Westdeutsches Tournee-Theater zeigt Urfaust-Version

Premiere : Im Gretchen steckt der Teufel

Der Regisseur Dominik Breuer zeigt im Westdeutschen Tournee-Theater seine Bearbeitung von Goethes „Urfaust“. Der Prozess um Gretchen wird neu aufgerollt. Morgen ist Premiere.

„Ich fühle mich mächtig angezogen“, spricht Gretchen zum Faust und macht ihm schöne Augen. Diesen Satz hat Regisseur Dominik Breuer seiner Gretchen-Darstellerin ins Textbuch geschrieben. In Goethes Urfaust spricht der Erdgeist diese Worte, nicht Gretchen. Wer einigermaßen die Faust-Verse parat hat, wird feststellen, dass der Regisseur Breuer einen freien Umgang mit dem Vers-Material pflegt. In dieser Fassung gab es den Urfaust noch nicht auf der Bühne. Die Premiere morgen im Westdeutschen Tournee-Theater (WTT) trägt daher den Titel „Urfaust – ein Kindsmord“. Es geht nicht um die Tragödie des Faust’, sondern um die Leiden des jungen Gretchens, die Breuer eng mit dem Schicksal der Margaretha Brandin verknüpft. Die Analphabetin Brandin stand 1771 in Frankfurt, der Heimatstadt Goethes, vor Gericht. Die Anklage lautete: Kindsmord. Das Urteil: Todesstrafe. Goethe hat die Hinrichtung mitverfolgt. Im WTT wird der Prozess wieder aufgerollt.

Breuer hat die Gerichtsprotokolle studiert. Einige Passagen spielt er über Lautsprecher ein. „War es Mord, war es Affekt – das ist überhaupt nicht klar“, sagt Breuer. Mit der Uraufführung seiner Textfassung will er die Frage stellen. „Wie viel Teufel steckt in uns?“

Den Rahmen dieser Urfaust-Version bildet die Gerichtsverhandlung in Frankfurt. An die Wand geworfene Strichzeichnungen, wie sie aus Gerichtssälen bekannt sind, prägen die Atmosphäre des Bühnenbildes (Nils Blumenschein). In Rückblenden wird der Fall Faust-Gretchen beleuchtet. Breuer sieht in diesem kanonischen Text keinen Hinweis darauf, was zwischen der letzten Begegnung zwischen Faust und Gretchen und der Kerkerszene mit der Wahnsinnigen eigentlich passiert ist. Aus dieser Leerstelle saugt Breuer dramaturgische Blut. Vor der Premiere will er über den Ausgang nichts sagen. Nur so viel: „Das wird echt hart.“

Bis auf Björn Lukas, der den Mephisto gibt, hat Intendantin Claudia Sowa neue Schauspieler für diese Produktion engagiert. Es gab eine Reihe an Vorsprechen. Die Schauspieler kommen aus Köln.

In den Proben wollte Breuer den Schauspielern die Angst vor dem hohen Ton der Verse nehmen, eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit den großen Worten herstellen, damit sich der Glanz der Gedankenwelt diese Autors wuchtig entfalten kann. Einen Opfertonfall des Gretchens mag der Regisseur nicht auf der Bühne hören. Auf der Schiene der Naivität läuft diese Figur im WTT nicht. Das Stück bewegt sich für Breuer an der heißen Grenze von Übergriffigkeit und aufkeimender Sexualität. Wer die Aufführung besucht, braucht keine Vorkenntnisse über Goethes Urfaust, der viel gröber und ungeschliffener daherkommt als der klassischen Tragödie erster Teil. „Ich behaupte, der Text wirkt auch bei Besuchern, die noch nie im Theater waren“, sagt Breuer. Claudia Sowa freut sich, dem Publikum mal wieder ein ernstes Stück zu präsentieren.

Premiere ist morgen 20 Uhr. Weitere Vorstellung: 7.,12. und 13. Oktober, jeweils 20 Uhr