1. NRW
  2. Städte
  3. Remscheid

Remscheid: Identitätsdieb zieht Berufung zurück

Prozess in Wuppertal : Identitätsdieb zieht Berufung zurück

Bernd U. soll vom Krankenbett aus mit Sex-Hotlines telefoniert und eine Brille für 1000 Euro bei Fielmann bestellt haben. Mittlerweile gebe es 87 Gläubiger, die 212.000 Euro von dem Opfer eintreiben wollten.

Der Angeklagte humpelte in den Saal. Ein Oberschenkelhalsbruch – zugezogen auf der Quarantänestation der JVA in Lüttringhausen. Dort sitzt Bernd U. hinter Gittern, seit er im Frühjahr wegen Betrugs zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. Zuvor hatte sich der Remscheider jahrelang in Krankenhäuser einliefern lassen, ohne wirklich krank zu sein. Er logierte als Privatpatient, ließ sich vom Chefarzt behandeln und verschwand, bevor man ihm die Kosten in Rechnung stellen konnte. Dazu hatte er Patienten bestohlen, falsche Identitäten erschlichen und sich unter falschem Namen beim Versandhandel georderte Waren in die Klinik liefern lassen.

Eines seiner Opfer ist Heinrich Traue aus Minden, der noch immer mit den Folgen des Identitätsdiebstahls zu kämpfen hat. Jahrelang kamen bei Traue immer wieder Pakete an, die Bernd U. wegen seiner zuweilen überstürzten Flucht aus den Krankenhäusern dort nicht mehr zugestellt werden konnten. Er soll vom Krankenbett aus mit Sex-Hotlines telefoniert und eine Brille für 1000 Euro bei Fielmann bestellt haben. Mittlerweile gebe es 87 Gläubiger, die 212.000 Euro von ihm eintreiben wollten. Ein Inkassounternehmen habe die unbezahlte Mitgliedschaft auf einem Erotik-Portal angemahnt – und ja, zu einem Doktortitel habe ihm der Identitätsdieb auch noch verholfen.

Derweilen scheint Bernd U. weiter durch die Republik getingelt zu sein, um sich nach vermeintlichen Zusammenbrüchen auf Privatstation einliefern zu lassen. Knochenkrebs, Herzinfarkte und zwei Schlaganfälle? Glaubt man dem vom Gericht beauftragten psychiatrischen Gutachter, stimmt davon nichts. Wie die Diagnosen in den Krankenakten immer weiter fortgeschrieben werden konnten bis hin zur Annahme, der vermeintliche Patient leide an Krebs und seine Tage seien gezählt? All das habe der Angeklagte mit simulierten Krankheitssymptomen und Einweisungen in Krankenhäuser selbst vorangetrieben. Seine angebliche Drogensucht stehe zwar auch in den Akten, sei aus gutachterlicher Sicht aber keineswegs durch medizinische Befunde belegt.

Und dennoch: Bernd U. lässt nicht locker. Seine Berufung beim Wuppertaler Landgericht habe er vor allem eingelegt, um seine Strafe in einer Entzugseinrichtung absitzen zu dürfen. Der Richter schüttelte den Kopf – dafür sei die Kammer nicht zuständig. Gerne hätte der Angeklagte wohl auch über seinen Bruch geplaudert – eine Diagnose, an der es nichts zu rütteln gibt. Aber dann ging alles ganz schnell und Bernd U. nahm seine Berufung zurück.