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Remscheid: Zwei Jahre Jugendhaft für Attacke in Asylunterkunft

Remscheider verurteilt : Zwei Jahre Jugendhaft für Attacke in Asylunterkunft

„Nur“ zwei Jahre Jugendhaft nach versuchtem Totschlag, vorsätzlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung hört sich nach üblichen Maßstäben extramild an. Wo liegen die Gründe für dieses Urteil?

Sicherlich auch in der Lebensgeschichte des jetzt 20-jährigen Afghanen. Nach Ärger mit dem Vater soll er bereits als Zehnjähriger auf der Straße gelebt, mit Gelegenheitsarbeiten, beispielsweise als Lkw-Reifenmonteur, seinen Lebensunterhalt zusammengekratzt und trotzdem noch die Hauptschule besucht haben. Im Jahr 2016 soll er über die Balkanroute nach Deutschland geflüchtet sein, brach nach mehreren Stationen auch hier die Schule ab und versuchte stattdessen Arbeit zu finden.

Zwei Wochen vor der Attacke bekam er einen festen Arbeitsvertrag. Familiengeschichte und Flucht blieben nicht ohne Narben, wegen Depressionen musste er mehrfach behandelt werden. Kleinere Auffälligkeiten mit Prügeleien wurden, da ohne große Blessuren oder haltlose Beschuldigungen, milde bestraft.

Im Teufelskreis von schroff abgelehntem Asylantrag (Begründung: „Wenn er Angst vor den Taliban hat, kann er sich ja in der Großstadt verstecken“), fehlender Arbeitserlaubnis und jederzeit widerrufbarer Duldung landete er in der Asylunterkunft an der Königstraße. In sein Zimmer wurde ihm dann ein jüngerer Asylbewerber aus Guinea zugesellt, auch mit einer schwierigen Geschichte, aber mit völlig unterschiedlichem Lebensentwurf. Rauchen, laute Musik vom Handy und Alkoholgenuss des Afghanen waren Gründe für heftige Ablehnung. „Keine gute Idee, die beiden in ein Zimmer zu stecken“ befand der Vorsitzende Richter während des Prozesses stirnrunzelnd.

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Abschließen des Raums durch den körperlich überlegenen Afghanen, Schubsen, Schläge und zum Schluss die Bedrohung mit einem langen Küchenmesser endeten am 18. November erst, als der Hausmeister in den Raum eindrang.

Für die psychiatrische Gutachterin ein Alarmzeichen, solche Vorkommnisse könnten sich jederzeit wiederholen, ein solcher Impulsdurchbruch sei typisch für einen Borderline-Patienten. Sie befürwortete die Unterbringung in die forensische Psychiatrie.

Aber Staatsanwalt und Gericht in Wuppertal sahen einen „Revierkampf“ fast ohne Schäden und die Reue des Angeklagten. Das Ergebnis: zwei Jahre Haft ohne Bewährung – aber mit dem Vorteil, in dieser Zeit den Hauptschulabschluss zu machen.