Remscheid: Zeitzeuge und Täterkind

Besuch in Remscheid : Zeitzeuge und Täterkind

Dirk Kuhl erzählte Schülern des EMA-Gymnasiums, wie er es erlebte, als Sohn eines SS-Mannes aufzuwachsen.

Dirk Kuhl, ehemaliger EMA-Schüler und Sohn des zum Tode verurteilten SS-Mannes Günther Kuhl, besuchte am Montagmorgen die Geschichts-AG seiner ehemaligen Penne, um den Jugendlichen als besonderer Zeitzeuge über seine Schulzeit in der Nachkriegszeit zu erzählen und darüber, wie er es erlebte, als Sohn eines Täters aufzuwachsen.

„Ich nehme es ihm übel, dass er sich so blöd verteidigt hat“, sagt Dirk Kuhl über seinen Vater. Dass er bei seinem vierjährigen Prozess versucht habe, die englischen Richter für dumm zu verkaufen, diese Hochnäsigkeit, die sein Vater bis zu seinem Tod im Dezember 1948 an den Tag legte, kann ihm der heute 79-jährige Nachkomme von Günther Kuhl nicht verzeihen. Als der Vater in Hameln gehängt wurde, war Kuhl acht Jahre alt. Zuvor hatte er den Vater noch mit seiner Mutter im Gefängnis besucht. „An Weihnachten hieß es dann, der Vater sei in der Haft gestorben.“ Ein damals achtjähriger Junge nahm das einfach hin. „Das war damals völlig normal. Ich habe keinen Verdacht geschöpft. Die meisten meiner Freunde hatten Väter, die in Gefangenschaft gestorben waren.“

Erst mit 15 Jahren, als er bei einer Berlin-Fahrt nicht mit seinen Mitschülern im Zug in die ehemalige DDR fuhr, sondern von der Mutter mit dem Flugzeug in die heutige Bundeshauptstadt geschickt wurde, kamen die ersten Fragen auf. „Meine Mutter hatte die Fantasie, dass man mich in der DDR im Zug krallen und in Sippenhaft nehmen könnte. In der DDR wurden zwar alte Nazis häufiger dingfest gemacht, aber die Sippenhaft war eher eine Spezialität der Nazis.“ Kuhl kam ins Grübeln, löcherte seine Mutter. Warum sollte man ihn in der DDR verhaften wollen? Er fragte nach seinem Vater. „Die einzige Antwort meiner Mutter: Dein Vater hat nichts Unrechtes getan.“

Während seines Studiums besorgte sich Kuhl schließlich die Kopie der Gerichtsakten und erfuhr über die Dokumente, wer sein Vater tatsächlich gewesen war. „Mein Vater war als Gestapo-Chef in Braunschweig für die Disziplinierung der Zwangsarbeiter in Salzgitter verantwortlich.“

In den Fabriken der Waffenhersteller seien haufenweise Menschen gestorben, 3000 im Jahr. „Die Fabrikanten haben sich dann irgendwann beschwert, dass man mit Leichen keine Munition herstellen könnte, also sorgte mein Vater dafür, dass die Todesquote auf die Hälfte reduziert wurde. Das hat er dann bei seiner Verteidigung vor Gericht als humanitäre Maßnahme für sich ausgelegt.“ Dass sein Vater Angehöriger dieser Truppe gewesen war, „hat mich sehr gekränkt“. Warum seine Mutter, die nach dem Krieg eine sehr liberale und großzügige Frau gewesen sei, seinen Vater nicht in den Wind gejagt habe, begründet Kuhl im Nachhinein wie folgt: „Die Frauen von führenden SS-Männern wurden als Fürstinnen des künftigen Nazi-Reiches gesehen.“

Erst nach dem Krieg, so Kuhl, sei ihr klargeworden, was die Nazi-Herrschaft bedeutete. „Sie hat sich nach dem Krieg komplett gedreht.“ Dennoch nehme er es ihr übel, dass sie ihm bis zum Schluss nie die Wahrheit über seinen Vater gesagt habe. „Ich habe sie oft gefragt und auf Knien gebeten, dass sie mir sagen solle, ob mein Vater ein überzeugter Nazi gewesen war. Sie sagte nichts. Erst an ihrem Sterbebett sagte sie es einer engen Freundin. Das bleibt für immer ein Stachel.“

Auch wegen seiner Familiengeschichte sei Kuhl, der 1961 am EMA sein Abitur ablegte, später Lehramt studierte und an der Volksschule Am Stadtpark und in der Hauptschule Wilhelmstraße unterrichtete, überzeugter Sozialist geworden, obwohl er sich nicht parteipolitisch engagiert habe.

Ende der 1960er-Jahre heiratete er in erster Ehe eine Jüdin. „Wie geht man damit um, dass man so einen Vater hatte?“, fragte sich Kuhl häufig. Seine Schwiegermutter, eine russische Jüdin, lieferte die Antwort: „Dein Vater hat bezahlt. Mit mehr (als dem Leben) kann man nicht bezahlen.“

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