Remscheiderin verbrachte Auslandssemester in Taiwan

Remscheiderin in Taiwan : Atemberaubend – und so ganz anders

China ist Global Player, das benachbarte Taiwan kennt kaum jemand. Die Remscheiderin Lisa Meyer studiert Chinesisch, verbrachte vor kurzem ein Auslandssemester auf der westlich geprägten Insel – und schildert ihre Eindrücke.

Die Rauchschwaden der Räucherstäbchen und Motorrollerabgase vermengen sich mit dem, sagen wir: eigenwilligen Geruch des Lieblingsgerichtes der Taiwaner, welches sie selber „stinkendes Tofu“ nennen. Ich atme deshalb lieber durch den Mund und schlängel mich durch die enge Gasse zwischen Innereien, Hühnerfüßen und Schweineblutkuchen. Zu Hause in Remscheid sitze ich an lauen Sommerabenden auf selbstgebauten Gartenmöbeln aus Holzpaletten und trinke ein Aperol Spritz zur Pizza Margherita. In Taipeh sitze ich schweißgebadet auf einem Klappstuhl. Neben mir bereitet eine freundliche Frau mit dem Körperbau einer Frühlingsrolle mein exotisches Abendessen zu: Reis mit Hühnchen. Nur die süß-sauere Sauce hat sie nicht.

Taipeh ist die Hauptstadt des Inselstaates Taiwan, der auch als Republik China bekannt ist und früher Formosa hieß. Ähnlich wie Hongkong oder Tibet gehört Taiwan zwar zu der Volksrepublik China, doch hat nach der politischen Agenda „ein Land – zwei Systeme“ einen Sonderstatus inne. Die Taiwaner wählen im kommenden Jahr nicht nur einen neuen Präsidenten, sie genießen auch das Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit. Doch obwohl Taiwan in seinen demokratischen Werten der westlichen Kultur nahesteht, ist es doch so anders.

Lisa Meyer auf dem Weg zur Staatlichen Universität, an der rund 31.000 junge Menschen studieren. Foto: lkmeyer

In dem engen Hausflur, der hoch zu meinem Ein-Zimmer-Apartment führt, tönt aus der angrenzenden Karaokebar die asiatische Whitney Houston: „Give me one moment in time / When I‘m more than I thought I could be“. Auch ich habe das Gefühl mehr zu sein, als ich mich bei der Außentemperatur von 45 Grad in den fünften Stock hochquäle: mehr Puls, mehr Atem, mehr Schweiß.

An meiner Zimmerwand hängt weder ein Holzschild mit dem Schriftzug „Home“, noch gibt es ein Wandtattoo mit Bambuspflanzen. Stattdessen bröckelt der Putz von den Wänden und bei dem Versuch, die triste Wand rot zu streichen, fehlte wohl das Klebeband, um die Kanten abzukleben. Eine Ameisenparade heißt mich willkommen und zeigt mir den Weg zu den letzten Überbleibseln meines Vormieters: ein Brotkrümel. Hier ist mein Zuhause für die nächsten sechs Monate.

Insgesamt sind die Mieten in Taipei mit denen deutscher Großstädte vergleichbar. Umgerechnet 330 Euro zahle ich für das Zimmer, welches bei weitem nicht deutschem Standard gerecht wird. Darüber hinaus liegt das monatliche Einkommen der Taiwaner deutlich unter dem deutscher Normalverdiener, so dass es ihnen fast unmöglich ist, in Taipeh eine Wohnung zu kaufen. Um Geld zu sparen, wohnen einige in sogenannten „Ameisenhäusern“ – das bedeutet schlafen, duschen, essen, leben auf unter 30 Quadratmeter. Manchmal sogar ohne Fenster.

Doch fernab von Miniaturzimmern und Großstadttrubel bietet Taiwan eine atemberaubende Landschaft. Nur eine Stunde Bahnfahrt und die Hochhäuser werden zu Bergketten, die Satellitenschüsseln zu Palmblättern und das Geräusch der Motorroller weicht dem Plätschern der Wasserfälle. Überall sieht es so aus wie in der Saunalandschaft des H2O. Allerdings ohne hängende Mundwinkel. Für Taiwaner ist das Glas nicht nur halb voll. Sie würden ihrem Gegenüber am liebsten noch einen Schluck ihres Lebensglückes abgeben. Sogar an der Kasse im Supermarkt ist der Slogan „Freundlichkeit erreicht Herzen“ nicht nur ein Anstecker auf der Bluse der Verkäuferin.

Als ich mich nach der Rückkehr nach Deutschland auf meinen vollgepackten Einkaufswagen stütze, muss ich unweigerlich an meine Zeit in Taiwan zurückdenken. Kasse eins ist geöffnet. Vor mir warten vier weitere Kunden darauf, ihre Waren auf das Kassenband legen zu können. Ich ertappe mich bei dem vorwurfsvollen Gedanken, warum noch keine weitere Kasse geöffnet wurde. Doch statt in das Gezeter der anderen Kunden einzustimmen, schließe ich für einen kurzen Augenblick meine Augen. Ich stelle mir vor, wie sich der beißende Geruch des stinkenden Tofus in meine Nasenlöcher schleicht und bin einfach nur glücklich, als ich den jungen Gouda und das Vollkornbrot nach einer kurzen Wartezeit auf das Kassenband lege.

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