD auf.

"Jetzt haben wir die Chance, einen Wahlkreis im Rhein-Kreis direkt zu holen", wagte Klaus Krützen eine frühe Einschätzung, was das prognostizierte Ergebnis lokal bedeuten könnte. Die Erwartung des Kreisvorsitzenden sollte später übertroffen werden. Mit Reiner Breuer (Neuss) und Rainer Thiel (Domagen, Grevenbroich, Rommerskirchen) gewannen die Sozialdemokraten sogar zwei der drei Wahlkreise im Rhein-Kreis. Still genoss Korschenbroichs SPD-Vorsitzender Albert Richter den Triumph: "Es gibt schöne Tage ..."

Wie geht's aus? Klaus Krützen, Rainer Thiel (beide SPD) und Peter Cremerius (FDP) – stehend von links - sehen mit Freuden die Ergebnisse, die im Kreishaus eintreffen. Dieter Welsink (CDU) – sitzend links - schaut da schon skeptischer, während Landrat Hans-Jürgen Petrauschke (r.) Arbeitsatmosphäre verbreitet. Foto: M. Reuter

Bei der CDU fand als erste Daniela Leyhausen die Sprache wieder: "Ein Desaster. Eine Katastrophe. Eine bittere Niederlage. Ich habe mich für Norbert Röttgen engagiert, und darum habe ich auch persönlich verloren." Das Konzept von Hannelore Kraft, einen Wohlfühl-Wahlkampf zu führen, sei aufgegangen: "Die Bürger wollten die Wahrheit nicht hören."

Die Erste Stellvertreterin vertrat den CDU-Kreisvorsitzenden Lutz Lienenkämper, der sich entschieden hatte, als Mitglied von Norbert Röttgens Kompetenzteam den Wahlabend in Düsseldorf zu erleben und nicht bei der erschütterten Basis zu Hause. Persönlich konnte sich Lienenkämper (Jüchen, Kaarst, Korschenbroich, Meerbusch) trösten. Er kehrt als einziger von ehemals drei CDU-Abgeordneten aus dem Rhein-Kreis in den Landtag zurück, wenn sich die neue CDU-Fraktion heute trifft. Seine beiden bisherigen Mitstreiter Wiljo Wimmer und Jörg Geerlings sind draußen.

Nur ältere Menschen konnten sich erinnern, einen vergleichbaren Wahlabend erlebt zu haben — den 12. Mai 1985. Damals setzten sich völlig überraschend drei SPD-Kandidaten (Friedhelm Farthmann, Erich Heckelmann und Heinz Hilgers) durch. Ihre CDU-Kontrahenten Peter Daners, Peter-Olaf Hoffmann und Siegfried Zellnig verloren ihr Landtagsmandat. Nur Hans-Ulrich Klose gewann als CDU-Mann seinen Wahlkreis.

Vor 27 Jahren kam die CDU-Spitze noch in der Wahlnacht zu einer Krisensitzung zusammen. Dieses Mal wird es etwas länger dauern. Der Kreisvorstand wurde erst für morgen Abend eingeladen. Wird's laut? Dieter Welsink, der Vorsitzende der CDU-Kreistagsfraktion, rät zu einer "ehrlichen Wahlanalyse": "Wir müssen erkennen, dass wir unsere CDU-Politik den Bürgern offenbar nicht nahe bringen konnten." Mit dem Kreistagsabgeordneten Bertram Graf von Nesselrode flüchtete sich ein alter Fahrensmann in Galgenhumor: "Als Schalke-Fan bin ich leidensfähig." Und ernsthaft: "Norbert Röttgen hat die Konsequenz gezogen. Mehr will ich kommentierend nicht sagen."

Bijan Djir-Sarai freute sich als FDP-Kreisvorsitzender über das überraschend starke Comeback der Liberalen: "Wir haben das Totenglöckchen wieder eingepackt." Aber die Erleichterung über das eigene Erstarken konnten seine Stimmung angesichts des Gesamtergebnisses nicht heben: "Ich mache mir Sorgen um das bürgerliche Lager. Diese Wahl bedeutet im Kern einen gewaltigen Linksruck." Der FDP-Kreisvorsitzende, der — obwohl auch Mitglied im Landesverstand — nicht nach Düsseldorf gefahren war, sondern bei seinen Parteifreunden vor Ort, lobte seine FDP-Kandidaten, vor allem die Seiteneinsteiger Hermann-Josef Verfürth und Peter Cremerius: "Beide haben uns gut getan." Er werde versuchen, weitere Mitstreiter aus der Tiefe der Gesellschaft für die FDP zu gewinnen, "um unseren Erfolg bei der Kommunalwahl 2014 nachhaltig zu untermauern."

Die Grünen, die als Mitglied der künftigen Regierungskoalition zu den Wahlsiegern gehören, blieben gestern der Wahl-Präsentation im Kreishaus fern. Hans Christian Markert (Neuss) feierte zunächst in der Neusser Szenekneipe Okie Dokie, später mit seiner Landtagsfraktion, der er auf jeden Fall angehören wird. Derweil versuchte Landrat Hans-Jürgen Petrauschke als Wahlleiter Arbeitsatmosphäre zu verbreiten: "Die Wahl im Rhein-Kreis ist ordnungsgemäß abgelaufen."

(NGZ)