X-Strahlen – auf den Spuren einer genialen Entdeckung

Rundgang durchs Museum: X-Strahlen – auf den Spuren einer genialen Entdeckung

Die ständige Ausstellung im Deutschen Röntgen-Museum in Lennep beleuchtet mehrere Aspekte der Röntgenentwicklung von damals bis in die Gegenwart.

Naturwissenschaftliche und technische Museen sind für eine große Zahl von Besuchern nicht barrierefrei. Der weit verbreitete Mangel an Grundwissen in Physik und Chemie erschwert den Zugang zu den Exponaten. Während man sich von einem Gemälde in einem Kunstmuseum einfach nur beeindrucken lassen kann, ohne etwas über den Maler und das Bild wissen zu müssen, kräuseln sich einem viele Fragezeichenfalten auf der Stirn, wenn man vor einer technischen Apparatur steht, deren Funktion und Bedeutung man aus sich heraus nicht erkennen kann.

Um diese mentale Barriere so niedrig wie möglich zu halten, beginnt das Deutsche Röntgenmuseum in Lennep seine Erzählung über die Welt der X-Strahlen mit einer Annäherung an die Persönlichkeit des ersten Nobelpreisträgers für Physik. Ein Panoramabild aus den Schweizer Alpen mit Blick auf den See von Sils Maria umspannt einen ganzen Raum. Röntgen liebte das Wandern. Er scheute in den Alpen kein Risiko. Zu den Gipfeln klettere er nicht auf vorgegebenen Pfaden, sondern wählte möglichst den direkten Weg.

Als Wanderer wie als Forscher war ihm eine große Zielstrebigkeit zu eigen. Zudem fotografierte Röntgen bei jeder Gelegenheit. Ob die Familie, die Jagd oder die Berge, Röntgen fixierte seine Umgebung. Und hätte er die Leidenschaft für die Fotografie nicht entwickelt, er hätte die alles durchdringenden Strahlen wohl nie auf einer Fotoplatte sichtbar machen können.

Röntgen experimentierte bereits etliche Monate mit den damals neu entdeckten Kathodenstrahlen, als ihm am 8. November 1895 ein Stück Papier auffiel. Dieses Papier war mit einem Material beschichtet, das unter ultraviolettem Licht oder Kathodenstrahlen leuchtete. Doch obwohl das Labor abgedunkelt und die Kathodenröhre abgeschirmt war, reagierte das Papier: Röntgen hatte eine unsichtbare Strahlung mit gänzlich unbekannten Eigenschaften entdeckt. Er nannte seine Entdeckung „X-Strahlen“ und fand bald heraus, dass sie Papier, Holz und weichere Materialien je nach Dichte unterschiedlich stark durchdrangen.

Röntgen lenkte seine Strahlen auf Fotoplatten und erhielt so die ersten Röntgenbilder: ein Holzkasten, ein Jagdgewehr – und die Hand seiner Frau Berta, deren Ring um den Knochen herum zu schweben scheint.

Diese Entdeckergeschichte lässt sich anhand von Texten und dem Nachbau seines Labor im Museum erschließen. „Ich dachte nicht, ich untersuchte“, hat Röntgen gesagt. Und wie weitreichend seine Entdeckung war, blättert das Museum vielgestaltig auf. Bildgebende Verfahren bestimmen den Alltag bei den Sicherheitskontrollen an den Flughäfen, bei den Werkstoffprüfungen, der Analyse von Kunst und der Medizin. Um nur ein paar Beispiel zu nennen.

Kanonendonner. Wir befinden uns auf einem Schlachtfeld. Es herrscht Krieg. Erster Weltkrieg. Eine Feldtrage aus Holz mit brauner Bespannung steht vor uns, ein Original aus den Beständen des Lenneper Roten Kreuzes. Mit diesen Tragen hat man zerschossene Soldaten von der Front geholt und unter einen schwarzen Apparat gelegt. Einen klobigen Röntgenapparat, der knatternd Aufnahmen vom Inneren des Menschen machte, damit die Ärzte schnell wussten, wie es um den Soldaten bestellt war. Diese Installation steht für eine Pionierzeit der Röntgendiagnostik, die durch und nach dem Ersten Weltkrieg den Siegeszug antrat. Die Welt ließ sich röntgen. Auf Bällen war es schick, sich gegenseitig Röntgenbilder zu zeigen. Und wie so eine Apparatur knatterte, lässt sich in Thomas Manns „Zauberberg“ nachlesen.

Die ständige Ausstellung beleuchtet mehrere Aspekte der Röntgenentwicklung. Sie schlägt historische Querverweise zum Beispiel auf Marie Curie, die den Nobelpreis für Chemie und Physik erhielt. Sie will aber auch zeigen, wie das Röntgen als Diagnosemethode sich weiter spezifizierte. Zum Beispiel bei der Bekämpfung von Tuberkulose.

Der Nachbau eines Busses stellt dar, wie in den 1920er-Jahren ein Volkskataster entstand, um gegen die Seuche Lungentuberkulose vorzugehen. Animationen und Computer versetzen den Besucher in die Lage, eine eigene Untersuchung historischer Art nachzuvollziehen. Diagnostik – das gehört zu den zentralen Themen der Ausstellung. Mit verschiedenen Strahlungstechniken bekämpften die Ärzte in den Kliniken der 1940er- und 1950er-Jahre Tumore. Der Besucher kann Visite in einem Dreibettzimmer machen. Dort trifft er auf einen Kriegs-Verletzten, einen TBC-Kranken und einen Fall mit Brustkrebs. Wie ein Arzt kann er die Krankenakten studieren. Zu jedem modernen Wissenschaftsmuseum gehört die Interaktion. Und wer im Röntgenlabor (RöLab) jemals ein Experiment ausprobiert hat, bei dem sind alle mentalen Barrieren beseitigt.

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