Ausstellung in Wuppertal Der offene Blick auf Farbe und Form

Wuppertal · Das Von der Heydt-Museum zeigt aus seinen Beständen eine knisternde Geschichte der abstrakten Kunst der vergangenen 100 Jahre. Sie trägt den Titel „Nicht viel zu sehen“.

Wilhelm Morgner, Komposition X: Pfingsten, 1912 – zu sehen im Von der Heydt-Museum.

Wilhelm Morgner, Komposition X: Pfingsten, 1912 – zu sehen im Von der Heydt-Museum.

Foto: Von der Heydt-Museum

Das kleinste Bild in der neuen Ausstellung des Von der Heydt-Museums umfasst 35 mal 28 Zentimeter. Gemalt hat es Wassily Kandinsky in den 1920er-Jahren. Das größte Bild gestaltete die zeitgenössische Malerin Katharina Grosse in einem Format von 4 Meter mal 5,50 Meter. Die Kunstwerke eint, dass sie über die Zeitläufte hinweg Positionen der abstrakten Kunst markieren und zur Sammlung des Von der Heydt-Museums zählen.

Bei Kandinsky, einem der Initiatoren der internationalen Bewegung hin zur ungegenständlichen Malerei, bleibt die Begegnung mit dem Farbspiel, der Rhythmik und den weichen Linien ein intimes Kammerspiel. Bei Grosse steht der Betrachter vor einer Landschaft aus Farbflächen, die in ihrer Dynamik den Besucher wie ein heller, kraftvoller C-Dur Akkord überwältigt.

Solche Korrespondenzen und Resonanzen entwickeln sich auf vielfälltige Weise in der Werkschau mit dem ironischen Titel „Nicht viel zu sehen“. Die Kuratoren präsentieren keine lineare Erzählweise zur Entwicklung der abstrakten Kunst. In den zehn Räumen mit 90 Exponaten von 70 Künstlern und Künstlerinnen gilt es thematische Parallelen zu entdecken, unterschiedliche Materialbearbeitung zu dechiffrieren und das Spiel von Form, Figur und Farbe auf sich wirken zu lassen. Eine Schule des Sehens für den emanzipierten Blick. Wer zweimal durch die Räume schlendert, wird feststellen, dass es immer wieder Neues zu entdecken gibt, dass die Reise durch die Wuppertaler Bilderwelten eine unendliche Reise ist.

Der Ausstellungstitel geht auf ein Bild des französischen Malers Jean Fautrier zurück. Ein querformatiges Werk mit bröseliger weißer Oberfläche, auf der zentral ein Gebilde aus Rundungen und einer dicken lilafarbenden Linie zu sehen ist. Eine Einladung zum freien Assoziieren. Ein Bild wird für gewöhnlich als abstrakt bezeichnet, wenn auf ihm kein Gegenstand zu sehen ist. Es besteht somit nur aus dem Zusammenspiel von Farbe und Form, von Fläche und Raum. Es bildet einen Kontrapunkt zur sichtbaren Welt der Natur, eine Absage an den kopierenden Realismus.

Gibt der Schau ihren Namen: Jean Fautrier „Nicht viel zu sehen“ (Not much to look at), 1959.

Gibt der Schau ihren Namen: Jean Fautrier „Nicht viel zu sehen“ (Not much to look at), 1959.

Foto: Von der Heydt - Museum Wuppertal/Von der Heydt-Museum Wuppertal copyright VG Bild-Kunst, Bonn 2024

Doch der Siegeszug der Kunstform, die sich vom Gegenständlichen löst, differenziert sich aus. Bereits die Kubisten abstrahieren von ihrem Gegenstand, auch wenn die Gitarre noch erkennbar ist. Die Abstraktion setzt auf eigene Gesetze in der Kunst. Die Konkrete Kunst, die Farbflächen der amerikanischen Expressionisten, all das sind Versuche, sich den Geschichten, die Gegenstände immer in sich tragen, zu entziehen. Abstrakte Kunst könnte man auch begreifen als eine Verweigerung, die soziale und kulturelle Wirklichkeit nachzubilden. Vielleicht will diese Kunst nicht mehr eine Realität außerhalb ihrer selbst antäuschen, sondern lieber eine Wirklichkeit, eine Kunstwirklichkeit, nach ihrem Format schaffen. Die Farben werden mit emotionalen Qualitäten aufgeladen, der Malprozess entfernt sich vom sichtbaren Sujet und entwickelt über Spontaneität und Handwerk eine andere Qualität. Die Kunst als schöpferischer Akt wird sich selbst zum Gegenstand.

Das lässt sich gut an den Bildern von Willy Baumeister ablesen, einem der großen Verteidiger dieser Kunstrichtung in den 1950er-Jahren. Sein Bild „Hartfaser“ mit einer krakenhaft schwarzen Form mit kleinen Farbspuren an den Endpunkten wirkt dunkel, geheimnisvoll, nicht entschlüsselbar. Diese Verweigerung einer direkten Zuschreibung fühlt sich nicht abweisend an, sondern mehr wie eine Wink, sich auf das Unbekannte einzulassen. In der zeitgenössischen Malerin Tatjana Valsang zeigt das Museum eine Geistesverwandte von Baumeister, deren Bilder zu einer geheimnisvollen Spurensuche verführen.

Eine radikale Haltung zur Malerei vertritt ein Werk von Georg Baselitz. Er bearbeitet die Leinwand mit schmutzigen Schlammfarben und dreht den angedeuteten Adler auf den Kopf. Den Maler interessiert kein Motiv, der Malvorgang steht im Zentrum. Eine besonders raffinierte Spielart abstrakter Kunst zeigt der Düsseldorfer Ulrich Meister mit seinen Dosenbildern. Auf den ersten Blick sehen wir nur zwei Dosen in rot mit blauem Deckel auf heller Fläche. Die Farben schimmern ungewöhnlich brilliant. Mit der Zeit löst sich der Gegenstand auf, und im Blickfeld erscheinen nur noch Farbflächen. Faszinierende Abstraktion voll sinnlicher Wucht im Auge des Betrachters.

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