Teo Otto Theater: Hexenjagd geschieht auch heute

Teo Otto Theater : Hexenjagd geschieht auch heute

Man muss nur eine unbewiesene Behauptung mit dem Brustton der Überzeugung, besserwisserischer Attitüde und sogar marktschreierisch vortragen, dann wirkt sie glaubhaft: Und schon lassen sich ängstliche Menschen vor den Karren spannen.

Es werden immer mehr und am Ende glauben die Menschen alles. Weil sich so viele doch nicht irren können.

Der Dramatiker Arthur Miller hat 1952 in seinem Stück „Hexenjagd“ diesen Mechanismus beschrieben. Er versetzte die Handlung anhand von Gerichtsakten in den kleinen amerikanische Ort Salem gegen Ende des 17. Jahrhunderts, zog aber nicht zu übersehende Parallelen zu seiner Gegenwart – die Kommunistenhatz des berüchtigten Senators McCarthy.

Das Geschehen beginnt harmlos: Pubertierende Mädchen tanzen nachts durch den Wald. Am Ende reagieren sie hysterisch. Sie wissen, dass ihre strenggläubige Gemeinde Vergnügen nicht duldet. Der puritanische Dorfpfarrer (Ralf Grobel) diagnostiziert Geisterbeschwörung. Der Hexenexperte Pastor Hale (Christian Meyer) befragt die Mädchen. Sie reden sich heraus und behaupten, einer Hexenverführung erlegen zu sein. Sie selbst können nichts dafür: Die Hexe war’s. Stets ist jemand anders eine Hexe. Und so beschuldigen sie sich erst untereinander, dann kommen auch andere Gemeindemitglieder an die Reihe.

Eine Hexenjagd beginnt. Das Fatale daran: Wer leugnet, ist schuldig. Nur die geständige „Hexe“ kommt durch ihre Lüge mit dem Leben davon. Es geht für jeden Angeklagten um Leben oder Tod. Beklemmend inszeniert: Die Dramatik auf der Bühne breitet sich jetzt im ganzen Saal aus. Die junge Abigail (Hanna Prasse) hat schnell kapiert: Sie klagt Elisabeth (Iris Boss), die Frau des Bauern John Proctor (Wolfgang Seidenberg), der Hexerei an. Sie will sich ihrer entledigen und hofft darauf, sich unbehelligt in das Bett Proctors zu legen. Damit bekommt das Ganze eine neue Dimension.

Durch Denunziation kann man ungestört persönliche Vorteile erlangen. Anstand, Ehrlichkeit und Moral spielen keine Rolle mehr. Am Ende ist die Bühne voll von Grabkreuzen unschuldig hingerichteter Menschen. Sogar der Richter (Carsten Klemm) ist sich jetzt nicht mehr sicher: Sein ethischer Konflikt zwischen Lüge und Wahrheit wird aufwühlend deutlich. Die stärksten Szenen hat das Ensemble im Schweigen vor dem Gericht. Dann ist die Spannung nahezu unerträglich: Bleibt der Angeklagte bei der Wahrheit und liefert sich dem Henker aus oder bekennt er, mit dem Teufel im Bunde zu sein, und bleibt am Leben? „Halten Sie an keinem Glauben fest, der Blut vergießt“, beschwört der vom Saulus zum Paulus gewordene Pastor Hale die Opfer. „Hexen gab es schon damals nicht, aber noch immer ist die Welt in der Gewalt von Jägern“, gibt Wolfgang Seidenberg den (viel zu wenigen) Besuchern mit auf dem Weg.