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Coronavirus Rhein-Kreis Neuss: Landrat Hans-Jürgen Petrauschke im Interview

Coronavirus im Rhein-Kreis Neuss : „Aktuell haben wir keine Kapazitätsengpässe“

Landrat Hans-Jürgen Petrauschke spricht über Beatmungsplätze in Krankenhäusern, Hamsterkäufe und Maßnahmen gegen das Coronavirus.

Herr Landrat, müssen die Menschen im Rhein-Kreis mit weiteren Einschränkungen wie Ausgangssperren oder noch verschärften Versammlungsverboten rechnen?

Hans-Jürgen Petrauschke Zunächst einmal muss gesagt werden, dass zur Zeit niemand die genaue Entwicklung vorhersehen kann. Wir haben in den vergangenen Tagen eine Vielzahl von Einschränkungen im öffentlichen Leben erhalten. Hierfür bitte ich alle Bürger um Verständnis. Diese dienen der Verlangsamung der Infektionszahlen und insbesondere dazu, den Schutz von Risikogruppen, also Menschen über 60 Jahren oder mit einer Vorerkrankung, zu gewährleisten ohne das Gesundheitssystem zu überfordern und vielleicht bald ein Medikament zur Bekämpfung der schweren Folgen zu erhalten. Eine Verschärfung ist zur Zeit nicht geplant, aber auch nicht auszuschließen.

Wer setzt im Zweifel solche Maßnahmen durch?

Petrauschke Die Überwachung obliegt den Sicherheits- und Ordnungsbehörden.

Es wird vor Hamsterkäufen gewarnt, die Wirkung ist jedoch begrenzt. In vielen Geschäften leeren sich die Regale. Toilettenpapier zum Beispiel ist definitiv in vielen Läden nicht her erhältlich. Was wird getan, um die Versorgung für die nächsten Wochen sicherzustellen?

Petrauschke Die Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Verbrauchsgütern des täglichen Bedarfs ist nicht gefährdet. An einzelnen Tagen waren Regale durch eine außerordentlich hohe Nachfrage leergeräumt, konnten aber am nächsten Tag wieder gefüllt werden. Weder die Lebensmittelproduktion, noch der Gütertransport sind eingeschränkt. Damit das Personal aus dem Lebensmittel Groß- und Einzelhandel sowie der Produktion nicht aufgrund der geschlossenen Schulen und Kindertagesstätten und damit notwendiger Kinderbetreuung ausfällt, können diese ihre Kinder als Teil der kritischen Infrastruktur weiter betreuen lassen, sofern beide Elternteile hiervon betroffen oder sie alleinerziehend sind.

Wie stellt die Polizei sicher, dass sie weiter einsatzfähig bleibt?

Petrauschke Mit zusätzlichen Hygienemaßnahmen und Schutzausrüstungen wollen wir Ansteckungen bei den Polizisten vermeiden. Zudem werden nicht unbedingt jetzt notwendige Besprechungen und Fortbildungen abgesagt.

Reichen die Kapazitäten in Intensivstationen und an Beatmungsplätzen in den Krankenhäusern im Rhein-Kreis um die in den kommenden Wochen zu erwartende hohe Zahl an Patienten zu versorgen?

Petrauschke Aktuell haben wir keine Kapazitätsengpässe. Unser Krisenstab hat gemeinsam mit den Krankenhäusern im Kreis einen Notfallplan erarbeitet um dies auch bei steigenden Fallzahlen sicherzustellen. So bereiten wir aktuell beispielsweise eine leerstehende Station in einem Krankenhaus speziell für die Versorgung von Corona-Patienten vor. Auch werden nicht notwendige, planbare Operationen verschoben. Dadurch werden weitere Behandlungsplätze und Personal gewonnen.

Wie bleiben Rettungsdienste und auch das Pflegepersonal in Krankenhäusern und Altenheimen in ausreichender Zahl einsatzfähig?

Petrauschke Auch hier werden besondere Hygieneregeln beachtet und bei der Schichtplanung berücksichtigt, dass zu möglichst wenigen Kollegen ein direkter Kontakt besteht. Mit den Pflegeeinrichtungen erarbeitet unser Krisenstab eine Konzeption, falls es doch zu Erkrankungen kommt. Um dies zu verhindern, haben wir Besuchsregeln eingeschränkt.

Wer kann Eltern helfen, die mit ihrem Arbeitgeber keine Lösung finden, um die Kinderbetreuung sicherzustellen?

Petrauschke Für Eltern, die beide oder alleinerziehend in zwingend notwendiger Infrastruktur arbeiten, ist eine Betreuung weiter sichergestellt. An andere Arbeitgeber appelliere ich, möglichst flexible Arbeitszeiten und mobiles Arbeiten zu ermöglichen. In der Kreisverwaltung setzen wir dies auch um.

Wann wird voraussichtlich klar sein, zu welchem Zeitpunkt Kitas und Schulen wieder öffnen?

Petrauschke Wann mit einer Wiedereröffnung zu rechnen ist, ist derzeit unklar. Das Land will Ende der Osterferien die Lage neu beurteilen und dann entscheiden, ob die Schließung verlängert wird.

Komme ich an der Hotline des Rhein-Kreises überhaupt noch durch?

Petrauschke Wir erhalten hier bis zu 2500 Anrufe täglich. Die Zahl ist seit Freitag deutlich gestiegen. Daher haben wir die Hotline personell verstärkt, so dass die Anrufe bewältigen werden können.

Gelten im Rhein-Kreis einheitliche Vorsorgemaßnahmen oder regeln die Städte das individuell?

Petrauschke Ich stimme mich in engen Abständen mit allen Bürgermeistern im Kreis über Videokonferenzen ab, auch um überall die gleichen Vorkehrungen zu treffen.

An wen können sich alte Menschen oder andere Hilfsbedürftige wenden, die jetzt Hilfe im Alltag brauchen (beim Einkaufen, beim Arztbesuch, bei der Kommunikation mit Ämtern)?

Petrauschke Am besten wird dies durch Nachbarschaftshilfe geregelt. In Quarantäne gesetzte Menschen ruft unser Gesundheitsamt täglich an und fragt diese nach ihrem Gesundheitszustand und auch danach, ob im Alltag Unterstützung benötigt wird. Diese organisieren wir dann. Auch deswegen muss sich niemand sorgen, dass er nicht ausreichend Lebensmittel hat, falls er unter Quarantäne gesetzt wird.

Wer berät Gewerbetreibende, Handwerker, Geschäftsleute, Unternehmer, die in Folge von Erkrankungen oder durch die Präventionsmaßnahmen in Existenznöte geraten?

Petrauschke Hier gibt es von Seiten des Bundes und Landes Unterstützungsmaßnahmen. Über diese habe ich die Unternehmen im Kreis mit einem Rundschreiben informiert. Zudem berät unsere Wirtschaftsförderung Unternehmen hierzu.