Remscheider Zentrabibliothek eröffnet Bücherbasar

Kultur in Remscheid: Christine und andere Schnäppchen

Es ist unmöglich, den Bücherbasar der Zentralbibliothek zu verlassen, ohne ein Buch zu kaufen. Für wenig Geld.

Ich kann nicht widerstehen. Und ich will es eigentlich auch nicht. Vor allem nicht, wenn ich über den Bücherbasar in der Zentralbibliothek schlendere. Vier Bücher für vier Euro. Kann man da Nein sagen, auch wenn ich nicht weiß, wo ich Zuhause die Bücher unterbringen soll?

Zwischen Kinder- und Kochbüchern, Krimis und Katalogen, Lyrik und Comic-Bänden haben ich meine „Neuerscheinungen“ herausgefischt.Dabei hatte ich den sicheren Eindruck, die Bücher haben auf mich gewartet. Nur auf mich. Zum Beispiel: „Sebastian Haffner: Geschichte eines Deutschen.“ Der bekannte Historiker, von dem ich zwei Bücher kenne und besitze, schreibt im Vorwort: „Die Geschichte, die hier erzählt werden soll, hat zum Gegenstand eine Art Duell. Es ist ein Duell zwischen zwei sehr ungleichen Gegnern, einem überaus mächtigen und rücksichtslosen Staat, und einem kleinen anonymen, unbekannten Privatmann. Er befindet sich die ganze Zeit über durchaus in der Defensive. Er will nichts weiter, als das bewahren, was er, schlecht und recht, als seine eigene Persönlichkeit, sein eigenes Leben und seine private Ehre betrachtet. Dies alles wird von dem Staat, in dem er lebt und mit dem er es zu tun hat, ständig angegriffen, mit äußerst brutalen, wenn auch etwas plumpen Mitteln.“ Da will ich sofort weiter lesen. Leider musste ich aber weiter arbeiten.

Als mein zweite neue Errungenschaft vor zehn Jahren herauskam, war sie mir zu teuer. Irgendwas über 20 Euro. „Ich bin der letzte Mohikaner“, heißt der Titel. Henriette Kaiser, Tochter des inzwischen verstorbenen Großkritikers Joachim Kaiser von der Süddeutschen Zeitung, hat eine Collage aus Texten, Bildern und Anekdoten auf gut 400 Seiten über ihren Vater zusammengestellt. Keine Beweihräucherung, sondern eine heitere Respektbezeugung für einen Intellektuellen mit einer untrübbaren Leidenschaft für die Kunst. Die Tochter beschreibt den Vater, wie er ungeduldig auf den neuen Roman „Die Rättin“ (1986) von Günther Grass wartet. Die Rezensionsexemplare kamen früher noch per Post. Sie schreibt: „Ein, zwei Tage später ist es soweit. Mein Vater sitzt im Bademantel im Schaukelstuhl und beugt sein bebrilltes Haupt über den gewichtigen Roman. Er knickt Seiten um, krakelt mit abgenagtem Bleistift Notizen, trinkt einen riesigen Becher Nescafé. Um seine Konzentration nicht zu stören, schleicht der Rest der Familie auf Zehenspitzen umher, unterhält sich nur im Flüsterton. Dann geht die Tür auf: unsere rumänische Zugehfrau. Auch sie sieht meinen Vater im Schaukelstuhl und sagt: „Heute nix Arbeit? Zu Hause bleiben? Faul sein und lesen?“ Mein Vater sinkt in sich zusammen. Und die geballte Geisteskraft zweier so fleißiger Köpfe wie Grass und Kaiser wird mit dem Staubtuch weggewischt.“

Freue mich auf viele solcher Anekdoten und bin ein wenig wehmütig, dass die Zeiten, als das Feuilleton noch Tagesgespräche war, schon lange, schon sehr lange vorbei sind.

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Zwei Seite habe ich von der Novelle Margriet de Moor „Bevorzugte Landschaft“ gelesen – und sofort zugegriffen. Die Holländerin schreibt in einen Stil, den ich gerne habe: Klar, präzise, atmosphärisch. Mira, die Hauptfigur, kommt nach Hause und schaut durchs Fenster, hinter dem sie ihren Mann, ihre Tochter und noch jemanden erkennt. „Für einen Moment schloss sie die Augen und schaute dann wieder hin. Auf ihrem Platz saß eine fremde Frau.“ Was für ein Beginn!

Am Ende ist mir noch Christine Westermanns „Da geht noch was. Mit 65 in die Kurve“ in die Hände gefallen. Zur WDR-Moderatorin als Literaturkritikerin habe ich ein ambivalentes Verhältnis. Sie ist mir sympathisch, ihre Begründungen für gute Bücher aber häufig zu simpel, so nach dem Motto: „Tolles Buch. Unbedingt lesen“. Bei einem Espresso habe ich kurz reingelesen, geschmunzelt, weitergeblättert, weitergeblättert, weitergeblättert, geschmunzelt, weitergeblättert. Nach dem Espresso war klar. Ein Fehlkauf. So ein Buch muss ich nicht besitzen. Ich gebe es bei nächster Gelegenheit der Bücherei zurück.

Bis zum 27. Juli dauert der Basar in der Zentralbibliothek. Ich werde nicht mehr hingehen. Mein Bedarf an Büchern ist befriedigt. Zumindest für die nächsten vier Wochen.