Serie Mein Remscheid: Entschleunigung in Garschagen

Serie „Mein Remscheid“ : Entschleunigung in Garschagen

Landluft, Ruhe und Historie erwarten Ausflügler, die das Idyll zwischen Lennep und Lüttringhausen erkunden.

Wer ein bisschen Entspannung genießen und Landluft schnuppern möchte, der muss nicht zwangsläufig in die Ferne fahren. In Remscheid gibt es genug Gelegenheiten, in wenigen Minuten und nach kurzen Wegen direkt in eine andere Welt zu tauchen. Ein kleines Idyll liegt direkt zwischen Lüttringhausen und Lennep an der Grenze zu Wuppertal: Garschagen.

Meine Tour beginnt am Ende der Garschager Straße. Dort stelle ich das Auto ab, um danach in den nächsten zwei Stunden Neuland zu erkunden. Denn Ober-, Mittel- und Untergarschagen sind noch unbekannt für mich. Sobald man am Ende der Straße um die mit den Ästen verwunschen wirkende Kurve kommt, lässt man die Zivilisation mit der letzten, dicht bebauten Wohnsiedlung ein stückweit hinter sich. Nur wenige Autos kommen mir noch entgegen. Die Entschleunigung hat schon begonnen.

Das Rauschen der Autos auf der Autobahn dringt hier noch sehr laut ans Ohr. Die Treppe zur Brücke hinauf wurde scheinbar schon länger nicht mehr benutzt. Das Grün wuchert auf den einzelnen Stufen. Es hat etwas Wildes. Ein Stück läuft man parallel mit den Gleisen der S 7, bis man zur Eisenbahnbrücke gelangt.

Unerwartet empfängt mich vor dem schmalen Tunnel ein Graffiti in schwarz und grau. „Obergarschagen“ steht dort auf den beiden Mauerseiten. Eine Scheune sowie eine Abbildung des Wasserturms sind zu sehen. Es ist ein richtiger Hingucker. Ich lasse Auto- und Eisenbahnbrücke hinter mir und rieche sie das erste Mal: diese typische Landluft. In der Ferne sieht man die Autos an der Blume fahren. Noch immer höre ich, wie im Sekundentakt Wagen für Wagen über die Autobahn fahren.

Am Ortseingang von Obergarschagen steht ein Hofkreuz mit einer Marien-Statue. Foto: Moll, Jürgen (jumo)

Dieses beständige Rauschen gehört in Obergarschagen genauso dazu wie das Zwitschern der Vögel oder das Zirpen der Grillen in den hohen Gräsern. Es vermengt sich zu einem ganz eigenen Klang. Nach nur wenigen Metern kommen wieder die ersten Häuser in der typischen bergischen Bauweise mit viel Schiefer. An der Gabelung mit dem Wegkreuz und der blauen Marien-Statue hat man die Wahl. Ich entscheide mich für die rechte Seite. An den wenigen Häuser vorbei kann man erahnen, wie das Leben hier damals gewesen ist. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde der Ort erstmals erwähnt.

Wanderer, Spaziergänger und Radfahrer nutzen gerne das Naherholungsgebiet für einen Ausflug. Kurz vor dem Kuhstall, in dem die Tiere gerade genüsslich ihr Mal zu sich nehmen, stoße ich auf eine kleine Familie. Die Kinder Alessa (4) und Luca (2) toben sich mit ihren Bobby-Cars aus, während Thessa (1) vom Kinderwagen aus zuschaut. Gemeinsam mit ihren Eltern Stephanie und Lars Zielas hatten sie schon einen langen Weg hinter sich. Von Ronsdorf aus sind sie seit dem Morgen unterwegs. „Hier ist es schön ruhig. Man kann die Kinder ohne viel Autoverkehr unbesorgt laufen lassen“, merkt Vater Lars Zielas an. Als Kind war der Lenneper viel in Garschagen unterwegs, hat Freunde besucht oder auch bei der Kartoffelernte geholfen. Dafür gab es 8,50 Mark, erinnert er sich mit einem Lachen zurück.

Heute gibt es in den Ortschaften nur noch wenige landwirtschaftliche Betriebe. Entlang der Maisfelder geht es weiter. Erstmals wird der Blick auf den markanten Wasserturm frei. An dem muss ich gleich auf jeden Fall auch vorbei. Vorher schaue ich mir aber noch Untergarschagen an. Eine kleine Siedlung mit liebevoll gepflegten Häusern und Gärten. Von hier aus ist man ganz schnell an der Herbringhauser Talsperre.

Immer den Wasserturm im Blick, geht es entlang der Felder durch Mittelgarschagen. Kleine Spatzen und Mauersegler durchstreifen ihr Gebiet. Wieder unter einer Autobahnbrücke hindurch gelange ich zur Garschager Heide. Jetzt sind es nur noch wenige Schritte. Wie ein unbesiegbarer Gigant ragt der Turm in die Höhe. Die Fläche davor verwildert. Selbst der schwarze Briefkasten wird fast vom Gras verdeckt.

Claudia Böttinger und Markus Becker kommen gerade mit Hündin Frida aus dem Wald an der Olper Höhe. „Je nachdem, wo Sie in Garschagen sind, haben Sie einen wunderschönen Blick über das Bergische Land. Gerade in den Morgen- oder Abendstunden ist das toll. Das ist schon schön, auch wenn es hier oft regnet“, schwärmt Böttiger. „Man ist in fünf Minuten im Grünen und es ist schön ruhig hier“, ergänzt Becker.

Recht haben die beiden. Über den Gustav-Kottsieper-Steg, benannt nach dem langjährigen Vorsitzenden des Heimatbundes Lüttringhausen und Initiator der Fußgängerbrücke über die A 1, gelange ich wieder nach Mittelgarschagen. Am Bauernhof vorbei sehe ich eine Weile den Kühen beim Grasen zu. Eine getigerte Katze huscht über die Wiese. Wenige Schritte weiter ist ein Geflügelhof. Nur noch wenige Meter - das Rauschen der Autobahn wird wieder lauter – dann bin ich fast wieder am Ausgangspunkt.

„Garschagen ist schön. Auf Wiedersehen“ lautet der Schriftzug des Graffitis. Stimmt. Schön war’s.

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