Remscheid: Zwischen Glockenspiel und „Roter Bank“

Gotteshäuser in Remscheid : Zwischen Glockenspiel und „Roter Bank“

Die Citykirche am alten Markt ist jenseits der seelsorgerischen Arbeit auch Anlaufstelle für alle Menschen in der Innenstadt.

Draußen auf dem alten Remscheider Markt ist es in der Regel wuselig und belebt. Menschen kommen von der Alleestraße oder eilen dorthin. Wie ein gutmütiger Wächter, ruhig und stabil, thront die Evangelische Stadtkirche über dem quirligen Leben. Die älteste Kirche Remscheids datiert in ihren ältesten Ursprüngen bis auf das 12. Jahrhundert zurück. Das können die Besucher der Citykirche auf einer Tafel im Eingangsbereich der Kirche nachlesen.

„Schon um das Jahr 1100 herum hat es hier an dieser Stelle wohl eine kleine Kapelle des damaligen Frohnhofes Remscheid gegeben“, sagt Pfarrer Martin Rogalla, der seit 18 Jahren als Citypfarrer die Stadtkirchengemeinde leitet. Im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts hat Graf Engelbert I. vom Berg die Kapelle dem Johanniterorden geschenkt, der dann an dieser Stelle um das Jahr 1200 eine dreischiffige Kirche errichtet hat. „Davon zeugt auch noch das Johanniterkreuz im Steinboden des Eingangsbereichs“, sagt Rogalla.

Evangelisch ist die Kirche dann nach dem Jahr 1566 geworden, als Ambrosius Vassbender als erster evangelischer Pastor in Remscheid wirkte. „Im weiteren Verlauf der Geschichte hat unsere Citykirche oftmals leiden müssen“, sagt Rogalla. So sei sie 1723 niedergebrannt. Und, nachdem sie nur drei Jahre später als barocke Predigtkirche wiederaufgebaut worden sei, sei sie im Zweiten Weltkrieg im Jahr 1943 den Brandbomben zum Opfer gefallen. „In den 1950er-Jahren wurde die Kirche dem damaligen neuen Zeitgeist gemäß wieder aufgebaut. Das sah dann aber ganz anders aus – was beim Pfarrer und dem Presbyterium nicht so gut angekommen ist“, erzählt Rogalla. Daher habe man die Stadtkirche in den 1980er-Jahren im typisch bergischen Dreiklang umgebaut. „Unten der Altar, darüber die Kanzel und ganz oben die Orgel“, sagt Rogalla. Die rundlaufende Empore, die es noch in den 1930er-Jahren gegeben hat, habe man indes nicht wieder eingebaut. „Das war dem Bedarf nicht mehr angemessen. Damals brauchte man noch Platz für rund 400 Gläubige. Heute ist die Kirche mit rund 250 Besuchern an Weihnachten gut gefüllt, dann wird die vorhandene Empore mitgenutzt“, sagt Rogalla.

Rogalla ist Citypfarrer – das ist eine Form der Gemeindearbeit, die aus der anglikanischen Kirche stammt. „Vor gut 20 Jahren wollte man mehr zur Projekt-, Kultur-, diakonischen und karitativen Arbeit gehen. In der anglikanischen Kirche hat man festgestellt, dass sich die Viertel rund um die Kirchen verändert hätten. Dem wollte man damit Tribut zollen“, sagt Rogalla. Die Angebote in der Citykirche seien an die Menschen gerichtet, die hier leben und arbeiten – unabhängig ihres Glaubens. „Dadurch wird auch der missionarische Auftrag der Evangelischen Kirche konkretisiert“, sagt Rogalla. So solle die Citykirche ein Ort sein, der gemäß dem Wort des Propheten Jeremia aufgestellt sei: „Suchet der Stadt Bestes.“

Man sei sehr flexibel in der Ausgestaltung dieses Prophetenwortes, sagt Rogalla. „Wir können die Kirchenbänke einfach in den Vaßbendersaal bringen, etwa zur Nacht der Kirchen und Kultur. Bis auf den Altar und die Bilder von Hubertus Kirchgäßner ist auch das Innere der Kirche veränderbar“, sagt der Citypfarrer. Die Bilder von Kirchgäßner hängen schon über 20 Jahre an den Wänden und symbolisieren die Tageszeiten zwischen den Kirchenfenstern. „Als verbindendes Element ist hier ein abstraktes Kreuz in der Mitte der vier Bilder zu erkennen, die den frühen Morgen, den Mittag, den Nachmittag und die Nacht darstellen“, sagt Rogalla. Aber sonst könnten etwa unter der Orgel im Altarraum ganz einfach verschiedene kleine Kunstausstellungen angebracht werden.

In Zeiten vermehrter Kirchenaustritte, mit denen auch die Evangelische Kirche zu kämpfen hat, ist die „Rote Bank“ ein besonderes Angebot. „Die Bank ist typisch für den Kirchenkreis Lennep. Hier können Menschen das offene Gespräch mit einem Seelsorger suchen, um über ihre Entscheidung, aus der Kirche auszutreten, zu reden“, sagt Friedhelm Krämer, Pfarrer im Ruhestand. Er ist immer dienstags und donnerstags zwischen 16 und 18 Uhr auf der „Roten Bank“ anzutreffen.

Die älteste Kirche Remscheids datiert bis auf das 12. Jahrhundert zurück. Foto: Moll, Jürgen (jumo)
Friedhelm Krämer, Pfarrer im Ruhestand, sitzt auf der „Roten Bank“. Foto: Moll, Jürgen (jumo)

Eine weitere Besonderheit gibt es in der Citykirche: „Wir haben ein Glockenspiel im Turm. Um 11.01 Uhr, 13.01 Uhr und 17.01 Uhr spielen die 27 Glocken abwechselnd kirchliche Lieder und Heimatlieder. Die dabei verwendete Lichtleitertechnik gibt es nur in Remscheid und Düsseldorf“, sagt Rogalla. Ermöglicht worden sei das aufwendige und liebevolle Glockenspiel, das man von unten auch erkennen kann, durch eine Fundraisingaktion verschiedener Sponsoren. Für Martin Rogalla ist sein Arbeitsplatz eine Konstante im Leben. „Wenn ich aus dem Urlaub zurückkomme, freue ich mich auf die Citykirche. Das ist für mich – aber auch für viele Remscheider – ein Stück Heimat“, sagt der Citypfarrer.

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