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Remscheid: Zeitzeugin erinnert an den Holocaust

Remscheid : Zeitzeugin erinnert an den Holocaust

Yvonne Koch war als Kind ohne Eltern aus ihrer slowakischen Heimat in das deutsche Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht worden. Im Leibniz-Gymnasium erzählte sie den Schülern ihre Geschichte.

Zum Holocaust-Gedenktag lud das Leibniz-Gymnasium Zeitzeugin Yvonne Koch in die Schule ein, um aus erster Hand über ihre schrecklichen Erlebnisse während der NS-Zeit zu erfahren. Die heute 85-Jährige war als Kind ohne Eltern aus ihrer slowakischen Heimat in das deutsche Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert worden.

„Auch wenn es nicht das erste Mal ist, dass ich darüber spreche – ich war ja schon mal hier –, fällt es mir unheimlich schwer“, sagte die zierliche Frau, tief Luft holend und nach Worten suchend. Immer wieder seufzte sie, griff sich mit der Hand ans Kinn, hielt inne, um sich zu sammeln. Diese Erinnerungen von 1944 und 1945 im niedersächsischen Konzentrationslager abzurufen, nachdem sie diese eine lange Zeit verdrängt hatte, kostete sie Überwindung und Energie. Zwischendurch versagte ihre Stimme. Und auch die Schüler hielten die Luft an. „Ich muss gleich heulen“, flüsterte ein junges Mädchen ihrer Mitschülerin zu.

Weil ihr Vater, ein Arzt jüdischer Abstammung, verletzte Staatskämpfer behandelte, geriet Koch als Zehnjährige in Gefahr: „Meine Großeltern waren Juden gewesen, mein Vater war nicht gläubig, meine Mutter streng katholisch“, erzählte die 85-Jährige. 1939 wurde sie von ihren Eltern in ein katholisches Klosterinternat geschickt. Von dort wurde sie 1944 von einem slowakischen SS-Mann entführt und in ein Sammellager gesteckt. „Er fragte mich, wo mein Vater sei. Ich wusste es nicht, also nahm er mich einfach mit.“ Keine 24 Stunden später wurde sie zusammen mit 60 Frauen in einen Viehwagon gepfercht und nach Bergen-Belsen deportiert. „Die Frauen haben geschrien. Wir hatten keine Toilette, nur diesen Eimer. Es stank widerlich“, beschrieb Koch eine Situation, die sie in jenem Moment nicht begriff. „Ich weiß nicht, wie lang wir gefahren sind, vielleicht drei, vier Tage. Viele Frauen sind auf dieser Fahrt gestorben.“ Als der Zug nach Tagen anhielt, fand sich das junge Mädchen allein unter Fremden an einem fremden Ort wieder, an dem sie der Hunger am meisten plagte.

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Zu jung fürs Arbeitslager kam Koch ins Todes- und Hungerlager. „Angst hatte ich nicht, ich hatte nur schrecklichen Hunger und keiner kümmerte sich dort um mich.“ Mindestens drei Stunden am Tag mussten die Frauen zum Zählappell. Wer nicht gerade stand, auf den wurde der aggressive Schäferhund losgelassen. „Wenn der scharfe Biss nicht tötete, dann wurde geschossen“, erzählte Koch stumpf und emotionslos. Ihre Gefühlswelt, erklärte sie, sei auf das primitivste zurückgegangen. „Es war ein Kampf ums Überleben.“ Auf der Suche nach Essen stahl sie Kartoffelschalen aus dem Abfall der Küche und zwischen den Leichenbergen auf dem KZ-Gelände suchte sie nach ihrer Mutter.

Im April 1945 befreiten die Alliierten das KZ. Zu jenem Zeitpunkt lag Koch geschwächt in der Baracke. In einem britischen Lazarett wurde sie aufgepäppelt. „Als ich aufwachte, in einem Bett mit weißen Laken, dachte ich, ich sei im Himmel.“ Ihre Eltern konnte sie wiederfinden. Doch die Erlebnisse hatten das Mädchen verändert. Mit ihren Eltern sprach sie nie darüber. Heute tut sie es vor Schülern – aus einem wichtigen Grund: „Demokratie ist das höchste Gut, das wir haben. In euren Händen liegt es, dass so etwas wie der Holocaust nie wieder passiert.“