Der Neumarkt hat eigentlich alles, was ein Platz braucht: Charakterlos

Der Neumarkt hat eigentlich alles, was ein Platz braucht : Charakterlos

Keine Stadt ohne Plätze. Aber welche Wirkung haben sie? Die NGZ wird einen nach dem anderen aufsuchen. Heute sind wir auf dem Neumarkt. Ein Platz, dem das Flair eines solchen fehlt: der Neumarkt. NGZ-Foto: A. Woitschützke

Keine Stadt ohne Plätze. Aber welche Wirkung haben sie? Die NGZ wird einen nach dem anderen aufsuchen. Heute sind wir auf dem Neumarkt. Ein Platz, dem das Flair eines solchen fehlt: der Neumarkt. NGZ-Foto: A. Woitschützke

So muss ein Platz sein. Weit. Groß. Hoch. Mit mächtigen Bäumen. Mit Sonne und mit Schatten. Mit Bänken und Mäuerchen. Mit kleinen Geschäften und bunten Tupfern durch Obst- und Gemüseauslagen. Mit Kneipenterrassen und Stühlen, die zum Verweilen einladen.

Klingt in der Beschreibung geradezu perfekt. Fast so, als wäre der Neumarkt nicht mitten in Neuss, sondern in Venedig, Florenz oder Salamanca zu finden. Schön wär's. Worte mögen zwar benennen können, was dort zu sehen ist, aber es zeigt sich in diesem Fall geradezu exemplarisch, wie unzulänglich sie manchmal sind. Am Kern der Dinge vorbeigehen, denn was beim Lesen zu einem mediterran anmutenden Bild im Kopf anwächst, zerplatzt in der Wirklichkeit wie eine Seifenblase.

Der Neumarkt hat eigentlich wirklich alles, was ein Platz braucht - nur keinen Charakter. Woran das liegt? Vielleicht, weil sich ringsum Häuser wie bedrohliche Wände erheben? Und das Auge meint, in eine Schlucht hineinzublicken? Vielleicht, weil er keinen wirklichen Mittelpunkt hat? Vielleicht, weil sein schachbrettähnliches Muster nur schmutzig und grau wirkt? Vielleicht, weil der permanente Ölgeruch jeden Gedanken verjagt, sich dort niederzulassen, um ein Glas Wein zu trinken, mit Genuss eine Apfelsine zu verzehren? Wer würde sich wohl überhaupt dort blicken lassen, wenn die Stadtbibliothek nicht zum Schmökern lockte?

Majestätisch erhebt sich das Gebäude am Ende des Neumarkts; seine geheimen Kammern - zig Tausende von Büchern - ziehen die Menschen in sein Innerstes, machen aus ihnen zu Hunderten Wiederholungstäter, weil eine kennen zu lernen, heißt, auch die anderen unbedingt erleben zu wollen. Die riesige Glaswand lässt auch die draußen erahnen, was drinnen die Menschen festhält, macht aus der Trutzburg einen Gläsernen Palast. Doch wer ihn nicht betreten will, hat an diesem Punkt das Gefühl, den Ort nur durch Umkehr verlassen zu können.

Nur wer genau hinschaut, sieht Menschen linkerhand plötzlich verschwinden, scheinbar durch die Wand gehend, direkt unterhalb des großen "P" auf blauem Grund. Da braucht es schon fast die Neugier des Welten-Entdeckers, ihren Schritten zu folgen - wobei das Ergebnis ernüchternd ist: Man kann dort zwar durch, aber wie! Durch einen engen düsteren Gang, der geradezu ein beispielhafter Anwärter für den Pinkelecken markierenden Rotstift des Architekten auf seinen Plänen ist! (Noch besser: dort gar nicht erst so aufgetaucht wäre!)

Spätestens jetzt kommen wieder bedeutungsvolle Worte in den Sinn: "Drei Mahnungen an die Herren Architekten" heißt es immer wieder auf dem begehbaren Buch, das die österreichische Künstler- und Architektengruppe Haus Rucker für den Neumarkt entworfen hat - welche das sind, kann jeder für sich formulieren. Eine müsste wohl mit Sicherheit lauten: Vergiss den Menschen nicht! Helga Bittner

(NGZ)
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