Ralf Krüger: "Wir müssen die alten Leute schützen"

Ralf Krüger: "Wir müssen die alten Leute schützen"

Nach 100 Tagen Seniorenbüro zieht der Seniorenbeauftragte eine positive Bilanz. Die Altersarmut in der Stadt wird sichtbar.

Herr Krüger, seit gut 100 Tagen gibt es das Seniorenbüro am Markt. Wie ist die Resonanz?

Ralf Krüger Wir sind positiv überrascht. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass wir mit über 600 Bürgerkontakten eine so hohe Resonanz haben. Wir haben von unterschiedlichsten Problemlagen erfahren. Es zeigt mir, wie wichtig es ist, für ältere Menschen ein niederschwelliges Angebot zu bieten und zu sagen, hier ist ein Büro, nur für sie, wir regeln alles in diesem Büro, von der Handy-Einstellung über Unity-Media bis hin zur Betreuungsvollmacht. Es war ein großer Vorteil, dass wir nicht mit einem engen Konzept angefangen haben, sondern gesagt haben, die Menschen sollen mit allem zu uns kommen. Und das tun sie auch.

Was beschäftigt die Leute am meisten?

Krüger Was für uns neu und erstaunlich war, ist das hohe Maß an Altersarmut, und die Angst und Sorge, Sozialleistungen zu beantragen. Da ist die Sozialverwaltung aus Sicht der alten Leute - wie ich finde zu Unrecht - stigmatisiert. Persönlich sehr betroffen haben mich Fälle gemacht, wie mit alten Leuten in Mietverhältnissen umgegangen wird. Da gibt es viele alte Menschen, auch im betreuten Wohnen, die sich beschweren und Sorge haben, von ihren Vermietern schlecht behandelt zu werden. Leute, die 20, 30, 40 Jahre in einer Wohnung leben, werden beim Verkauf des Hauses herausgedrängt, so wie man es aus schmierigen Filmen kennt. Die Menschen fühlen sich von ihren Vermietern erpresst.

Das ist ein neuer Blick auf die Welt der Senioren.

Krüger Ich glaube, dass wir als Kommune stolz darauf sein können, dass wir Kinder schützen. Wir werden aber auch den Blick als Verwaltung darauf richten müssen, dass es auch eine andere große Gruppe der Bevölkerung gibt, die den Schutz der Kommune braucht.

Würden Sie sagen, dass Remscheid eine seniorenfreundliche Stadt ist?

Krüger Wir haben die Nase im Bergischen mit unserem Seniorenbüro vorn. Ich möchte darauf hinweisen, dass in der Sozialverwaltung eine neue Sozialarbeiterstelle nur für Senioren eingerichtet wird. Die ist auch für diese Stadt bitter nötig.

Sind Sie mit dem Standort zufrieden?

Krüger Der Standort ist ideal. Wir haben einen leichten Zugang. Wir sind barrierefrei und haben Bushaltestellen in der Nähe. Durch die Märkte haben wir eine hohe Frequenz.

Hat sich herumgesprochen, dass es am Markt eine Anlaufstelle für Senioren gibt?

Krüger Wir machen ja keine Werbung. In 100 Tagen 600 Bürgerkontakte - das spricht für sich. Ich glaube auch nicht, dass man ältere Menschen dadurch erreicht, dass man groß Werbung macht. Wir erreichen sie durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Es spricht sich herum, dass man mit allem zu uns kommen kann. Als Unity-Media umgestellt hat, da konnten sich alte Leute keinen Techniker leisten. Da haben wir ehrenamtlich organisiert, dass dort jemand hinging, der die Box eingestellt hat.

Kommt man mit den bisherigen Öffnungszeiten aus?

Krüger Die Öffnungszeiten reichen aus. Wir konzentrieren uns auf den Vormittag mit der Sozialberatung. Wir werden am Nachmittag auch Programm anbieten wie zum Beispiel "Plausch und Plunder". Da geht es darum, Menschen aus der Einsamkeit herauszuholen. Nach einer Reihe von Feiertagen kam eine Frau ins Seniorenbüro und sagte, ach, was bin ich froh, dass sie wieder auf haben, ich habe vier Tage mit keinem Menschen gesprochen. Wir versuchen uns zu vernetzen. Wir haben eine gute Kooperation mit der Verbraucherberatung. Das Versorgungsamt wird bald Sprechstunden halten genauso wie der Sozialverband Deutschland.

Sie haben mal gesagt, keiner wird bei uns weggeschickt. Konnten Sie den Anspruch erfüllen?

Krüger Wir haben bisher keinen weggeschickt. Wir haben natürlich weiter verwiesen. Wir sagen allen Menschen, wenn sie nicht zurechtkommen, sollen sie sich wieder melden. Das wird auch wahrgenommen. Wenn ältere Menschen zum Beispiel einen großen Antrag mitbekommen, dann sagen die nicht direkt, dass sie Hilfe brauchen. Die kommen aber nun wieder, und wir füllen den Antrag gemeinsam aus.

Keiner muss sich schämen, wenn er eine Frage hat?

Krüger Keiner. Es schämt sich auch keiner, weil das Büro so offen ist, weil es wie ein Ladenlokal aussieht. Niemand kann wissen, warum ist derjenige gerade da. Ist er gekommen, um eine Tasse Kaffee zu trinken? Oder ist er da, weil er Dinge für seine Beerdigung regeln will? Das sieht man nicht.

Der Seniorenbeirat wollte dem Seniorenbüro ehrenamtlich helfen. Haben Sie genügend Unterstützung?

Krüger Der Seniorenbeirat unterstützt uns vorbildlich. Die Mitglieder wollten auch Sprechstunden abhalten. Da hat sich aber auch sehr schnell gezeigt, dass man schon ein professionelles Angebot vorhalten sollte. An fast jedem Tag ist aber ein Mitglied des Seniorenbeirates da.

Was ließe sich bei der Arbeit verbessern?

Krüger Wir müssen mehr und mehr lernen, nicht als Profi und Studierte irgendetwas vorzugeben. Wir müssen offen sein für alles, und daraus Schwerpunkte entwickeln. Im ersten Quartal wird es einen Schwerpunkt Verkehr geben. Es wird einen Schwerpunkt Betreuungsvollmachten geben. Und wir werden uns mit der Wohnungsproblematik älterer Menschen beschäftigen müssen - auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Ich hätte nicht gedacht, dass dieses Thema in unserer Stadt so präsent ist.

Remscheid ohne Seniorenbüro kann man sich nach diesem Start nicht mehr vorstellen, oder?

Krüger Ich bin Mitglied der Verwaltung. Ich vertraue fest darauf, dass der Oberbürgermeister die Notwendigkeit sieht. Und ich sehe den Seniorenbeirat als ein politisch schlagkräftiges Gremium. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein solches Angebot wieder eingedampft werden kann.

CHRISTIAN PEISELER FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP)