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Remscheider gewinnt drei DM-Titel im Badminton

Badminton : Drei DM-Titel für Andreas Zimmermann

Der Remscheider Badminton-Spieler hat seinen größten Kampf schon 2017 ausgefochten. Damals ging es um sein Leben.

Andreas Zimmermann ist kein Typ, der pathetisch wird. Er sieht die Dinge, wie sie sind. Blickt für gewöhnlich nach vorne und nimmt sie in die Hand. Und auch an jenen Moment, als alles auf der Kippe stand, erinnert er sich ohne Pathos: „Die ersten Tage bin ich nicht aus dem Bett gekommen. Ich bin die Treppe hochgekrochen und hab nur geschlafen.“ Da hatte Andreas Zimmermann gerade die rettende Stammzellen-Transplantation hinter sich.

Das war im Sommer 2017. Bereits acht Jahre zuvor war der Remscheider mit einem komischen Gefühl in der Brust zum Arzt gegangen, der hatte bei dem damals 44-Jährigen erst einen Herzinfarkt und dann die Leukämie diagnostiziert. „Ich war nie krank gewesen“, sagt Zimmermann, „ich hatte mich gesund ernährt, nicht geraucht und immer Sport getrieben.“ Schon als Kind seien ihm diese Dinge wichtig gewesen, als er beim TSV Spandau 1860 seine ersten Schritte auf dem Fußballplatz gegangen war und dann doch das Badminton für sich entdeckt hatte.

Nichts hatte ihn aufgehalten. Im Einzel und im Doppel war er mit seiner Mannschaft angetreten – mal mehr und mal weniger erfolgreich. „Schon damals hat mir gefallen, dass man im Badminton Eins gegen Eins spielt und trotzdem Teil einer Mannschaft ist“, sagt er. Die Dynamik des Spiels, die Möglichkeit, Strategien zu entwickeln und richtig ins Schwitzen zu kommen: „Badminton ist kein Ball über die Schnur“, erklärt er lachend, „da kann man sich richtig auspowern.“

Und das tat er. Auch als er mit seiner Frau, einer Remscheiderin, schließlich von Berlin ins Bergische Land zog, um eine Familie zu gründen. Er trat dem Remscheider TV bei, freute sich an der guten Gemeinschaft im Team und bedauerte es schließlich, als der Verein keine eigene Mannschaft mehr stellen konnte, weil ihm die Badmintonspieler ausgingen. Er trainierte weiter – keine Frage.

Und dann: der Herzinfarkt und die niederschmetternde Diagnose. „Nach der ersten Chemotherapie denkst du: Das war es mit dem Sport. Du kehrst nicht zurück aufs Feld“, sagt er. Aber sie wirkte. Fünf Jahre und acht Tage lang blieb er beschwerde- und symptomfrei. Dann stellte er eine Thrombose fest und ahnte: Die Leukämie ist zurück.

Das war 2015. „Natürlich fragst du dich: Warum ich?“, erinnert sich Zimmermann. Aber Antworten gebe es darauf eben nicht. Also folgte die nächste Chemotherapie, der nächste Tiefpunkt – jene Phase, in der das System des eigenen Körpers total runtergefahren wird, er Tag und Nacht Mundschutz trägt und Zuhause sein eigenes Kühlschrankfach hat, weil Keime sein Leben bedrohen könnten.

„Die Chemo half zwei Jahre lang“, erzählt der Sportler. In dieser Zeit legte er gesunde Stammzellen zurück, die eingefroren wurden, weil die Ärzte schon prognostizierten, dass die Leukämie wiederkommen würde. Für den Rückfall 2017 war er also gewappnet. Und damals las er in der Zeitung zum ersten Mal von Andrea Epking. Die Radfahrerin aus Wermelskirchen hatte eine neue Niere bekommen und berichtete von ihrer Teilnahme an den Deutschen Meisterschaften für Transplantierte und Dialysepatienten. Damals hörte Andreas Zimmermann zum ersten Mal von den Wettkämpfen. Er recherchierte, las sich in das Thema ein und entdeckte: Die TransDia-Meisterschaften werden auch im Badminton ausgetragen.

Er fasste einen Plan: Er würde diese Krankheit überstehen, er würde sie bekämpfen und an den Wettkämpfen teilnehmen. Im Sommer 2017 transplantierten ihm die Ärzte die Stammzellen – keine fünf Monate später meldete er sich zur Deutschen Meisterschaft an. „Das war ein Anreiz, ein Mittel gegen das Lustlos-Loch“, sagt er, „und ein Grund, wieder rauszukommen.“ Hätte er die Anmeldung nicht sofort abgeschickt, die Frage vor sich hergeschoben: „Wahrscheinlich hätte ich es nie gemacht.“

Stattdessen kehrte er auf den Trainingsplatz zurück und bereitete sich auf die DM im Mai 2018 vor – kaum ein Jahr nach der Transplantation. Den Ball habe er noch geradeaus schlagen können, aber die Kondition habe gefehlt. Ein dynamisches Spiel sei am Anfang gar nicht zustande gekommen. Selbstzweifel tauchten auf. Hatte er die Entscheidung doch zu früh getroffen? Übernahm er sich? Andreas Zimmermann fuhr trotzdem zu den Wettkämpfen. „Und von Anfang an war das eine so herzliche und offene Atmosphäre, dass ich mich wohlgefühlt habe“, erzählt er, „die Leute dort freuen sich einfach, dass sie noch am Leben sind.“

Klar laute die erste Frage immer: Welches Organ? Aber dann gehe es um den Sport. Und dabei entdeckte Zimmermann: Er kann es noch. Schon im ersten Jahr holte er die Meistertitel in der Altersklasse Ü 50 im Einzel und im Doppel. Im Mixed wurde er Zweiter. „Da hatte ich für das zweite Jahr ein Ziel“, sagt er und lacht.

Inzwischen trainiert Andreas Zimmermann wieder zweimal in der Woche. Dazu kommen regelmäßige Laufeinheiten. Er nimmt an Wettkämpfen teil, vieles hat sich wieder eingespielt. Anfang Juni war er wieder bei der Deutschen Meisterschaft für Transplantierte und Dialysepatienten in Stuttgart – auch um Freunde zu treffen. Aber vor allem, um seine Titel zu verteidigen. Am Ende kehrte er mit drei Titeln zurück – auch das Mixed-Finale hatten er und seine Teamkollegin für sich entschieden. „Ich bin heute ehrgeiziger als früher“, stellt er fest, „das kam erst mit den Erfolgen.“

Heute hat er die Jahre seiner Krankheit angenommen, kann damit umgehen. „Da sind keine großen Einsichten in das Leben“, sagt er und ist wieder ganz der Pragmatiker. Wenn er könnte, würde er auf diese Erfahrung verzichten. Natürlich.

Auf eines, das ihm wichtig geworden ist, will er dann aber doch noch hinweisen: „Es gibt Menschen, die auf Organe warten“, sagt er. Und deswegen will er die Widerspruchsregelung. Er will, dass sich jeder Mensch Gedanken machen muss um die Frage nach einer Organspende. Seine eigene nämlich hat ihm das Leben gerettet – und ein bisschen war es wohl auch der Sport.