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Corona in Neuss: Sparkasse erwartet "spürbare Kreditausfälle" in 2021

Interview Michael Schmuck : Sparkasse Neuss erwartet „spürbare Kreditausfälle“

Sparkassen-Chef Michael Schmuck spricht über Folgen der Corona-Pandemie für sein Haus und die Wirtschaft. Das ganze Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen wird seiner Meinung nach erst im nächsten Jahr deutlich.

Herr Schmuck, die Corona-Krise gefährdet Unternehmen existenziell – auch im Rhein-Kreis. Wie hilft die Sparkasse Neuss konkret?

Michael Schmuck Wir arbeiten jeden Tag mit aller Kraft daran, die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie für unsere Kunden so gering wie irgendwie möglich zu halten und haben schon tausende persönliche Gespräche geführt. Im Ergebnis konnten wir alleine bis jetzt 38 Millionen Euro zur Liquiditäts- und Existenzsicherung bereitstellen. Darunter sind 20 Millionen Euro aus öffentlichen Fördermitteln, vor allem aus den KfW-Programmen. Zudem haben wir Kreditraten mit einem Volumen von elf Millionen Euro ausgesetzt und mit eigenen Kreditleistungen in Höhe von sieben Millionen Euro helfen können. Dabei gehen wir für unsere Kunden bis an die Grenze des Vertretbaren und bleiben in der aktuell besonders herausfordernden Zeit der gewohnt verlässliche Partner.

Sind staatliche Kredite der richtige Weg? Kritiker sagen, so werde lediglich Zeit gekauft.

Schmuck Der Zeitgewinn tut gut. Auch die Flexibilität durch Laufzeiten von bis zu zehn Jahren mit bis zu zwei tilgungsfreien Anlaufjahren ist wichtig. Grundsätzlich sind staatliche Hilfsprogramme der richtige Weg, aber nicht in jedem Fall auch die beste Lösung. Wir sollten auch über andere Optionen nachdenken. Ich kann mir sogenanntes Nachrangkapital vorstellen, um das Eigenkapital auf Zeit zu stärken. Schließlich werden wir weitere öffentliche Mittel benötigen, um nach der Krise die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Beispiel: Wenn ein Gastwirt vor der Corona-Krise Nahrungsmittel eingekauft hatte, ist ein Teil nun verdorben. Zum Neustart muss er erneut einkaufen. Dafür brauchen er und andere frisches Geld bzw. Kapital.

Vielen dauert es zu lange, bis Geld fließt. Finden Sie das auch?

Schmuck Richtig ist, dass die staatlichen Fördereinrichtungen wie die KfW noch an Details der Rahmenbedingungen ihrer Programme arbeiten. Wir hier in der Sparkasse geben richtig Gas und haben unsere interne Organisation angepasst. Schon seit Mitte März können unsere Kunden die entsprechenden Anträge einfach und schnell online stellen und unsere Baufinanzierungsspezialisten verstärken das Team, das sich dann um die Bearbeitung kümmert. Außerdem haben wir auf die deutlich erhöhte Zahl der Telefonate reagiert und fahren das Mediale Kundencenter im Augenblick mit 150 Prozent des üblichen Stellenplans. Und wenn wir im Moment die Türen zu 15 Filialen geschlossen halten, dann wird auch dort natürlich weiterhin beraten – nur eben nach vorheriger Terminvereinbarung.

Registrieren Sie schon Insolvenzen, die auf die Folgen der Corona-Krise zurückzuführen sind?

Schmuck Bis jetzt verzeichnen wir noch so gut wie keine corona-bedingten Fälle. Wer jetzt in die Insolvenz geht, der hatte im Normalfall auch vor Corona schon erhebliche Schwierigkeiten. Außerdem wurde ja die Insolvenzantragspflicht bis Ende September ausgesetzt. Insolvenzen sind ein Spätindikator für die wirtschaftliche Lage, denn zunächst werden in den Unternehmen die Reserven aufgezehrt. So weit sind wir noch nicht. Aber die Zahl der Insolvenzen wird ansteigen – vermutlich im kommenden Jahr.

Halten Sie es für vertretbar, dass Unternehmen Staatsmittel erhalten und gleichzeitig Dividenden an die Gesellschafter oder Boni an Manager zahlen?

Schmuck Für mich kann es nicht sein, dass Menschen durch die Corona-Krise existenziell leiden und in den Chefetagen wird über Bonus-Zahlungen verhandelt – auch wenn die aus dem guten Geschäftsjahr 2019 resultieren. Aber wir müssen jeden Einzelfall differenziert betrachten: Gerade Investitionen für die Altersvorsorge oder von Stiftungen können im Sinne der Zielsetzung nur erfolgreich sein, wenn auch Dividenden fließen.

Die Krise führt dazu, dass die Bürger ihr Geld zusammen halten. Welche Risiken sehen Sie da?

Schmuck Wir in Deutschland handeln mehrheitlich solide, vorsichtig, zurückhaltend. Weite Teile der Bevölkerung halten die Politik von Kanzlerin Merkel für richtig und halten ihr Geld zusammen. Das hat etwas mit den Fakten zu tun. Andererseits benötigen wir Konsum, um aus der Krise zu kommen. Darum sage ich: Wir werden weitere staatliche Gelder bereitstellen müssen, damit das Wirtschaftsrad wieder in Schwung kommt.

Die Industrie im Rhein-Kreis ist stark auf den Export ausgerichtet. Ist das in Zeiten der Pandemie ein Vor- oder ein Nachteil?

Schmuck Exportorientierung ist grundsätzlich positiv, denn sie verteilt Chancen und Risiken. Wir sehen ja, dass in China die Volkswirtschaft wieder in Fahrt kommt. Davon profitieren auch wir. Als Stärke erweist sich, dass wir hier im Rhein-Kreis breit aufgestellt sind und nicht vom Erfolg einer einzelnen Branche abhängig sind. Die aktuelle Situation wird aber auch zu einer Rückbesinnung führen: Es birgt Risiken, wenn Fertigungsprozesse global in viele Einzelproduktionen zerlegt werden. Wenn es an einer Stelle hakt, funktioniert das Ganze nicht mehr.

Während der Corona-Krise haben digitale Geschäftsmodelle, bargeldloses Bezahlen inklusive, einen Schub erhalten. Wird sich der Trend nach der Pandemie fortsetzen?

Schmuck Wir machen, was der Kunde wünscht. Wir sind 192 Jahre alt geworden mit einem einfachen Erfolgsgeheimnis: Wir haben uns jederzeit an die Bedürfnisse und das Verhalten unserer Kunden angepasst. Gerade die Digitalisierung von Serviceprozessen ist Ausdruck eines sich verändernden Kundenverhaltens. Hier erleben wir durch die Krise eine weitere Beschleunigung. 85 Prozent unserer Firmenkunden und 65 Prozent unserer Privatkunden nutzen inzwischen die Möglichkeiten des Onlinebankings oder unsere Sparkassen-App. Dabei ist die Tendenz stark steigend: Wir schließen aktuell etwa drei Mal so viele Onlinebanking-Verträge ab wie vor der Krise. Außerdem verzeichnen wir aktuell etwa 30 Prozent weniger Barabhebungen. Wir haben uns darauf eingestellt und die Grenze für das unter hygienischen Aspekten vorteilhafte kontaktlose Bezahlen ohne PIN-Eingabe von 25 auf 50 Euro angehoben. Diese Trends werden sich fortsetzen. Daneben bin ich überzeugt, dass die persönliche Beratung für Vermögensaufbau und Altersvorsorge sowie für Wohnraumfinanzierung und Unternehmenskredite unverzichtbar bleiben wird. Deswegen werden wir auch mit allen Filialen in der Fläche bleiben. Wir schaffen beides: Digitalisierung und persönliche Beratung vor Ort. Wir bleiben einzigartig – wir bleiben Sparkasse.

Wie wird sich die Pandemie auf das Ergebnis der Sparkasse auswirken?

Schmuck Für das laufende Geschäftsjahr erwarte ich erkennbare, aber keine gravierenden Auswirkungen. Für 2021 werden wir uns auf spürbare Kreditausfälle einstellen müssen. Aber auch hierfür sind wir gerüstet. Die Sparkasse Neuss ist kerngesund und verfügt über eine deutlich über den Anforderungen liegende, solide Eigenkapitalquote und die notwendigen Reserven.

Halten Sie einen Lastenausgleich oder eine Währungsreform für möglich, um die Kosten der Pandemie zu finanzieren?

Schmuck Deutschland hat in guten Zeiten Schulden abgebaut und kann nun in der Krise gegensteuern. Dafür benötigt man keine Instrumente wie einen Lastenausgleich oder eine Währungsreform. Wer Vermögen erarbeitet hat, schultert ja heute schon mehr. Es macht keinen Sinn, erfolgreiche Unternehmen und diejenigen, die investieren können, zu belasten. Denn genau diese Kräfte benötigen wir, um möglichst schnell aus der Krise zu kommen.

Wagen Sie, Herr Schmuck, eine Prognose: Wann werden wir das ganze Ausmaß der Corona-Pandemie erkennen können? Und: Wie fürchterlich wird es?

Schmuck Voraussichtlich im Laufe des nächsten Jahres. Es wird nicht fürchterlich, aber teuer. Dennoch bin ich optimistisch und überzeugt: Gemeinsam kommen wir da durch. Denn wir leben in einer wirtschaftlich starken Region mit guten Perspektiven und haben eine starke Sparkasse.