Remscheid: Sorge um Inklusion

Schule in Remscheid: Sorge um die Inklusion

Mit dem neuen Konzept für gemeinsames Lernen hat es in NRW eine Kehrtwende gegeben. Für weiterführende Schulen gibt es ab dem Schuljahr 2019/20 verbindliche Standards. Das Gertrud-Bäumer-Gymnasium ist betroffen.

Lange schien es, als ob die Inklusionsdebatte aus der Öffentlichkeit verschwunden sei. Nun ist sie zurück: FDP-Ministerin Yvonne Gebauer macht eine Kehrtwende – mit erheblichen Folgen insbesondere für die Inklusion an Gymnasien. In Remscheid trifft das auch das Gertrud-Bäumer-Gymnasium.

Landesbeamte wie Marcel Sprunkel (41) sind es gewohnt, die Dinge aus Düsseldorf so zu nehmen, wie sie kommen. Als der rot-grüne Landtag im Oktober 2013 per Gesetz beschloss, jedes Kind mit einem Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung dürfe auch an einer Regelschule lernen, half Sprunkel bei der Umsetzung. Denn der Pädagoge aus Köln unterrichtete auch damals schon am Gertrud-Bäumer-Gymnasium – und damit an einem von zwei Gymnasien in Remscheid, die sich der Inklusion annahmen.

„Nun kommt also die Kehrtwende“, sagt Sprunkel, der knapp fünf Jahre später immer noch an der Hindenburgstraße unterrichtet, inzwischen zum stellvertretenden Leiter der Schule aufgestiegen ist. Reichlich Erfahrung im Umgang mit Inklusionskindern hat er sammeln können. Und sein Fazit ist weitgehend positiv: „Nachdem es am Anfang große Skepsis im Kollegium gab, läuft es inzwischen runder.“ Was einem schuleigenen Konzept zu verdanken sei, mit dem man die Inklusion gleich zu Beginn auf zwei Säulen aufgebaut habe: „In den Hauptfächern unterrichten wir die Inklusionskinder in separaten Kleingruppen und räumlich getrennt. In den Nebenfächern sind sie mit den Regelkindern zusammen.“

Ein Modell, das erfolgreich gewesen sei, „weil wir für die Hauptfächer Lehrkräfte in Doppelbesetzung haben“. Hätte es diese Doppelbesetzungen auch für die Nebenfächer gegeben, wäre es indes noch viel besser gelaufen: „Wenn zwei Lehrer, von denen einer ein Sonderpädagoge ist, gemeinsam Unterricht machen, kann man das spezielle Lerntempo der Kinder mit besonderem Förderbedarf ganz anders berücksichtigen.“

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Grundsätzlich gelte: „Je mehr Doppelbesetzungen, umso mehr inklusive Phasen. Und am besten doppeltes Personal für jede einzelne Unterrichtsstunde.“ Von diesem Idealfall sei man auch an der Gertrud-Bäumer-Schule weit entfernt geblieben, „unter anderem weil der Markt für Sonderpädagogen leergefegt wirkt“. Es hätte daher auch nichts gebracht, so Sprunkel, wenn man den Regelschulen, die Inklusion umsetzen, auf dem Papier deutlich mehr Stellen zugeteilt hätte: „Die meisten Stellen wären unbesetzt geblieben.“ Ein Problem, für das sich Sprunkel und seine Kollegen dringend Lösungen wünschen. Wobei nicht klar sei, ob es in den öffentlichen Kassen überhaupt genügend Geld gäbe, um den personellen Idealfall in die Praxis umzusetzen. Vor dem Hintergrund dieser Risikofaktoren wirkt Sprunkel nicht überrascht, dass es mit der Inklusion am Gymnasium nun ein baldiges Ende zu haben scheint: „Wenn umgesetzt wird, was die Landesregierung zur Neuausrichtung der Inklusion plant, wird es in wenigen Jahren kaum noch Gymnasien geben, die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf unterrichten.“

Weil an den Gymnasien die sonderpädagogische Förderung gemäß der neuen Marschrichtung künftig zielgleich stattfinden soll: „Im Klartext heißt das, dass an dieser Schulform dann nur noch Jungen und Mädchen lernen dürfen, die das Abitur auch tatsächlich erreichen können.“ Das sei für die Inklusionskinder, „von denen bei uns rund 80 Prozent den Förderschwerpunkt Lernen haben“, jedoch nicht machbar: „Sie müssen sich vorstellen, dass in einer Inklusionsklasse, von denen wir seit 2014 eine pro Jahrgang haben, Kinder in der 5. Klasse sitzen, die in den Hauptfächern teilweise das Niveau von Zweit- oder Drittklässlern haben. Diese Kinder kann man nicht nach den Lehrplänen des Gymnasiums unterrichten.“

Die Erlangung des Abiturs sei folglich auch nicht das Ziel. Trotzdem habe man die Inklusionskinder, von denen es am Gertrud-Bäumer-Gymnasium derzeit 21 gibt, im Kollegium und im Rest der Schülerschaft als Bereicherung empfunden. Was daran liege, „dass diese Jungen und Mädchen sehr liebenswert sind und teilweise unglaublich engagiert“. So kämen etwa die Achtklässler unter ihnen freiwillig zum Nachmittagsunterricht, „obwohl sie davon eigentlich befreit sind“. Es gebe indes noch einen anderen Grund, „warum es schade wäre, wenn die neuen Qualitätskriterien der schulischen Inklusion dazu führen, dass Gymnasialschüler bald wieder eine weitgehend homogene Gruppe darstellen“: Zwar könnten sich die Fachlehrer dann wieder mehr auf die Förderung der Regelkinder konzentrieren, doch die Erzielung hoher kognitiver Leistungen sei eben nicht alles. „Es gibt auch noch das soziale Lernen. Das wurde durch die Inklusion enorm befördert.“