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Dr. Gerhard Fischer, Leiter Kreis-Veterinäramt: Die Hundehalter für mehr Rücksicht sensibilisieren

Dr. Gerhard Fischer, Leiter Kreis-Veterinäramt : Die Hundehalter für mehr Rücksicht sensibilisieren

Von Carina Wernig

Von Carina Wernig

Maulkorb, Leine, Zuchtverbot — die neue Landeshundeverordnung hat zahlreiche Halter verunsichert. Nach dem tragischen Tod des Schülers Volkan in Hamburg sind die Bestimmungen zur Hundehaltung verschärft worden. "Wir wollen keine Verteufelung der ,normalen Hundehalter‘, sondern nur die Kampf-Szene eindämmen", erläuterte Dr. Gerhard Fischer, Leiter des Veterinäramtes des Kreises Neuss. Im NGZ-Gespräch mit den Redakteuren Frank Kirschstein und Carina Wernig nahm Dr. Fischer im Pressehaus Stellung zu der Verordnung und den Kontrollmöglichkeiten.

Herr Dr. Fischer, wie sieht die Umsetzung der neuen Landeshundeverordnung im Kreis Neuss aus?

Dr. Gerhard Fischer: Diese "Eil-Verordnung" wurde in den vergangenen Tagen mit dem Ministerium und den Veterinärämtern und den Ordnungsämtern diskutiert. Dabei mussten einige Punkte offen bleiben. Vor allem was die Kriterien für den Sachkunde- Nachweis betrifft, ringen wir noch um die konkrete Umsetzung. Das wird in der nächsten Woche besprochen und sicherlich auch geklärt werden.

Gehört zu den offenen Punkten auch die Ausnahmeregelung der Anlein- und der Maulkorbpflicht?

Fischer: Gerade die Ausnahmeregeln sind noch nicht alle einheitlich erfasst. Alle Ämter sind in den vergangenen Tagen mit Anfragen zu Ausnahmen überhäuft worden, eine Linie ist jedoch vorgegeben worden. Allerdings können wir bei der Maulkorbpflicht Ausnahmen zulassen, wenn Zuverlässigkeit und Sachkunde vorliegen. Einem alten und unauffälligen Hund muss man nicht mehr die Prozedur des Maulkorb-Gewöhnens zumuten.

Wie sind die Hunde eingeteilt worden?

Fischer: Es gibt eine Vier-Teilung. Nach Erfahrungswerten, auch aus anderen Bundesländern, wurden die Hunde zugeordnet: Anlage 1 bezeichnet die gefährlichen Hunde, die als Kampfhunde nicht mehr gezüchtet und nur noch unter Auflagen neu angeschafft werden dürfen. Anlage 2 listet die Hunde auf, die — wie die aus Anlage 1 — mit Maulkorb und angeleint geführt werden müssen, die aber noch gezüchtet werden dürfen. Dann gibt es die "40/20-Hunde", die größer als 40 Zentimeter und schwerer als 20 Kilogramm sind. Auch für sie besteht eine Leinenpflicht in bebauten Ortsteilen und in unübersichtlichem Gelände. Ebenso ist für sie ein Sachkunde-Nachweis erforderlich. Und dann gibt es die Gruppe der kleineren Hunde, für deren Halter es keine Einschränkungen gibt.

Können kleinere Hunde nicht auch bissig sein?

Fischer: Kleine Hunde, zum Beispiel Dackel und Terrier, können ebenfalls kräftig zubeißen. Diese Hunde gelten dann auch als gefährlich. Für die Verordnung musste nur irgendwo eine Grenze gezogen werden.

Wie kommen Hundehalter an den Sachkunde-Nachweis?

Fischer: Beantragt wird diese Bescheinigung für Hunde der Anlage 1 und 2 bei den Ordnungsämtern der jeweiligen Stadt oder Gemeinde, in der der Hundehalter lebt. Für die großen Hunde ab 40 Zentimeter reicht eine Bescheinigung, die beim Haustierarzt in der Praxis ausgestellt werden soll. Schließlich kennt der Tierarzt Hund und Halter im Idealfall schon lange und kann sich von der Sachkunde und Zuverlässigkeit ein Bild machen. Im übrigen hat der Berufsverband der Hundeerzieher für den Sachkunde-Nachweis einen Führerschein für Hund und Halter entwickelt, der in wenigen Wochen angeboten wird.

Wie kann die Einhaltung der Verordnung denn überhaupt kontrolliert werden?

Fischer: Wir können und wollen nicht von Haus zu Haus gehen, um zu überprüfen, ob dort ein nicht gemeldeter Hund gehalten wird. Wir appellieren an die Eigenverordnung der Halter.

Wieviel Schutz bietet die Hundeverordnung für Passanten?

Fischer: Die Leinenpflicht, letzten Endes für alle Hunde, ist richtig und wichtig. Die Maulkorbpflicht für die Hunde der Anlage 1 und 2 wird für zusätzlichen Schutz sorgen. Mit der Verordnung soll vor allem die Kampfhund- Szene zerschlagen werden, die ihre Tiere als Waffe einsetzt. Es steht allerdings zu befürchten, dass sich solche Halter zunächst einmal gar nicht selbst melden. In einigen Jahren wird hoffentlich das Zuchtverbot hier greifen, da dann offiziell keine Kampfhunde der Anlage 1 mehr in Deutschland gehalten werden dürfen.

Hatten Sie noch vor einigen Jahren damit gerechnet, dass es eine solche Verordnung geben würde?

Fischer: In dieser Schärfe nicht. Allerdings hatten sich in den vergangenen zwei Jahren die Attacken von Kampfhunden gegen Passanten so gehäuft, dass zumindest mit einem Zuchtverbot zu rechnen war.

Wieviele Hunde und Kampfhunde gibt es im Kreis Neuss?

Fischer: Laut grober Schätzung sind 20 000 Hunde im Kreis Neuss gemeldet, davon fallen vielleicht 1000 Hunde in Anlage 1 und 2. Aber das sind keine gesicherten Zahlen. Durch die Anmeldepflicht liegen in absehbarer Zeit annähernd richtige Zahlen vor.

Werden durch die Verordnung unbescholtene Hundehalter mit aggressiven Kampfhundebesitzern gleich gesetzt?

Fischer: Natürlich trifft die Leinen und Maulkorbpflicht vor allem Hunde mit erfahrenen und besonnenen Besitzern, die sich vorschriftsmäßig verhalten haben und nun in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Kaum ein Hund ist von sich aus aggressiv und bissig. Erst wenn der Halter nicht richtig mit ihm umgeht oder ihn bewusst "scharf" macht, wird der Hund zur Bedrohung.

Muss dann nicht mehr Wert auf den so genannten Hunde-Führerschein gelegt werden, um auch die Besitzer zu erreichen, die — vielleicht unbewusst — Aggressionspotenzial zulassen?

Fischer: Ein Hund, der nicht gehorcht, ist gefährlich; auch der kleine Hund. Die Halter sollten in der Lage sein, ihren Hund auch in Krisen-Situationen zu beherrschen. Dabei können Hundeschule, Hundevereine oder die Jägerschaft mit Lehrgängen helfen.

Sollen die Hundebesitzer mehr Rücksicht auf die Passanten nehmen?

Fischer: Bei der derzeit aufgeheizten Stimmungen erwarte ich von den Hundehaltern erhöhte Rücksichtnahme auf die Angst der Menschen, denn die Angst ist da, auch wenn sie unbegründet ist. Jeder, der seinen Hund ausführt, sollte dies vorausschauend und mit Rücksicht auf Passanten und andere Hundehalter tun. Wenn jeder seinen Hund an die Leine nimmt, ist schon viel gewonnen.

Wie bewältigen die Ämter im Kreis Neuss den zu erwartenden Ansturm der Hundehalter?

Fischer: Zunächst durch detaillierte Informationen aller Beteiligten, mit der Bitte um etwas Geduld. Die Ordnungsämter, die erste Anlaufstelle sind, verteilen drei Merkblätter für die jeweilige Hunde-Kategorie. In der nächsten Zeit werden wir einheitliche Anträge erarbeiten, die dann auch ausgegeben werden. Dann müssen Hund und Halter überprüft und die Sachkunde- Nachweise erstellt werden. Ziel ist eine einheitliche Vorgehensweise hier im Kreis Neuss.

Wie gehen die Ordnungskräfte vor, wenn sie in der Bearbeitungszeit des Antrags einen Hundehalter noch ohne Erlaubnis antreffen?

Fischer: Wenn er seiner Anmeldepflicht nachgekommen ist, muss er selbstverständlich mit keinem Bußgeld rechnen. Dies wird auch in der Übergangsfrist noch so bleiben. Unbelehrbare Hundehalter müssen mit bis zu 2 000 Mark Bußgeld, sogar bis hin zur Wegnahme des Hundes rechnen.

Wann erwarten Sie, dass die Verordnung endgültig greift?

Fischer: Es ist wichtig, dass sofort etwas geschieht, und das ist mit der Leinen- und Maulkorbpflicht für Kampfhunde ja auch geregelt. Auf der anderen Seite werden die korrekten und rücksichtsvollen Halter mit großen Hunden eine gewisse "Schonfrist" erhalten.

Was passiert in dem Fall, dass Sie feststellen, dass der Besitzer nicht geeignet ist, seinen Kampfhund weiter zu halten?

Fischer: Dann werden wir den Haltern diese Tiere wegnehmen. Wenn der Hund friedlich ist und den Rassen der Anlage 2 angehört, versuchen wir, für ihn ein neues Zuhause zu finden.

Gibt es denn Anfragen, Kampfhunde zu übernehmen?

Fischer: Wir haben Kontakt zu erfahrenen Hundehaltern, die im Umgang mit einem Kampfhund geübt sind und sich zutrauen, einen solchen Hund aufzunehmen und gefahrlos zu halten.

Werden die Hunde der Anlage 1 eingeschläfert, wenn sich kein neuer Halter für sie finden lässt?

Fischer: Diese Hunde werden eingeschläfert, wenn sie sich als gefährlich und als nicht vermittelbar herausgestellt haben. Dies haben wir in der Vergangenheit allerdings auch so gemacht, wenn sich herausgestellt hatte, dass die Hunde extrem gefährlich und keinesfalls mehr zu vermitteln waren. Wir wollen vorhandene, friedliche Hunde der Anlage 1 jedoch keinesfalls durch willkürliches Einschläfern ausrotten, stoßen aber durch die Überbelegung in den Tierheimen und durch die Tatsache, dass ein Vermitteln von diesen Hunden in private Hände außerordentlich schwierig geworden ist, an zusätzliche Grenzen.

(NGZ)