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Remscheid: Patienten stellen die Kirchengemeinde

Serie Gotteshäuser : Patienten stellen die Kirchengemeinde

Die evangelische Kirche bei der Stiftung Tannenhof ist gleichermaßen Rückzugsort für Patienten und beliebter Raum für Konzerte.

Kirchen sind immer auch symbolbehaftete Gebäude. Und das gilt nicht nur für die riesigen Kathedralen, in denen sich die Weltgeschichte früherer Jahrhunderte abgespielt hat. Oft haben die Architekten und Planer von Gotteshäusern auch im kleineren Rahmen, der vielleicht nicht von Bestseller-Autoren wie Dan Brown als Vorbild für den nächsten Thriller um den Symbolologen Robert Langdon herangezogen wird, viel Fantasie und Einfallsreichtum bewiesen.

So etwa bei der vor 111 Jahren fertiggestellten evangelischen Kirche bei der Stiftung Tannenhof. Die Kirche ist eher klein, hat aber bei genauerer Betrachtung viele Details zu bieten, die Freunde von Symbolen erfreuen werden. „Die Kirche ist in den Jahren 1907/08 erbaut worden. Sie stellt den geografischen Mittelpunkt der Stiftung Tannenhof dar“, sagt Uwe Leicht, der seit 13 Jahren als Pfarrer in der Kirche arbeitet.

Man erzähle sich, sagt Leicht, dass die Kirche seinerzeit auf Initiative der Patienten hin gebaut wurde. „Die Stiftung gab es damals bereits seit elf Jahren. Die Gottesdienste wurden immer im Festsaal gefeiert, man wollte aber eine eigene Kirche haben“, sagt Leicht. Bei der Planung wurde auf die damalige Verteilung der Patienten geachtet. „Die Mittelachse der Kirche ist symmetrisch zu den Gebäudeachsen ausgerichtet. Da links von der Kirche die Frauen im Haus A untergebracht waren, ist diese Seite der frühen Christin Phoibe gewidmet, nach deren Vorbild ja im 18. Jahrhundert das Diakonissenamt umgestaltet wurde“, sagt Leicht.

Auf der rechten Seite der Kirche seien früher die männlichen Patienten im Haus B untergebracht gewesen, das sei die Seite des Heiligen Stephanus. „Sichtbar war das in den Glasfenstern, die es heute nicht mehr gibt. Links war das Symbol der Diakonissen, der Anker. Rechts das achtendige Kreuz“, sagt Leicht. Auf der Phoibe-Seite ist heute die Empore mit der Orgel angebracht. „Die Kirche ist ja mehrfach umgebaut worden, die Empore mit der Orgel wurde im Jahr 1968 eingebaut“, sagt Leicht. Auch die Kanzel gibt es heute nicht mehr: Sie wurde 1997 abgebaut, ihr Fuß ist zum Taufstein umgearbeitet worden. Sorgen bereiten dem Pfarrer derzeit die Dächer: „Die müssen dringend einmal renoviert werden“, sagt er.

Auch heute gibt es noch schöne Fenster in der kleinen Kirche der Stiftung Tannenhof zu bewundern. Etwa über der Eingangstür oder im hinteren Bereich des Kirchenraums. Bei Sonnenschein erstrahlen aber vor allem die Bilder der drei großen Fenster hinter dem Altar in wunderschön buntem Licht. „Im Mittelfenster ist derzeit ein Teilfenster kaputt. Wir hoffen, dass es bald wieder eingesetzt werden kann“, sagt Leicht. Ein Patient habe als Auswirkung seiner Krankheit das Fenster eingeschlagen, erzählt der Pfarrer.

Daran wird deutlich, dass es keine Gemeinde wie jede andere ist. „Die Patienten der Stiftung Tannenhof stellen die Gemeinde. Es kommen nur wenige Menschen von außerhalb“, sagt Leicht. Die kämen indes, weil sie es so schön fänden. „Ein Herr aus Solingen kommt etwa regelmäßig zum Sonntagsgottesdienst. Zunächst war das so, weil er den Gottesdienst mit seiner dementen Mutter besucht hat. Nach ihrem Tod ist er aber weiterhin gekommen“, sagt Leicht. Die Kirche sei so freundlich und einladend gestaltet.

Seine Gemeinde unterscheide sich grundsätzlich gar nicht so sehr von anderen Gemeinden, sagt der Pfarrer. „Es werden allerdings mehr existenzielle Fragen gestellt. Etwa, ob die eigene Krankheit jetzt als Strafe gesehen werden muss. Es ist gut, dass wir den Glauben als Alternative und neue Perspektive für die Patienten anbieten können“, sagt Leicht.

Dazu komme als weiterer, entscheidender Unterschied, dass in der Kirchengemeinde bisweilen ein bunter Mix der Konfessionen und Religionen herrsche. „Zu uns kommen auch katholische oder orthodoxe Christen, aber auch immer wieder Muslime. Das Verbindende der Menschen ist ihre Krankheit, deretwegen sie in der Stiftung Tannenhof sind“, sagt Leicht. Der Pfarrer betont indes, dass die Kirche allen Menschen offen stehe. „Unsere Kirche ist auch immer offen – von acht Uhr morgens bis zur Dunkelheit. Denn viele Patienten und ihre Angehörigen kommen hierher, um sich zurückzuziehen“, sagt Leicht.

Aber auch die Öffentlichkeit kennt und schätzt die kleine evangelische Kirche in Lüttringhausen. „Es gibt hier immer wieder Konzerte. Am bekanntesten ist wohl der Orgelsommer, der im Vorjahr bereits zum 30. Mal stattfand“, sagt Leicht. Aber auch weltliche Konzerte finden hier statt. „Die ‚Brasshoppers‘ sind immer wieder zu Gast, manchmal kommen auch Klezmer-Ensembles. Die Künstler loben und lieben die Akustik in unserer Kirche immer sehr“, sagt Leicht.

Jeden Abend läuten die Stahlguss-Glocken der Kirche. Immer von 19 bis 19.05 Uhr. Hintergrund ist die Dankbarkeit darüber, dass die Kirche während des Krieges von Zerstörung verschont geblieben ist. Auch die Glocken sind noch die ursprünglichen. Das Material sei nicht wertig genug gewesen, um es für die Rüstungsindustrie während des Zweiten Weltkriegs einzuschmelzen.

Und auch für Geografen ist die Kirche in der Stiftung Tannenhof interessant: „Sie ist ein trigonometrischer Punkt: Das Christusmonogramm auf der Kirchturmspitze ist ein Fixpunkt für die Landvermessung“, sagt Leicht.