Von Remscheid nach Düsseldorf Eine Odyssee mit dem Schienenersatzverkehr

Remscheid · Wie fährt es sich mit dem Schienenersatzverkehr des RE47? Wir haben den Selbstversuch gemacht – ein teilweise „ziemlich verwirrendes“ Abenteuer.

Mit diesem Bus geht es derzeit stündlich von Lennep nach Düsseldorf.

Mit diesem Bus geht es derzeit stündlich von Lennep nach Düsseldorf.

Foto: Elena Pintus

Univers-Reisen“ steht auf meinem Bus in knallroter Schrift auf blauem Grund. Und ein wenig wird es sich gleich wirklich so anfühlen, als fahren wir in ein anderes Universum – zumindest für mich als Wahlkölnerin: Es geht nach Düsseldorf.

Bevor es aber so weit kommt, muss ich erst mal den richtigen Bussteig für den Schienenersatzverkehr des RE47 finden. Der RE47 fährt, wie vielen Remscheidern schmerzlich bekannt ist, seit geraumer Zeit nicht mehr. Dafür muss es einen Ersatzbusverkehr geben. Ich will am Hauptbahnhof in Remscheid einsteigen und mache mich auf die Suche nach Bussteig C. Online stellt die Deutsche Bahn zwar einen Lageplan zur Verfügung. Der ist aber etwas verwirrend. In der Wegbeschreibung heißt es, der Ersatzbus fahre in Richtung Solingen und in die entgegengesetzte Richtung gen Wuppertal von Steig C und D – das ist aber eigentlich der Schienenersatzverkehr für die S7, die derzeit blöderweise auch nicht fährt. Dass nicht nur ich dadurch verwirrt bin, bemerke ich später noch in Gesprächen mit anderen Fahrgästen.

Zuerst einmal muss ich mir allerdings eingestehen, dass ich den Bus verpasst habe, nachdem ich erst den Steig B, dann den Steig F angesteuert habe. Endlich an dem richtigen Wartehäuschen angekommen, treffe ich auf vier andere Fahrgäste, die ich prompt auf meine Verbindung anspreche. „Nein nein, der RE-Bus ist vor einer Minute weg. Sie haben ihn genau verpasst“, informiert mich ein älterer Herr mit mitleidiger Miene. Dafür erzählen er und seine weibliche Begleitung mir: „Wir warten auf den Ersatzbus für die S7 nach Solingen.“ Sie seien nach Remscheid zum Arzt gefahren und hätten erst am gleichen Morgen am Bahnhof erfahren, dass der Zug nicht fahre. „Wir nutzen den Bus auch nur ganz ganz selten“, verrät er.

Weil ich keine Lust habe, eine Stunde zu warten, fahre ich erst mal nach Lennep. Dort befindet sich die Starthaltestelle des Ersatzverkehrs, insgesamt dreimal hält der Bus in Remscheid und fährt dann direkt nach Düsseldorf, ohne in Solingen oder Wuppertal zu halten. Und siehe da, am Lenneper Busbahnhof finde ich meinen Bus. Schienenersatzverkehr RE47 steht auf einem in die Frontscheibe geklebtem Zettel. Nur an der falschen Stelle steht das Fahrzeug. Der Fahrer gibt mir mit Handzeichen zu verstehen, dass ich etwa hundert Meter weiter an der Haltestelle warten soll. Seine halb liegende, halb sitzende Position auf dem Fahrersessel und die Hand in der Chipstüte verraten mir: Pausenzeit.

An der Haltestelle warten ich, ein Mann mit Rucksack und eine junge Frau, die nach kurzer Zeit ihr Handy zückt und den Mann nach dem Bus nach Düsseldorf fragt. Er deutet auf das Fahrzeug am Ende des Bahnhofs und bevor ich ihr den unnötigen Weg ersparen kann, ist sie schon weg. Nur um kurze Zeit wieder bei uns zu stehen – sie hat wohl die gleiche Antwort vom Busfahrer erhalten. „Ja, das ist ziemlich verwirrend hier“, kommentiert der andere Fahrgast. Ich spreche die Frau an, doch sie versteht kaum Deutsch. Mir wird bewusst: Wenn ich schon überfordert bin, wie ist das wohl für jemanden, der nicht einmal die Sprache spricht?

Gähnende Leere im Ersatzbus des RE47.

Gähnende Leere im Ersatzbus des RE47.

Foto: Elena Pintus

Der Busfahrer hat mittlerweile gewendet und wir steigen ein. Wir sind zu dritt: die Frau, der Mann mit dem Rucksack und ich. Ich merke schnell: An unserem Fahrer ist ein Rennsportler verloren gegangen. Am Remscheider Hauptbahnhof steigen noch ein paar Leute dazu, jetzt sind wir zu sechst. Ich frage den Busfahrer, wie viele Gäste er pro Fahrt befördert. „Es fahren schon ein paar Leute mit, so zehn pro Fahrt vielleicht?“ Er fahre die Strecke oft seit der RE47 nicht mehr verkehre. „Diese Woche jeden Tag“, sagt er und lächelt freundlich. Der Busbetreiber kommt aus Bonn. Normalerweise werden die Busse für Fernreisen eingesetzt.

Es geht über kurvige Straßen den Berg hinauf. Jede Biegung lässt mich scharf die Luft einziehen. Mir wird die Schlaglochdichte auf den Remscheider Straßen plötzlich wieder am eigenen Leib gewahr. Schließlich lassen wir Remscheid hinter uns, streifen Solingen und Wuppertal. Ich sehe die Schwebebahn vorbeifahren und denke unweigerlich an öffentliche Verkehrsmittel, die von Schlaglöchern verschont bleiben. Eine Stunde und 10 Minuten dauert es, bis wir am Düsseldorfer Hauptbahnhof ankommen. Erst jetzt wird mir bewusst, dass dies auch der Bus ist, der exakt dieselbe Strecke gleich wieder zurückfahren wird.

Wir steigen aus. Der Busfahrer zeigt mir, von wo aus wir gleich wieder abfahren. Ich erzähle ihm, dass ich bei der Zeitung arbeite. Er stellt sich zu mir auf den Bürgersteig und bietet mir eine Zigarette an. Ich lehne ab. „Den Artikel schreiben musst du so oder so, aber mit Zigarette macht es mehr Spaß.“ Er spricht mit einem kleinen Akzent und schaltet mir die digitale Anzeige am Bus für ein Foto an. Dann verabschieden wir uns und ich dackele 200 Meter weiter zu Bussteig 17.

Eine Frau kommt auf mich zu und zeigt mir den Lageplan für den Schienenersatzverkehr auf ihren Handy. „Wissen Sie, wo ich den Ersatzverkehr nach Solingen finde? Ist das hier?“ Ich versuche ihr zu erklären, dass der Bus, der hier hält, nur noch direkt nach Remscheid fährt. „Meine Tochter hat mir gesagt, ich soll an Gleis 17 einsteigen“, erzählt sie mir. Als unser Bus kommt, steigt sie doch nicht mit mir ein, verabschiedet sich stattdessen von mir. Und ich erinnere mich an die Worte des Mannes, der mit mir an der Haltestelle in Lennep gewartet hat: „Ziemlich verwirrend hier.“

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