Remscheid: Musikalischer Horror-Klamauk

Kultur in Remscheid : Musikalischer Horror-Klamauk

„The Addams Family“ wurde als comichaftes Musical vom Landestheater Detmold mit Unterstützung der Bergischen Symphoniker präsentiert. Das Publikum war von der liebevollen Umsetzung begeistert.

Realitätsflucht kann manchmal so wunderbar albern sein: Die Erfahrung konnten am Donnerstagabend die rund 200 Besucher im Teo Otto Theater machen, als „The Addams Family“ in einer knallbunten Comic-Produktion des Landestheaters Detmold die Bühne betrat.

Vater Gomez, Mutter Morticia, die Kinder Wednesday und Puggsley Addams, Onkel Fester, das eiskalte Händchen und natürlich der Butler Lurch – die liebenswerten, schrulligen und leicht morbiden Charaktere, die einst ab den 1930er-Jahren von Charles Addams für die Zeitung „The New Yorker“ als Comicstrip erfunden wurden, funktionierten in der abendfüllenden Musical-Version ganz einwandfrei. Was auch mit an der tollen Live-Musik der Bergischen Symphoniker lag, die wunderbar mit dem hervorragend aufspielenden Ensemble harmonierte.

Wer die Familie Addams noch aus der Fernsehserie der 1960er-Jahre kannte, fühlte sich schon vom ersten Moment an wohlig zu Hause, in dieser spinnenbewebten und mit rotem Samt ausgeschlagenen Horror-Klamauk-Szenerie. „Ob tot, lebendig oder unentschieden – lasst und feiern, was es heißt, ein Addams zu sein“, so lautete dann auch die Vorgabe, die Morticia Adams (Silke Dubilier) beim den Abend einleitenden Tanztee mit der verstorbenen Sippschaft auf dem Friedhof ausgab.

Die Geschichte, die sich daran anschloss, war gewohnt skurril. Tochter Wednesday (Patrizia Unger), der Vater Gomez (Jan Friedrich Eggers) früher den Marquis de Sade als Gutenachtgeschichte vorgelesen hatte – „und ich habe es geliebt!“, kommentierte Wednesday –, hatte sich verliebt. In den „ganz normalen“ Jungen Lucas Beineke (Nando Zickgraf). Das stellte die Addams Family natürlich vor ein kollektives Problem. Wie war man denn nur normal? Fiel es Wednesday doch selbst schon schwer genug, mit den plötzlich auftretenden, neuen Gefühlen wie Freude, Liebe und Glück klarzukommen.

„Mama, Papa, ich habe das Dinner geschossen“, sagte das Mädchen mit der Armbrust und überreichte der Mutter einen Hasen, auf einem Pfeil aufgespießt. „Wo hast Du den denn her?“, wollte diese wissen. „Aus dem Streichelzoo“, kam die Antwort prompt. Wie sollten sich diese, einmal ganz neutral formuliert, etwas sonderbaren Zeitgenossen nur mit Lucas’ biederen Eltern Malte (Andreas Jören) und Alice (Brigitte Bauma) verstehen? Und wie würde der Familienfrieden wohl das entlarvende Spiel „Sag die Wahrheit“ überstehen, das nach dem Abendessen der beiden Familien gespielt wurde?

Es war eine tongewaltige, bildgewaltige und herrlich komische Revue, die sich da in etwa zweieinhalb Stunden vor dem Publikum entfaltete. Mit tollen Kostümen, die an die klassischen Comicfiguren angelehnt waren, und bei denen man gar nicht wusste, wo man zuerst hinsehen sollte. Mit den bunten und vielfältigen Kulissen, deren liebevolle Gestaltung das Geschehen noch lebendiger wirken ließen. Mit dem geschickt eingesetzten Licht, das das Auge des Zuschauers zielsicher dorthin lenkte, wo es auf der Bühne etwas zu entdecken gab. Und eben nicht zuletzt mit den Akteuren auf und unterhalb der Bühne.

Denn die Schauspieler waren nicht nur enorm stimmgewaltig, auch wenn sie bisweilen Mühe hatten, sich trotz der Verstärkung durch Mikrofone gegen die laut aufspielenden Symphoniker durchzusetzen. Sie waren auch im besten Sinne komisch anzusehen – lebendige Mimik, timingsichere Gestik und kräftige Gesangsstimmen. Und auch die Musiker überzeugten in der ungewohnten Rolle des rockigen Symphonieorchesters. Sie konnten sich spielfreudig in die Musik von Andrew Lippa einfügen und präsentierten die eingängigen Melodien in perfektem Zusammenspiel mit dem Geschehen auf der Bühne. Realitätsflucht mit der Horror-Klamauk-Familie? Was für eine schöne Form, für ein paar Stunden die Welt da draußen zu vergessen.

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