Sven Wiertz: Mit den Bürgern ins Gespräch kommen

Remscheider Kultur: Mit den Bürgern ins Gespräch kommen

Der Remscheider Kulturdezernent Sven Wiertz spricht über seine Erfahrungen nach fast einem Jahr im Amt.

Herr Wiertz, seit fast einem Jahr sind Sie Kulturdezernent. Was hat Sie am meisten in diesem Amt überrascht?

Wiertz Die Vielzahl der Begegnungen, die mit dieser neuen Funktion verbunden sind und die Verschiedenheit der Themengebiete. Besonders spannend finde ich beispielsweise, wie sich die Debatte über die Zukunft der Bibliotheken als dritte Orte entwickelt. Das hatte ich vorher nicht so auf dem Schirm. Ich lerne also viel dazu und nehme dabei gerne Anregungen auf. So nehme ich zum Beispiel aus Theatern und Kultureinrichtungen bei meinen Besuchen in anderen Städten Inspirationen mit nach Remscheid.

Wenn Sie Gäste haben, wo gehen Sie gerne mit ihnen in Remscheid hin?

Wiertz Natürlich ins Teo Otto Theater als die gute Stube der Stadt Remscheid. Die Resonanz ist durchgängig sehr positiv. Ich habe auch mal die Kämmerer des Deutschen Städtetages NRW ins Deutsche Röntgen-Museum eingeladen, um ihnen zu erläutern, wie man ein Museum auch unter den schwierigen Bedingungen einer Stadt, die finanzielle Probleme hat, weiterentwickeln kann. Was ich auch gerne zeige, ist die Initiative „Ins Blaue“ als Form der freien soziokulturellen Kulturarbeit in einem Stadtteil, der in der Entwicklung begriffen ist.

Sie sind in Remscheid aufgewachsen. Welche kulturellen Ereignisse oder Erlebnisse in der Stadt haben Sie besonders beeindruckt oder gar geprägt?

Wiertz Die Schulaufführungen – bereits in der Grundschule. Das war der erste Kontakt mit dem WTT und dem Stadttheater. Ich bin in Lennep auf dem Hasenberg aufgewachsen. Da muss man dazu sagen, dass die Remscheider Innenstadt nicht vor der Tür lag – die Lenneper Altstadt lag einfach näher. Diese Aufführungen waren sehr eindrücklich für mich. Das war der wichtigste Moment. Seitdem bin ich begeisterter Theatergänger.

Ist die Förderung von Kultur für Sie eine freiwillige Aufgabe der Kommune oder ein Pflichtprogramm?

Wiertz Rein rechtlich gesehen ist sie in weiten Teilen, aber nicht durchgängig, eine freiwillige Aufgabe. Es ist bedauerlich, dass sie noch nicht vollständig rechtlich verankert ist. Sie sollte abgesichert sein. Man kann die Verpflichtung aber in weiten Teilen aus dem Grundgesetz und der Landesverfassung herleiten. Eine Stadt muss ein kulturelles Angebot haben, das attraktiv ist und die Menschen erreicht. Eine Gemeinde ist schließlich mehr als nur die Summe der klassischen Verwaltungsaufgaben. Sie sollte in der Lage sein, ein eigenes Kulturleben zu entwickeln, zu fördern und zu erhalten. Das ist immer wieder eine Herausforderung, weil Kultur kein Selbstläufer ist, der sich selber finanziert. Der Zuschuss, den wir hier aufwenden, ist wichtig für die Identität unserer Stadt und gut angelegt.

Welche Akzente wollen Sie als Kulturdezernent setzen?

Wiertz Es ist mir wichtig, mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch zu kommen, um Impulse und Ideen aufzunehmen. Ich habe auch eigene Vorstellungen, die ich in die tägliche Arbeit einbringe. Zum Beispiel die Entwicklung unserer Museen, die mich persönlich sehr bewegt. Wie geht es mit dem Röntgen-Labor weiter? Wie können wir das Begegnungszentrum der Musik- und Kunstschule fördern? Kultur zeichnet sich aber auch dadurch aus, dass der Diskurs über unterschiedliche Ideen geführt wird. Auch mit verschiedenen Meinungen. Erst so werden wir in die Lage versetzt, gemeinsam den besten Weg herauszuarbeiten.

Wo sehen Sie die Stärken des Remscheider Kulturlebens?

Wiertz Immer wieder sieht man sie bei der Nacht der Kultur. Wir haben ein sehr engagiertes Leben in der freien Szene. Darüber hinaus haben wir mit dem Theater und den Museen ein Alleinstellungsmerkmal. Ich darf daran erinnern, dass wir das Theater in sehr, sehr schwierigen Zeiten saniert haben und auch nicht ablassen, es immer wieder auf dem neuesten Stand zu halten. Das hat sich bewährt. Wir haben damit auch ein Denkmal geschaffen, das im ganzen Land Beachtung findet.

Gibt es auch Schwachpunkte im kulturellen Leben, die Sie identifiziert haben?

Wiertz Sicherlich war es lange Zeit das fehlende Kino – das gehört auch zum kulturellen Leben einer Stadt. Da hatten wir eine Schwäche, die aber jetzt zum Glück behoben ist. Man kann auch eine Schwäche darin sehen, dass wir unsere Sammlungen Gerd Arntz und Johann Peter Hasenclever nicht zeigen können. Eine Schwäche ist auch, dass wir die Sammlung Teo Otto nicht aufgearbeitet haben. Das sind Punkte, mit denen müssen wir uns in den nächsten Jahren beschäftigen. Diese herausragenden Künstler unserer Stadt haben es verdient, in der Stadt auch vorzukommen.

Es gibt zurzeit den moderierten Prozess, dass Remscheid, Solingen und Wuppertal auf dem kulturellen Gebiet mehr kooperieren. Wie beurteilen Sie den bisherigen Verlauf?

Wiertz Ich habe an den Workshops teilgenommen. Ich fand interessant, dass sich Netzwerke neu gebildet haben. Im Bergischen ist es häufig so, dass man für sich selbst arbeitet und mit dieser Arbeit genug zu tun hat. Dabei wird oft versäumt, zu schauen, was links und rechts passiert. Ich fand es spannend zu sehen, was in den anderen Städten geschieht. Die Herausforderung ist durchaus vergleichbar. Es ist keine andere Lage in Wuppertal und Solingen als in Remscheid. Was die Ausgestaltung konkreter Projekte betrifft, läuft der Prozess noch. Über eins müssen wir uns dabei im Klaren sein: Es darf zu keinem Verlust der kulturellen Identität kommen. Überall dort, wo wir die Stärken der bergischen Region unterstützen können, sollten wir zusammenarbeiten. Das betrifft zum Beispiel die Außendarstellung. Die kulturellen Angebote im Bergischen sollen präsenter werden in Nordrhein-Westfalen.

In drei Jahren kann der Fusionsvertrag mit Solingen über das Orchester beiderseits gekündigt werden. Gehen Sie davon aus, dass er weiter bestehen bleibt?

Wiertz Mir persönlich ist es wichtig, dass wir auch durch die Unterstützung des Landes sicheres Fahrwasser hergestellt haben. Sehr positiv ist, dass der Orchester-Soli funktioniert, besser als man gedacht hat. Diese beiden Entwicklungen zeigen, dass das gemeinsame Orchester im Rahmen dieser finanziellen Möglichkeiten auch darstellbar ist. Ich hoffe, dass es darüber hinaus auch eine Flexibilisierung der Zuschüsse des Landes geben wird und auch Städte unterstützt werden, die kein eigenes Ensemble haben. Dann haben wir ein finanzielles Gerüst, das tragfähig ist.

Gibt es ein Ereignis, auf dass Sie sich in diesem Jahr besonders freuen?

Wiertz Jedes Jahr freue ich mich auf die Nacht der Kultur.

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