NGZ-Gespräch mit Nemo: Botschafter der guten Laune

NGZ-Gespräch mit Nemo: Botschafter der guten Laune

Der Düsseldorfer Wolfgang Neuhausen gehört als Nemo seit Jahrzehnten weltweit zu den gefeierten Pantomimen. In seiner langen Karriere trat er in 36 Ländern auf, wurde für über hundert TV-Produktionen verpflichtet. Im NGZ-Gespräch spricht er über seine jüngsten Projekte: eine Clown-Akademie für Afrika und eine für China.

Herr Neuhausen, wird zu wenig gelacht in unserer Welt?

Wolfgang "Nemo" Neuhausen Wer Gefühle zeigt, der gilt oft als schwach. Leider ist das so, vor allem im Beruf und in der Geschäftswelt. Ich höre aber zu meiner Freude, dass jetzt auch Clown-Seminare für Führungskräfte angeboten werden. Die können's gut gebrauchen.

Haben wir angesichts von Finanz- und Wirtschaftskrise denn überhaupt noch Grund zu lachen?

Nemo Gegenfrage: Wird's besser, wenn wir nicht lachen?

Sie sind ja auch nicht ständig als Spaßvogel unterwegs.

Nemo Ich bin nicht immer lustig, aber ich versuche schon, bei aller Ernsthaftigkeit mit der ich meinen Beruf ausübe, leicht und locker durchs Leben zu gehen. Ich weiß, wovon ich spreche, denn das war nicht immer so. Zu Beginn meiner Karriere war ich vom Ehrgeiz zerfressen. Ich habe mich selbst unter Druck gesetzt, wollte immer den perfekten Auftritt. Dabei blieb die Spielfreude auf der Strecke.

Das ist heute anders? Gab's für Ihre Kehrtwende ein Schlüsselerlebnis?

Nemo Damals habe ich 150 bis 200 Vorstellungen im Jahr gemacht. Ich war überfordert, war leer gespielt. Ich hatte es versäumt, den Akku rechtzeitig aufzuladen. Damals kannte die Gesellschaft den Begriff nicht, heute würden wir von einem Burn-out-Syndrom sprechen.

Wie haben Sie denn Ihre Krise überwunden? Wie sorgen Sie dafür, dass Sie sich nicht wieder überfordern?

Nemo In der Rückschau komme ich zu dem Schluss: Dieses Burn-out war das Beste, was mir passieren konnte. Ich weiß seither, dass es nicht mein Ding ist, nur auf der Bühne, im Hotel und auf dem Flughafen zu leben. Die Mischung macht's — vor allem für mich. Heute studiere ich neue Programme ein, stehe auf der Bühne, baue meine Clown-Akademien auf, gebe Workshops, vermittele mit meiner Agentur Rheinschiene Künstlerkollegen. So geht's mir gut.

Die Menschen kennen den großen Nemo als Pantomime. Sie selbst bezeichnen sich als Stummspieler. Was steckt hinter dieser seltenen, von Ihnen gewählten Bezeichnung?

Nemo Der klassische Pantomime tritt mit weiß geschminktem Gesicht auf. Zur Mauer des Schweigens gesellt sich die Maske. Die Folge ist Distanz zum Publikum, die ich gespürt habe und die mich gestört hat. Darum habe ich vor einigen Jahren die Schminke weggestellt, habe mich von der Maske befreit. Das Ergebnis ist eine direktere, bessere Kommunikation zum meinem Publikum. Früher war ich schüchtern, heute genieße ich den leichten Kontakt zu den Menschen.

Klingt aus Ihren Worten auch Kritik an Ihren Pantomimen-Kollegen?

Nemo Überhaupt nicht. Jeder muss seinen persönlichen Stil finden und seinen Weg gehen. Ich kenne Nummern von Marcel Marceau, die spielt er heute exakt so wie vor zwanzig Jahren — perfekt, aber ohne jeglichen Anflug von Improvisation. Ich variiere mein Programm, meine Nummern. Wenn Marceau über die präzise Technik kommt, so komme ich mehr von der Spielfreude her, die in mir steckt.

Ist das der Grund, dass Sie nur noch selten Soloabende machen?

Nemo Ich habe zwanzig Jahre Soloabende gemacht. Diese Form ist heute nicht mehr gefragt. Heute geht es mehr um Auftritte bei Veranstaltungen, bei Events. Es geht um Projekte. Ich finde das gut, weil diese Entwicklung mir mehr Abwechslung beschert.

Geben Sie bitte ein Beispiel?

Nemo Bei einem Kongress zu Alterskrankheiten hatte ich die spannende Aufgabe, in das Thema Demenz einzuführen . . .

Laufen Sie angesichts solch sensibler Themen nicht Gefahr, zu verletzen?

Nemo Ja, das kann eine Gratwanderung sein. Verletzend kann ein Pantomime vor allem dann leicht werden, wenn er Menschen nachmacht — zum Beispiel, wenn er körperliche Gebrechen betont.

Gesten und Bewegung sagen mehr als tausend Worte?

Nemo Oft ist das so, weil die Körpersprache unmittelbarer und ohne schmückendes Beiwerk ist. Wenn ich im Ausland auftrete, passiert es mir sehr oft, dass nach der Vorstellung Zuschauer zu mir kommen und mich in ihrer Landessprache ansprechen — sie sind dann ganz verwundert, dass ich sie nicht verstehe, denn sie haben mich ja zuvor auch verstanden. Ihnen ist dann nicht bewusst, dass ich auf der Bühne kein Wort gesprochen habe.

Ein schönes Kompliment.

Nemo Das sehe ich auch so. Auch Gehörlose verstehen mich, obwohl ich die offizielle Gebärdensprache nicht beherrsche. Das rührt mich.

Von Komplimenten können Sie aber nicht leben. Wie wichtig ist Ihnen das Geldverdienen?

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Nemo Früher bin ich auf die Bühne gegangen, um Geld zu verdienen, nicht um zu unterhalten. Das hat sich komplett verändert. Heute ist es für mich wichtig, dass ich etwas Sinnvolles tue. Dazu zähle ich Kunst- und Kulturprojekte, dazu zählen aber auch Initiativen, die eine starke soziale Ausrichtung besitzen. Das alles bereitet mir sehr viel Freude.

Sind Sie ein politischer Künstler?

Nemo Mit Parteipolitik habe ich nichts am Hut. Die deutschen Parteien unterscheiden sich inhaltlich doch eh' kaum noch.

Sind Sie denn ein gesellschaftspolitischer Künstler?

Nemo In diesem Sinne ist doch alles, was wir Menschen tun, letztlich gesellschaftspolitisch. Ja, mich interessieren zum Beispiel Themen wie Integration oder Gewaltprävention. Wenn wir über Integration reden, dann reagieren wir doch letztlich alle genervt; die Diskussionen gestalten sich mehr als zäh. So versuche ich, den Komplex heiter zu thematisieren. Das funktioniert, das funktioniert auch bei einem so schwierigen Thema wie Gewaltprävention.

Ich frage einmal anders. Können Pantomime-Nummern politisch sein?

Nemo Es fällt auf, dass es in autoritären, totalitären Staaten besonders viele Pantomime gibt. Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs war Polen eine solche Hochburg. Dort gab's damals nach meinem Wissen 70 bis 80 Pantomimengruppen. Heute wissen wir, dass gerade im Iran viele gute Künstlerkollegen auftreten. Auf das gesprochene Wort muss sich der Sprecher festnageln lassen, aber der Stummspieler lässt Spielraum für Interpretationen — das kann dort, wo keine Rechtstaatlichkeit gegeben ist, lebenswichtig sein.

Haben Ihre Programme denn auch eine Botschaft?

Nemo Ja, aber nicht im engen Sinne von missionarischem Sendungsbewusstsein. Mir geht es darum, die humorvollen Talente in den Menschen zu wecken, sie an die Hand zu nehmen, damit sie der Welt und dem Leben nicht nur ernste Seiten abzugewinnen. Irgendwo wirkt meine Arbeit also therapeutisch.

Handelt es sich dabei um eine Art der Selbsterfahrung?

Nemo In der Clownerie ist es erforderlich Eigenschaften oder Situationen zu übertreiben, so dass der Akteur an seine Grenzen stößt und auch erfährt, wo seine Grenzen sind. Wer sich nicht traut, der lernt sich auch nicht kennen. Ja, aus diesem Blickwinkel heraus habe ich eine Botschaft, die mir wichtig ist.

Das Markenzeichen und Instrument dieser Botschaft ist die rote Nase?

Nemo Diese rote Nase ist das Ding überhaupt, sie ist der goldene Schlüssel, um die humorvolle Seite der Menschen zu öffnen. Kaum setzt sich ein Mensch die rote Nase auf, schon wird gelacht und gute Laune macht sich breit.

Diese Botschaft der guten Laune wird weltweit verstanden?

Nemo Natürlich, denn in jedem von uns brennt diese heitere Flamme verbunden mit dem Wunsch etwas abseits der Norm, abseits unserer Rolle, die wir in Beruf und Familie spielen, zu tun. Meine Aufgabe und meine Kunst ist es nun, dieses kleine Flämmchen auflodern zu lassen. Es geht um Spontanität und um Komik. Da bin ich erstaunt, wie viel komisches Talent in den Afrikanern steckt und wie viel Spontanität die so distanziert wirkenden Chinesen einbringen. Ob in Afrika, ob in China — die rote Nase überwindet Distanzen und setzt ungeahnte fröhliche Kräfte frei. Diese Erkenntnis möchte ich nun in konkrete Projekte umsetzen.

Womit wir bei den von Ihnen konzipierten Clown-Akademien wären. Greift und reift ihre Idee?

Nemo Ein ungeduldiger Mensch wie ich wünscht sich immer, dass alles noch ein bisschen schneller geht. Aber ich bin zufrieden, denn unsere Clownschool for Life in Südafrika steht und arbeitet. Wir haben Sponsoren gefunden und auch Landesmittel erhalten, so dass wir in Nelspruit systematisch arbeiten können. Die von uns ausgebildeten Trainer faszinieren die Kinder in den Townships. Sie in Aktion zu sehen, bereitet richtig Freude.

Wie sind Sie der Idee verfallen, Clown-Akademien aufzubauen?

Nemo Seit Dezember reifte in mir das Konzept. Bei meinen Besuchen in Afrika war ich überrascht mit welcher Begeisterung gerade auch die Kinder und Jugendlichen bei der Clownerie sind. Mit dieser Lebendigkeit und mit diesem Humor habe ich nicht gerechnet. Die sind neugierig und lachen sich kaputt. Mit unseren Clown-Akademien tun wir etwas Sinnvolles, weil wir den Menschen eine Perspektive mit Lebensfreude geben. Da engagiere ich mich gern.

Inzwischen sind Sie mit Ihrer Idee von Südafrika nach Kenia weitergezogen.

Nemo Unser Projekt in Südafrika bekommt langsam aber sicher Boden unter den Füßen. Dort haben wir auch Mitstreiter gefunden und ausgebildet, die aus eigener Kraft mit den jungen Menschen in den Townships arbeiten können. Über Bekannte bin ich nach Kenia gekommen. Dort gibt es noch keine ständige Einrichtung im Sinne einer Akademie, sondern lediglich Workshops. Die Finden aber ebenso wie in Südafrika große Resonanz.

Ihr nächstes großes Ziel ist aber China. Warum fasziniert Sie das Reich der Mitte so sehr?

Nemo Es sind die Menschen, die mich in China in ihren Bann ziehen. Ich bin mit einem Orchester durch die Volksrepublik getourt, habe mit meiner Kunst als Stummspieler zwischen Bühne und Publikum kommuniziert. In einer Konzertpause habe ich die roten Nasen hervorgeholt und das Eis war gebrochen. Die Chinesen haben sich nicht mehr eingekriegt, sind aus sicher heraus gegangen und waren allesamt plötzlich Spaßvögel — auch die Erwachsenen. Dieses große Potenzial möchte ich gern ansprechen, zumal in China die Pantomime als eigenständige Kunst nahezu unbekannt ist. Dort würde sich eine Clown-Akademie gut machen.

Was treibt Sie in Ihrer Arbeit an?

Nemo Es gibt ausreichend Probleme in unserer Welt. Die melden sich von selbst. Ich freue mich, wenn ich die leichte, lockere Seite hervorzaubern kann. Manches Mal werden dann die Probleme so gar kleiner.