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Remscheid: Musik als Mittel der Völkerverständigung

Philharmonisches Konzert im Remscheider Teo Otto Theater : Musik als Mittel der Völkerverständigung

Wenn es doch so einfach wäre: Die Bergischen Symphoniker erweiterten am Mittwochabend spontan das Programm. Völlig friedlich erklangen da der Russe Borodin nach dem Ukrainer Silvestros.

Die Bergischen Symphoniker sehen sich als weltoffenes und internationales Orchester. Man verurteile den Einmarsch Russlands ins Nachbarland Ukraine aufs schärfste, warne zeitgleich aber vor einer Verurteilung der russischen Menschen und der russischen Kunst und Musik. Man stehe in voller Solidarität zur Ukraine – davon zeugten nicht nur die Blau-gelben Fahnen vor dem Theater und das ebenso angestrahlte Haus. Auch wurde das Programm des 7. Philharmonischen Konzerts am Mittwochabend spontan um das kleine, ruhige Stück „Stille Musik: Abendserenade“ des zeitgenössischen ukrainischen Komponisten Valentin Silvestros erweitert. Eine geradezu herzzerreißende Geste des Orchesters, gerade auch im Hinblick auf das dritte Werk des Abends – die zweite Symphonie des russischen Komponisten Alexander Borodin. Auch wenn das Programm schon lange vor dem Ukraine-Krieg festgelegt wurde: Gut, dass es so gelassen wurde, schließlich konnte Borodin auch nichts für Putin . . .

Eine weitere internationale Facette kam am Mittwoch zudem mit der griechischen Gastdirigentin Zoi Tsokanou dazu, die nach dem ukrainischen Auftakt gleich die „Dodekanesische Suite Nr. 2“ ihres Landsmannes Giannis Konstantinidis dirigieren durfte. Ein frisches, fröhliches, bisweilen mit einer geradezu malerischen Melancholie gesegnetes Werk in sechs Sätzen, das tatsächlich gleichermaßen eine wohltuende Leichtigkeit verströmte. Was in diesen Zeiten, in denen man sich leider aussuchen konnte, worüber man sich lieber den Kopf zerbrechen wollte – Putin oder das Virus – richtig guttat. Das war natürlich kein „Griechischer Wein“, gottlob, aber doch so verspielt, mit so vielen Schnörkeln, Schlenkern und Schabernack versehen, was gerade bei den pointierten Schlussakkorden beinahe jedes Mal zum frühzeitigen Klatschen einlud. Als man dann durfte, erst zögerlich, dann von Zoi Tsokanou mit herzlichem Lächeln angespornt, war der Applaus lange und kräftig.

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Tatsächlich etwas traditioneller wurde es dann mit dem Hauptwerk des einmal mehr sehr abwechslungsreichen Abends. Wobei, das Konzert in F-Dur des Romantikers Carl Maria von Weber, bei dem Theo Plath am Fagott brillierte, präsentierte damit durchaus ein selten solistisch gehörtes Instrument. Nicht nur sah es mit seinem schwanenhalsgleichen Mundstück ungewöhnlich aus, auch der immer leicht näselnde Klang, der von Sergej Prokofjew nicht umsonst für den Großvater in „Peter und der Wolf“ verwendet wurde, war eine interessante Klangfarbe. Allerdings knurrbrummte Plath auf seinem Instrument nicht nur, sondern jagte es auch in höchste Höhen – wo er es geradezu grazil herumturnen ließ, ehe seine flinken Finger es wieder auf Großvater-Ebene brachten. Völlig zurecht gab es hier begeisterten Applaus – Bravorufe, Pfiffe und eine kleine, aber enorm halsbrecherische, Zugabe inklusive: die avantgardistische Höhenangst-Vertonung „Vertigo“ von Olaf Berg.

Und nach der Pause kam dann der Russe. Allerdings in vollkommen friedlicher Absicht und mit der 2. Symphonie in h-Moll von besagtem Alexander Borodin im Gepäck. Das war dann tatsächlich vergleichsweise schwermütig, wobei er in sein halbstündiges Werk immer wieder positive Momente, Sonnenstrahlen gleich, eingebaut hat. Wenn im düsteren Allegro gleich mehrfach ein Dur-Akkord gehalten wurde, die Flöten wie kleine, freche Spatzen zwitscherten, und überhaupt die Bläser über den Streichern thronten, dann vertrieb das den dunklen Nimbus mit Windeseile und machte so etwas wie Hoffnung Platz.

Wobei natürlich eine gewisse Brachialität bei Borodins Zweiter nicht von der Hand zu weisen war. Aber - so gekonnt eingesetzt zeigte sich, welche klangliche Wucht sich daraus ergab. Man kannte das aus dem Rock- oder Heavy-Metal-Bereich mit seinem schneller-härter-lauter - eine sogenannte Wall of Sound, eine Klangwand, konnte durchaus kathatische Wirkung entfalten. Wobei gerade der Beginn des dritten Satzes, das Andante, beinahe zärtlich war. Ein vorübergehender Moment, ein schöner Kontrast. Kann Leichtigkeit in der Schwere existieren? Ein, zwei Ohren den Symphonikern geliehen, während sie schwelgerisch im Streicher-Forte den Saal zum Klingen brachten, nur um dann einen fast überhörten Dur-Triller erst von der Trompete, dann vom Horn, einfügten, genügten, um sich dessen zu versichern.

Ein einmal mehr großer philharmonischer Abend der Symphoniker, bei dem man über alle musikalische Qualität zudem nie das vergaß, was das Bergische Orchester ausmachte: Haltung.