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Remscheid: Mit einem Werkzeugkoffer um die Welt

Museumslandschaft im Bergischen : Mit einem Werkzeugkoffer um die Welt

Das Werkzeugmuseum liefert vielschichtige Einblick in die Geschichte der deutschen Werkzeugindustrie. Ein Rundgang.

Ein vorgeschriebener Rundgang durch das Deutsche Werkzeugmuseum existiert nicht. Auch wenn das Museum eine Zeitspanne abdeckt, die vom Faustkeil bis zum CNC-Rechner reicht, chronologische Abfolgen würden ermüden. Der Museumsbesucher ist vielmehr eingeladen, wie ein Flaneur durchs Museum zu streifen, hier und dort zu verweilen, mal länger, mal kürzer, je nach Interesse und Zeit.

Zum Beispiel wäre die obere Etage ein guter Startpunkt. Dort steht ein klobiger Koffer, halb geöffnet. Der Koffer hat viel erlebt. Früher lagerten in ihm wohl sortiert Unterwäsche, Socken, Hemden und Schuhe. Heute stecken in ihm viele Geschichten, die alle zwischen Remscheid und Mittelamerika spielen. In den Ritzen seines porösen, braunen Leders hängt wohl noch der Geruch des Atlantischen Ozeans. Die tropische Sonne El Salvadors hat ihn ausgegerbt. Mitte der 1950er-Jahre trat er seine letzte große Reise an. Er war der Reisebegleiter von Karl Richard Tillmans (1894-1955), Inhaber der Remscheider Exportfirma F.C. Tillmans. Der Schrankkoffer mit den privaten Utensilien des Handlungsreisenden K. R. Tillmans machte nur einen kleinen Teil des Gepäcktrosses aus, den viele Remscheider Kaufleute mit nach Übersee nahmen. Bis zu zehn Musterkoffer gingen manchmal in Hamburg aufs Schiff. Sie waren etwas kleiner und enthielten alles, was an Werkzeug aus dem Bergischen Land zu gebrauchen war. Von der Stecknadel bis zum Hammer.

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Tillmans reiste zu seinen Kunden und bot als Vertreter zum Beispiel Feilen und Zangen aus Remscheid oder Scheren und Messer aus Solingen und vieles andere Nützliche an. In den Ländern Mittelamerikas gab es keine eigene Werkzeugproduktion. Die Ware musste importiert werden. Spediteure brachten sie später aus den Werkzeugfabriken zu den Kunden. Das dauerte Wochen. Die Handelsschiffe waren der damalige Taktgeber, als die Globalisierung noch ein gemütliches Tempo hatte.

Das Gemälde eines Schiffes und mehrere Holzkisten drumherum deuten bei dieser Station an, warum Remscheid die „Seestadt auf dem Berge“ heißt. Die Handelsleute waren auch Reeder. Ihre Schiffe lagen in Hamburg und anderswo. Aber am liebsten brachte die bergische Werkzeugflotte Ware nach Übersee. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Weltmarktfirmen wie Gedore, Hazet und andere liefern weiterhin Spezialwerkzeug in alle Welt.

Das Werkzeugmuseum liefert wie nebenbei Einblick in die Geschichte der deutschen Werkzeugindustrie, die in Remscheid, Schmalkalden und in Baden-Württemberg ihren Ursprung hat. Und lange noch nicht zu Ende erzählt ist. Eine Abteilung mit CNC-Rechnern gibt kleine Hinweise auf die Werkzeugindustrie 4.0. Das Museum spiegelt die Geschichte des Werkzeuges in mehreren Perspektiven. Aus wirtschaftlicher, technischer und sozialer Hinsicht. Wie sich es angefühlt hat, ein Feilenhauer zu sein, kann man ein bisschen erahnen, wenn man an der Feilenhauerstation einen Rohling bearbeitet. Es fühlt ich nach Filigranarbeit an, die über die Jahrhunderte hinweg immer weiter verfeinert wurde. Durch technische Fortschritte.

Zwei Giganten des Industriellen Zeitalters in der Wendezeit zum 20. Jahrhundert begegnet man im Werkzeugmuseum. Den Gebrüdern Mannesmann und einem Herrn Namens Richard Lindenberg. Sie haben auf ihrem Gebiet die Technik revolutioniert. Die Mannesmann-Brüder erwarben Weltruhm mit ihrem „Pilgerverfahren“ für nahtlose Rohre. Ein kleiner Nachbau der Walzmaschine demonstriert, wie es funktioniert. Nahtlose Rohre lösten die geschmiedeten Rohre ab. Ihr Vorteil. Sie platzten seltener und waren leichter und in allen Größen herzustellen. Nach dem Schrägwalzverfahren werden heute noch am Stammplatz der ehemaligen Mannesmann-Werke in Remscheid Rohre hergestellt.

Auch das Prinzip des Elektrostahlofens von Lindenberg bildet weiterhin die Grundlage aller modernen Edelstahlöfen. Es löste das kräfteraubende Tiegelgussverfahren ab. Die Qualität des Stahls verbesserte sich enorm. Für Ingenieure und Freunde der Technikgeschichte ist der Originalofen im Museum so etwas wie ein heiliger Schrein. Genauso wie die große Dampfmaschine im Zentrum der unteren Etage, die das eiserne Zeitalter rasant beschleunigte. Wer das Deutsche Werkzeugmuseum verlässt, hat viele Fragezeichen im Kopf. Ein Museum, das mehr Fragen aufwirft, als dass es Antworten gibt, ist ein gutes Museum. Es lädt zum Wiedersehen ein.