1. NRW
  2. Städte
  3. Remscheid

Remscheid-Lüttringhausen: Küster Jürgen Kammin spielt vom Kirchturm

Küster spielt in Remscheid : Trompetenmusik soll Trost spenden

Küster Jürgen Kammin spielt jeden Abend für die Menschen in Lüttringhausen Trompete vom Turm der evangelischen Stadtkirche. Viele Anwohner öffnen das Fenster, die wenigen Passanten hören zu.

Es ist kurz nach 18.30 Uhr. Trompetenmusik erklingt im Ortskern von Lüttringhausen. Die Melodie von „Tulpen von Amsterdam“ erfüllt die Gertenbachstraße an diesem klaren Abend. Bei guten Windverhältnissen kann man sie auch den Berg weiter rauf hören. Doch woher kommt sie? Und vor allem, wer spielt da? Schließlich liegt das kulturelle Leben doch seit den vielen Erlassen zur Eindämmung des Coronavirus in Remscheid brach.

Die Klänge haben ihren Ursprung ziemlich weit oben, nämlich im Turm der Evangelischen Kirche. Den Musiker kann man von unten nur vage sehen. Sichtbar ist vor allem seine rote Jacke. Auch der Notenständer ist erkennbar. Doch wer ihn kennt, erkennt ihn auch von unten: Küster Jürgen Kammin. Seit über eine Woche erklimmt der Blechbläser jeden Abend mit seiner Trompete in der Hand den Turm und spielt ab halb sieben – pünktlich in dem Moment, in dem die untergehende Abendsonne den Kirchturm in ein romantisches Licht taucht – die Noten von „Nun wollen wir singen das Abendlied“.

Bei vielen im Ortskern ist es inzwischen ein beliebtes Ritual, die Fenster weit zu öffnen, und für etwa eine Viertelstunde der Musik vom Kirchturm zu lauschen. Die wenigen Menschen, die noch auf den Straßen rund um die Stadtkirche unterwegs sind, bleiben stehen, lauschen. Nach jedem Lied gibt es Applaus von Anwohnern und Passanten als Dank. Kammin, Leiter des Bläserkreises, spielt Choräle, Abend- oder Volkslieder. Auf diese Weise gibt er den Menschen in dieser derzeit ungewöhnlichen und verworrenen Zeit, die von Kontaktverboten und häuslicher Isolation geprägt ist, ein wenig Trost, ein bisschen Halt. „Ich bin in der Posaunenchorwelt beheimatet, da ist es ein guter Brauch zur Freude der Menschen zu spielen, zum anderen wird hier eine Tradition, das Abblasen von Chorälen und Musiken von Türmen und Rathäusern, gepflegt. Es verbindet Menschen im Hören“, erklärt der Musiker seine Motivation. Für Kammin stellt die Kirche die „historische Keimzelle“ des Stadtteiles dar, von der auch in dieser Zeit hörbar Leben ausgehen soll. „Unser Zuspruch, unsere Verbundenheit, unsere Fürbitte gilt allen, die verunsichert, die betroffen sind, die die Sorge drückt. Die Choräle, Musik vom Turm, soll uns im gemeinschaftlichen Erleben verbinden“, erklärt er weiter.

Noch verbindender wird es, wenn die Menschen mitsingen. Neben dem Eröffnungslied spielt er zum Abschluss immer „Der Mond ist aufgegangen“. Jeder darf gerne mitsingen – selbstverständlich auch bei den Liedern. „Wer innere Leere empfindet, mag vielleicht darunter etwas entdecken, dass wie Hoffnung und Freude aussieht. Ich wünsche allen irgendwo und irgendwann solche spirituellen Erfahrungen, die Altes und Verbrauchtes in uns erneuern.“, merkt der Musiker an. Jürgen Kammin will dieses Abendritual vorerst weitermachen. Und falls er keine Zeit hat, könnte auch ein anderer Turmbläser aus dem Posaunenchor diese ­Hoffnung gebende Geste übernehmen.