Remscheid: Manche Medikamente werden Mangelware

Remscheider Ärzte warnen : Manche Medikamente sind Mangelware

Engpässe bei der Versorgung mit Arzneimitteln, Remscheider Ärzte und Apotheker schlagen Alarm.

Seit beinahe 40 Jahren vertraut der alte Herr jenseits der 80 auf einen Blutdrucksenker. Umso schlimmer traf den Senior die Hiobsbotschaft seiner Apothekerin: Das Medikament ist nicht mehr verfügbar. „Es ist der Horror für alle Beteiligten“, sagt Andrea Ludwig, Inhaberin der Pinguin-Apotheke an der unteren Alleestraße. Doch Candesartan, Ebrantil und andere Arzneimittel für Patienten mit zum Teil lebensbedrohlichen Erkrankungen sind nahezu vollständig vom Markt verschwunden.

Deutschlandweit kommt es zu Engpässen bei der Versorgung mit Medikamenten. Für Ärzte und Apotheker wird es immer schwieriger, ihre Patienten selbst mit den gängigsten Tabletten zu versorgen. Die Liste reicht von Schmerzmitteln wie Ibuprofen (in höherer Dosierung) bis zu Blutdruck- und Cholesterinsenkern sowie Impfstoffen gegen Diphtherie, Tetanus, Krätze und Gürtelrose.

Der tägliche Mangel lässt den Arzt Vito Montuori, der mit seinem Kollegen Dr. Christian Sawade im Südbezirk eine Gemeinschaftspraxis betreibt, beinahe sarkastisch werden. „Lazarettmedizin“, nennt er, was sie täglich betreiben. „Wir erleben einen katastrophalen Engpass, der für den einzelnen Patienten lebensbedrohliche Folgen haben kann“, sagt der Allgemeinmediziner. Gemeinsam sandten die beiden Ärzte deshalb einen Hilferuf an die Stadt. Die Politik stehe in der Verantwortung – wenn auch vielleicht nicht die kleine Politik in Remscheid, sondern die große Politik auf nationaler Ebene.

Die CDU hebt das Thema dennoch auf die lokale Agenda. Im Ausschuss für Soziales, Gesundheit und Wohnen am 7. Januar will sie erfahren, welche Ausmaße das Problem angenommen hat. „Auf Grundlage dieser Informationen sollten wir dann im Sinne der Versorgungssicherheit unserer Bevölkerung gemeinsam schauen, wie wir die Thematik auch überörtlich ansprechen können“, schreibt CDU-Ratsfraktionschef Jens Nettekoven.

Dr. Frank Neveling, Leiter des Gesundheitsamtes, will die Hilfe gern annehmen. Dass es ausgerechnet an Medikamenten mangelt, die von vielen Patienten eingenommen werden, erfüllt ihn mit wachsender Sorge. Zwar könne in vielen Fällen auf das ähnliche Präparat eines anderen Herstellers ausgewichen werden. „Wenn es sie denn gibt“, sagt Neveling. Schließlich bestehen Lieferengpässe auch für Nachahmerpräparate.

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte listet 529 Medikamente auf, die nicht binnen zwei Wochen lieferbar sind. Als einen wesentlichen Grund für die Misere nennt die Apothekerkammer Nordrhein die Rabattverträge der Krankenkassen. Sie würden die Hersteller dazu zwingen, die Wirkstoffe billigst im Ausland zu produzieren – etwa Antibiotika in China und Indien. Dort konzentriert sich die Produktion auf wenige Betriebe. Steht die Produktion zeitweilig still oder kommt es zu Rückrufen, hakt es in der Lieferkette.

„Wir führen gegenwärtig eine Liste von 80 Medikamenten, die nicht zu bekommen sind“, sagt Andrea Ludwig von der Pinguin-Apotheke. Auch dem über 80-Jährigen, dem die Tränen kamen, weil sein Blutdrucksenker nicht mehr zu haben war, konnte sie nicht helfen. Am Ende hatte der alte Herr Glück: Sein Hausarzt fand ein anderes Präparat.

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