RLT-Auswahljury zieht Bilanz des NRW-Theatertreffens: Das Glück kommt aus dem Bauch

RLT-Auswahljury zieht Bilanz des NRW-Theatertreffens: Das Glück kommt aus dem Bauch

"Erschöpft? Darüber sind wir längst hinweg!" Anka Dohmen lacht. Nein, einen erschöpften Eindruck macht sie nicht, und auch die vier anderen nicht, die mit ihr am runden Tisch in der Dramaturgie des Landestheaters sitzen. Obwohl es letzte Nacht - nach der letzten Aufführung - besonders spät war und trotz wenig Schlaf konkrete Auskünfte von ihnen verlangt werden; obwohl sie genau wissen, dass auch dieser Tag noch lang werden wird, schließlich steht abends noch eine eigene Aufführung und die Preisübergabe an, zu der die Ausgezeichneten schließlich noch herbeitelefoniert werden müssen. Zufriedenenes Strahlen beim RLT-Team: Bettina Maurer, Burkhard Mauer, Sewan Latchinian, Anka Dohmen und Ulrike Schanko (v.l.). Foto: A. Woitschützke

"Erschöpft? Darüber sind wir längst hinweg!" Anka Dohmen lacht. Nein, einen erschöpften Eindruck macht sie nicht, und auch die vier anderen nicht, die mit ihr am runden Tisch in der Dramaturgie des Landestheaters sitzen. Obwohl es letzte Nacht - nach der letzten Aufführung - besonders spät war und trotz wenig Schlaf konkrete Auskünfte von ihnen verlangt werden; obwohl sie genau wissen, dass auch dieser Tag noch lang werden wird, schließlich steht abends noch eine eigene Aufführung und die Preisübergabe an, zu der die Ausgezeichneten schließlich noch herbeitelefoniert werden müssen. Zufriedenenes Strahlen beim RLT-Team: Bettina Maurer, Burkhard Mauer, Sewan Latchinian, Anka Dohmen und Ulrike Schanko (v.l.). Foto: A. Woitschützke

Eher glücklich sehen sie aus, zufrieden, dass alles so gut geklappt hat, obwohl sie selbst leistungsmäßig sicher so manches Mal vor der Grenze standen. Keine Nacht vor zwei Uhr ins Bett, um neun Uhr morgens wieder ins Theater - die Stunden, die die Dramaturginnen Ulrike Schanko, Anka Dohmen und Bettina Maurer, der Intendant Burkhard Mauer und Oberspielleiter Sewan Latchinian mit und für das NRW-Theatertreffen verbracht haben, können sie gar nicht zählen. Und wollen sie auch gar nicht. Die nächste Woche wird schlimm, wissen sie, denn vieles ist in diesen Tagen liegen geblieben, muss aber aufgearbeitet werden, bevor die Theaterferien beginnen.

Aber noch stecken die Fünf ganz in der Festivalstimmung, sind spürbar beseelt von den Aufführungen, der Atmosphäre, dem Zuspruch des Publikums - das Stressgefühl ist immer angenehm, wenn es aus so positiven Dingen entsteht, sagt Latchinian. Dass jede Aufführung auch ihr Publikum findet, hatten sich die Fünf natürlich erhofft, aber überrascht sind sie doch darüber, dass so viele Zuschauer gleich mehrere Aufführungen besuchten, obwohl das doch bedeutete, mehrere Abende hintereinander im Theater zu verbringen. "Damit hatte ich nicht gerechnet", sagt Ulrike Schanko. Und Burkhard Mauer fügt hinzu, dass sich alle Ensembles der eingeladenen Theater vom Neusser Publikum begeistert gezeigt hätten. "Immer wieder wurde uns gesagt, wie konzentriert die Menschen hier sind", sagt er, "wie aufgeschlossen und kontaktfroh. Und alle genossen dabei auch die geringe Distanz zum Zuschauer."

Ulrich Zieger, der Autor von "Die Erzählung der ganzen Geschichte" (Theater Bielefeld), habe zum Beispiel das Publikum im Studio wie einen eigenen Kosmos empfunden, der die Aufführung geradezu umschlossen habe; "er sagte, dass er das Gefühl gehabt habe, bei uns die eigentliche Uraufführung seines Stücks erlebt zu haben", erzählt Mauer, und er meint auch zu wissen, woher die so positiv aufgenommene Publikumsreaktion rühren könnte: Das RLT habe mit seiner Arbeit den Boden dafür bereitet. Eine Äußerung, die nur auf den ersten Blick von Eitelkeit zeugt, dabei aber eine Binsenweisheit ist, die jeder Theaterleiter kennt: Ein Publikum kann, muss man sich auch erziehen.

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Doch bei der Auswahl der Stücke für das Theatertreffen hat die Frage wohl nur - wenn überhaupt - eine untergeordnete Rolle gespielt. "Wir waren uns ganz schnell einig", sagt Latchinian, doch ohne dass man vorher konkrete Maßstäbe festgelegt hätte. So viel Glück also aus einer Bauchentscheidung? "Ja", kommt es prompt, "doch wir wollten alle gemeinsam die größtmögliche Ballung von Qualität." Und Mauer fügt hinzu, dass man jedes Stück innerhalb seines Genres bewertet habe.

Proporzfragen wie die nach angemessener Berücksichtigung von Landestheatern oder politische Signale wie eine denkbare Einladung für das in der Diskussion stehende Theater in Aachen, wo auch das NRW-Theatertreffen 2003 stattfinden wird, hätten keine Rolle gespielt. Dass es so viele neue Stücke werden, sei nicht beabsichtigt gewesen, ergänzt Bettina Maurer, das habe sich einfach aus der Sichtung heraus ergeben (insgesamt 49,5 Stunden haben die Fünf dafür im Theater gesessen). "Aber gerade das fand ich total spannend." Nicht nur die Fünf gehen nach der Organisation des Theatertreffens, bei dem alles - vom Entwurf des Briefpapiers bis hin zur technischen Logistik - vom hauseigenen Team geleistet wurde, mit neuen Erfahrungen und Anregungen an die eigene Arbeit zurück.

Vom Ensemble weiß Latchinian, dass es mit "geweckten und geschärften Sinnen" aus dem Festival hervorgeht. Als "freiwillige und willkommene Selbstverunsicherung" bezeichnet er die tägliche Vorführung dessen, was an Schauspiel- und Regiekunst an anderen Häusern vollbracht wird. Und gibt es denn nichts, was sie das nächste Mal anders machen würden? Schweigen. "Also, im Moment fällt mir wirklich nichts ein", sagt Burkhard Mauer fast ein wenig hilflos. Und das von einem Chef, der seine Mitarbeiter nach überstandenen Projekten gerne mit einer "Mängelliste" wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt ... Helga Bittner

(NGZ)
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