Rhein-Kreis Neuss: Auf den Spuren der Eiszeiten

Rhein-Kreis Neuss: Auf den Spuren der Eiszeiten

Streifzug Natur- und Landschaftserlebnisse im Rhein-Kreis Neuss (4. Folge): Gletscher, der Rhein und eine alte Flussinsel

Streifzug Natur- und Landschaftserlebnisse im Rhein-Kreis Neuss (4. Folge): Gletscher, der Rhein und eine alte Flussinsel

Dr. Georg Waldmann ist Experte für die Natur und Landschaft im Kreis Neuss. Foto: NGZ

Rhein-Kreis Neuss Der Feldweg führt in Richtung Pferdsbroich, ein Sumpfgebiet in der Nordkanalniederung an der Kaarster Stadtgrenze zu Schiefbahn. An einer Pferdekoppel biegt der Weg nach rechts ab, läuft entlang der Bruchkante an Äckern vorbei. Die Landschaft ist leicht gewellt. Hier haben Eiszeiten ihre Spuren hinterlassen.

Die gut wahrnehmbare Erhebung, auf der in diesem Sommer unter anderem Getreide gedeiht, ist eine alte Flussinsel. Vor Urzeiten muss sich der Rhein hier ein neues Bett gen Westen in Richtung der heutigen Niers geschaffen haben, da sein Lauf nach Norden durch Gletschermassen versperrt war, die sich bis in den Bereich des heutigen Kaarster und nördlichen Neusser Stadtgebiets vorgeschoben hatten. Dafür haben Geologen sogar einen eigenen Begriff geprägt: der "Kaarster Halt".

Der seltsam stille Winkel am Pferdsbroich, dessen Geheimnisse sich dem Unkundigen kaum erschließen, ist für Dr. Georg Waldmann ein Phänomen. Der Geologe und Biologe aus Korschenbroich, der die "Streifzüge" der NGZ begleitet, liest in der Landschaft wie in einem Buch.

Die vor Jahrtausenden herausgebildete Bodenbeschaffenheit, sagt er, wirke sich bis heute auf die Landnutzung aus. Zum Beweis greift er in die Erde der einstigen Flussinsel: "Das ist leichter, sandiger Boden."

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Wir folgen dem Weg. Der geschwungene Verlauf orientiert sich an einer Linie, die schon auf einer 1746 entstandenen farbigen Karte verzeichnet ist. Es ist eine Gelände- und Nutzungsansicht des Großen Broichs und des Büttger Waldes, die der Landmesser Franz Drost im Auftrag des Vogts Josef Kolvenbach angefertigt hatte. Deutlich zu erkennen: Wo heute geackert wird, standen einst die Bäume des Büttger Waldes — just auf dem Bereich, den die Fachwelt als Flussinsel identifiziert hat, die sich mandelförmig in Richtung Mönchengladbach vorschiebt. Der auf der alten Flussinsel wachsende Wald, der Mitte des 19. Jahrhunderts planmäßig abgeholzt wurde, war noch Anfang des vorvergangenen Jahrhunderts Tummelplatz von Wölfen. In Büttgen wurde 1814 sogar eine Bürgerwehr zur Bekämpfung der latent drohenden Gefahr durch Wölfe aufgestellt. In den Epochen davor galt das Gebiet als ausgesprochen wildreich, was unter anderem dadurch belegt ist, dass aus dem Jahre 1675 berichtet wird, dass viele Hirsche und Wildschweine der Wilderei zum Opfer gefallen seien.

Für Waldmann besonders faszinierend ist die Tatsache, dass sich im Bereich des Pferdsbroich trotz aller Veränderungen manche Gemarkungsgrenzen seit Jahrhunderten kaum verschoben haben: Zwei in der Karte von 1746 als "Benden" und "Bendt" gekennzeichnete Weideflächen zwischen Wald und Bruch bestehen nach wie vor. Die etwas tiefer am Rand des Feuchtgebiets gelegene große Wiese wird damit zum Denkmal historischer Landnutzung. — Es geht weiter: Dichtes Busch- und Strauchwerk säumt den Pfad. Dann öffnet sich die Szenerie wieder. Im Hintergrund ist ein Gewerbegebiet erkennbar. "Der Boden hier ist immer noch sandig, aber schon sehr lößhaltig", sagt Waldmann. "Hier hat sich eiszeitlicher Löß abgelagert." Er spricht von über die Gletscher pfeifenden Fallwinden, von Gesteinsstaub und von Windsedimenten, während er dem Weg folgt. "Rübenwürdig" nennt Waldmann an dieser Stelle die Bodenbeschaffenheit.

Jenseits der Feldflur verläuft in der Ferne eine Baumreihe: die Niederung der Triet. Auch diese Senke steht mit dem eiszeitlichen Verlauf des als flaches, wildes Gewässer fließenden Rheins in Verbindung. "Der tiefte dort eine Rinne aus." Die Bruchwaldniederungen, die von Gräben, Kanälen und freien Wasserflächen durchzogen waren, wurden von den Menschen in der Vergangenheit intensiv zur Fischzucht genutzt: Bis um 1900 wurde in diesem Gebiet mit bodenlosen Körben, so genannten Stulpen, gefischt. Dass Wasser das beherrschende Element der Region war — und zunehmend wieder wird —, lässt sich an einem Kahn aus Eichenbohlen demonstrieren, der in den 1770er Jahren vom damaligen Förster im Büttger Wald, Matthias Klitzen, zur Fortbewegung verwendet wurde. Das Boot wird heute im Museum Tuppenhof in Vorst ausgestellt. Der eigentliche Reichtum, den die Erdgeschichte entlang des heutigen Nordkanals hinterlassen hat, schlummert aber im Untergrund. Dr. Georg Waldmann, der zusammen mit Sigrid Schröder 2005 ein Buch über die Nordkanalniederung herausgegeben hat, schreibt in dieser Veröffentlichung von "Schätzen aus den Eiszeiten". Gemeint sind Sand, Kies und Ton. Die hier geförderten Gesteine machten zuletzt noch einmal unter dem Stichwort "Rheingerölle" (die NGZ berichtete) von sich reden.

Info Beim nächsten "Streifzug" am Freitag geht's um Bäche und Wasserläufe im Rhein-Kreis Neuss.

(RP)
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