Feuilleton: Colaflaschen für Venedig

Feuilleton : Colaflaschen für Venedig

Neuss/Berlin Erst standen sieben oder acht Exemplare von der Love Parade 2000 einfach so auf dem Schreibtisch herum. Dann stellte Coca Cola 1200 Stück zur Verfügung. Zwischendurch waren die hellgrünen Flaschen mal ineinander gekullert. Es schillerte und sah nach Wasserbewegung aus. Bambusstäbe brachten die Glasbehälter in einen schwebenden Zustand. Das Thema Ufer, Vegetation und Lagunen war geboren.

Die Installation "Bottles in Contact" der in Neuss geborenen Renate Wiedemann wurde 2002 in Venedig und seither einige Male in Berlin und Umgebung gezeigt, zuletzt mit mehr als 700 Flaschen im Umweltbundesamt Dessau.

So unterschiedlich, wie das Licht gerade auf das Glas fällt fällt und die Installation an den jeweiligen Raum angepasst ist, so unterschiedlich sind die Assoziationen, die der Betrachter mit Renate Wiedemanns Werk hat. "Mal erscheinen die scharfkantigen Wellen glasklar, und man kann mehrere Zentimeter in das Wasser hineinblicken, ein andermal schimmert die Oberfläche golden, fließt das Wasser seidig wie Samt, und manchmal wirkt alles wie ein Riesenstrom aus Quecksilber", erklärt die Künstlerin die Stimmungen in der Lagune, die sich in der Konstruktion widerspiegeln.

Solche Installationen liegen der Künstlerin, die im Berliner Stadtteil Neukölln wohnt und in Johannisthal ihr Atelier hat, sehr am Herzen, auch wenn sie ihren Lebensunterhalt überwiegend mit der Steinbildhauerei verdient. Ihre praktische Handwerksausbildung hat die heute 39-Jährige in den späten 80er Jahren in der Dombauhütte Köln erhalten.

Als Gesellin arbeitete Wiedemann dann für drei Jahre in Siegburg, bevor sie von 1993 bis 1999 ihr Studium der Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee absolvierte.

Trotz Wohnortwechsel sieht Wiedemann sich im Rheinland verwurzelt, besucht zwei bis dreimal jährlich ihre Eltern in Neuss. Sie liebt es, durch die umliegenden Dörfer zu radeln, genießt die Landschaft und hat hier ein "Heimatgefühl". Erst Anfang Mai feierte sie zusammen mit ehemaligen Klassenkameradinnen des katholischen Mädchengymnasiums Marienberg ihr zwanzigjähriges Abitur.

Besonders gern erinnert sie sich an den Kunstleistungskurs bei Lehrerin Ursula Bernd-Krauße, die den Grundstein für ihre weitere Laufbahn legte. "Den Bezug von archaisch zu klassisch, hin zu den aufhebenden Formen hat sie sehr gut vermittelt", erzählt Renate Wiedemann. Das Basteln mit dem Vater, der mit ihr zum Beispiel ein Holzkästchen für Fossilien baute, prägte Wiedemann früh in Richtung Handwerk.

In Berlin vermisst sie besonders das Schützenfest, das sie aus Neuss gewohnt ist, "bei dem Ende August alles auf den Beinen ist und wo man dann ein Bierchen vor der Kneipe trinkt". Außerdem beklagt sie, dass die Berliner keinen Karneval feiern: "Ich meine so einen richtig großen mit Straßenumzügen, Kostümen und Partylaune".

Ansonsten hat sie sich aber an die Berliner Ruppigkeit gewöhnt und sich gut eingelebt. In ihrem Atelier, in verschiedenen Werkstätten und Galerien baut, meißelt, schnitzt, modelliert und siedet sie Beton, Stein, Holz, Gips, Seife und viele andere Fasern und Materialien.

Für das Amtsgericht Wedding hat sie gerade eine alte Justitia-Figur überarbeitet und neu in Sandstein gehauen. Seit einigen Tagen wacht die über drei Meter hohe Skulptur wieder in alter Schönheit über dem Haupteingang des Gebäudes - nach 17 Jahren Einlagerung und einjähriger Restaurierung wurde sie passend zum 100-jährigen Bestehen des Baus fertig.

(NGZ)