Remscheid: Pilz hinterlässt Spuren im Begräbniswald

Natur in Remscheid : Pilz hinterlässt Spuren im Begräbniswald

Sechs große Buchen und eine Linde wurden in den vergangenen Wochen im Begräbniswald Im Kempkenholz abgetragen.

Lothar Benkel legt den Kopf in den Nacken und blickt in die Krone der alten Buche. „Die ersten Spuren erkennen wir immer in den Ästen“, sagt der Remscheider Revierförster. Und genau dort entdeckte er bei seinen Kontrollgängen im Begräbniswald schon vor Jahren erste Hinweise auf Krankheiten. Blattverlust, Totholz, Kleinblättrigkeit: Lothar Benkel ahnte, dass den großen, stolzen Bäumen die trockenen Sommer zu schaffen machten. Weil sie dann nicht genug Wasser bekommen, seien sie geschwächt und hätten dem Pilz nichts entgegenzusetzen – das gelte im besonderen Maße für die Buche. „Als sich dann die Rinde löste, konnten wir den Pilzbefall sehen“, sagt er. Hallimasch, Austernseitling und Brandkrustenpilz: Der Revierförster notierte jede Entwicklung und jede Veränderung.

„Nun mussten wir die ersten Bäume aus Sicherheitsgründen abtragen“, erklärt Benkel. Und so rückte in der zweiten Januarwoche der Holzfällerkran an. Benkel deutet auf die Stämme, die im Eingangsbereich des Begräbniswaldes noch von den aufwendigen Arbeiten zeugen: „An so einem Ort wollen wir bei solchen Arbeiten besonders sensibel vorgehen“, erklärt er. Und auch deswegen wurden die Bäume nicht gefällt, sondern abgetragen. Ohnehin helfe es im Kampf gegen den Pilzbefall auch nicht, die betroffenen Bäume komplett aus dem Wald zu entnehmen. Schließlich gebe es kilometerlange Vernetzungen unter der Erde. Der Pilz sei im Boden.

Also entschied sich der Remscheider Forst für das Abtragen der Bäume: Der Kranfahrer sei dann mit besonderer Vorsicht an die Arbeit gegangen. So können die umliegenden Pflanzen nun unbeschadet weiterwachsen. „Wir konnten den Charakter des Eingangsbereichs einigermaßen beibehalten, auch wenn nun ein Teil unserer großen Buchen fehlt“, erklärt Benkel. Und das sagt er nicht ohne Wehmut: Um jeden Baum, den er entnehmen müsse, tue es ihm leid, bekennt er. Schließlich arbeitet er fast seit einem Vierteljahrhundert an diesem Ort – er kennt jeden Strauch und jeden Baum. „Aber wenn ein Baum vom Pilz befallen ist, dann hat er keine Chance“, sagt der Revierförster, „dann müssen wir nur noch darüber entscheiden, wann er zum Sicherheitsrisiko wird und wir ihn entnehmen müssen.“ Im normalen Wirtschaftswald würde man diese Bäume stehen lassen – weil im Begräbniswald aber eine Infrastruktur geschaffen worden sei und Menschen an diesen Ort eingeladen würden, um ihre Toten zu bestatten und Abschied zu nehmen, seien auch die Sicherheitsvorkehrungen strenger.

Begräbnisbäume sind von den jüngsten Abtragungen nicht betroffen. Die alten Buchen seien von Anfang an ausgenommen gewesen bei der Auswahl eines Begräbnisbaumes. „Weil wir nicht wussten, wie sie sich entwickeln würden“, sagt Benkel. Und dann dreht er eine Runde durch seinen Wald und deutet auf einen Jungbestand von Buchen. Hier finden sich die meisten Begräbnisbäume – eine kleine Plakette weist darauf hin, dass zu ihren Wurzeln Urnen bestattet wurden und sie auf 50 Jahre als Begräbnisbaum vergeben sind. Die Bäume sind noch jung und gesund. Aber natürlich könne er nicht voraussagen, wie sie sich entwickeln und ob sie gesund bleiben. „Wir können ihnen nur ausreichend Raum zum Wachsen geben“, sagt Benkel. Und sollte ein Begräbnisbaum doch mal krank werden und gefällt werden müssen, hält der Forst Rücksprache mit den Angehörigen. Vier Begräbnisbäume mussten seit der Gründung des besonderen Friedhofs gefällt werden. „Wir haben sie ersetzt“, sagt Benkel. Und die kleinen Plaketten zogen mit an die neuen Bäume.

Nach seiner Runde durch den Wald, vorbei an der alten Grabstätte der Familie Hinsberg und den Baumexoten wie Mammutbaum und japanischer Sicheltanne, steht Lothar Benkel wieder unter dem Holzkreuz am Eingang. Er blickt auf die halbhohen Baumstämme, die nach dem Abtragen aus dem Boden ragen. „Der Specht wird sich freuen“, sagt der Förster. Gleiches wird auch für viele andere Tiere gelten, die in den nächsten Jahren im Totholz ein Zuhause finden. „Und das neue Licht am Waldboden wird wieder anderen Pflanzen die Chance geben, zu wachsen“, erklärt Benkel.

Noch allerdings sei das Ende der Fahnenstange nicht erreicht: Auch andere Bäume im Begräbniswald seien bereits vom Pilz befallen. Auch sie werden irgendwann gefällt werden müssen. „Aber fürs erste beobachten wir diese Bäume“, sagt der Förster.