Wiederbegegnung mit Werk von Pina Bausch

Vor 19 Jahren wurde das Stück „Wiesenland“ uraufgeführt : Wiederbegegnung mit Werk von Pina Bausch

Vor 19 Jahren wurde das Stück „Wiesenland“ uraufgeführt. Es hat nach so langer Zeit nichts an seiner ästhetischen Kraft verloren.

Wer mit den Stücken von Pina Bausch aufgewachsen ist und das Glück hatte, die ästhetische Entwicklung des Wuppertaler Tanztheaters über Jahre mitzuverfolgen, dem stellt sich heute die Frage, ob die Abende der weltberühmten Choreographin auch nach ihrem Tod vor zehn Jahren noch in die heutige Zeit ragen. Ob ihre Ästhetik sich überholt hat und nur noch Ausdruck einer Epoche ist, und ob die Anhänger nur ihre eigene Geschichte und Begeisterung feiern? Eine Wagner-Oper oder eine Symphonie von Beethoven lässt sich immer wieder neu interpretieren. Aber eine Chorerographie von Pina Bausch? Da gibt es keinen großen Spielraum. Jede Schrittfolge, jeder Ablauf, jede Bewegung ist von ihr festgeschrieben worden. Und die Nachlassverwalter besitzen akribische Aufzeichnungen und Videomaterial, an dem sich jede Rekonstruktion der Abende orientiert. Eingriffe, Veränderungen wären Verfälschungen, so als würde man in eine Beethoven-Symphonie ein paar Beats von Rammstein montieren.

Vor 19 Jahren gab es die Uraufführung des Stücks „Wiesenland“. Es gehört zu dem Werkzyklus der Jahrtausendwende, in dem die Choreografin eine neue Leichtigkeit und Lebensfreude entdeckte, hervorgerufen durch mehrwöchige Reisen durch fremde Länder. „Wiesenland“ bezieht sich auf eine Reise nach Ungarn und Budapest. Aber ihre Choreographien sind natürlich keine Bebilderungen von Reiseerinnerungen, sondern immer Recherchen nach dem, was die Menschen bewegt - um es in Bewegungen umzuformen.

Die Zauberkraft ihrer Bilderwelt besitzt heute noch Sogkraft. Die 19 Jahre Abstand spielen keine Rolle. Man sitzt nicht im Opernhaus und denkt, das hat aber alles ganz schön viel Staub angesetzt. Im Gegenteil. Neil Young oder Leonard Cohen haben so unvergängliche Songs geschrieben wie Pina Bausch Choreographien entworfen hat. Auch ihre Stücke kann man wieder und wieder sehen. Daran ist nach diesem Abend kein Zweifel mehr — wenn es denn je einen gab.

Julie Shanahan und Michael Strecker tanzen die Wiederaufnahme mit. Wie vor 19 Jahren. An jugendlicher Frische haben die langjährigen Mitglieder verloren, aber nicht an Ausdruckskraft. Shanahans Ausstrahlung bleibt unvergleichlich. Sie tanzt immer noch am Saum des Unterbewusstseins und weiß ins weite Land der Sehnsüchte zu entführen. Die Bewunderung gilt aber nicht nur den Feengestalten aus dem Pina-Bausch-Kosmos. Junge Tänzer, die nie mit Pina Bausch geprobt haben, verleihen ihren Werke starke Energie. So wie die Amerikanerin Ophelia Young, die für ihre Erotik einen Waffenschein besitzen müsste, oder Pau Aran Gimeno, der zwei atemnehmende Soli tanzte, voller Dynamik und Zerbrechlichkeit.

Die Wuppertaler Politik ist ja geübt darin, ihre Kultur nach und nach vor die Wand zu fahren. Ob es je ein Pina-Bausch-Zentrum im vor sich hinfaulenden Schauspielhaus geben wird, scheint nicht sicher. 70 Millionen soll der Umbaukosten. Wer Förderer für Spenden überzeugen will, sollte ihnen eine Karte für „Wiesenland“ kaufen.