Remscheid: Hier treffen sich Menschen aus aller Welt

Engagement in Remscheid: Hier treffen sich Menschen aus aller Welt

Sie schaffen Raum für Begegnung und sprudeln vor Ideen: Die Ehrenamtlichen im Lotsenpunkt wollen ein Anlaufpunkt für Junge und Alte, für Arme und Reiche, für Einheimische und Neubürger sein.

„Es ist nur ein Schritt über die Schwelle“, sagt Maria Stockbauer und lacht, „kommen Sie rein.“ Und dann bietet sie dem Neuankömmling eine Tasse Tee an. Die Tasse ist kunterbunt, so wie die Stühle und die Wände. Maria Stockbauer weiß, dass diese Schwelle für viele gar nicht so leicht zu überwinden ist. „Wer geht schon durch eine Tür, durch die er vorher noch nicht gegangen ist?“ sagt sie.

Dabei lohne es sich, die Kölner Straße hinter sich zu lassen, die wenigen Stufen in den keinen, hellen Ladenraum zu treten und sich den Tee in der bunten Tasse servieren zu lassen. So bunt wie hier das Porzellan und die Möbel sind, so bunt wünschen sich die Ehrenamtlichen im Lotsenpunkt auch den Alltag. „Wir wollten damals ein niederschwelliges Angebot für alle Menschen schaffen“, sagt Maria Stockbauer. Katholische Christen und die Caritas wollten wie in 45 anderen Gemeinden im Bistum einen Ort schaffen, an dem Kirche mitten in der Stadt auf die Menschen zugehen kann. Das war 2014. Es entstand eine Sozialberatung, bei der Menschen Unterstützung mit Formularen und Anträgen bekommen.

Ein Jahr später kamen dann die Flüchtlinge und fanden eine offene Tür. Das war völlig selbstverständlich. „Dann flog der erste Stein durch die Fensterscheibe“, erinnert sich Maria Stockbauer. Und sie ergänzt leise: „Rassismus.“ Die Ehrenamtlichen machten weiter. Dann kam Andy Dino Iussa in den Lotsenpunkt – als Hauptamtlicher. Die Katholische Pfarrgemeinde St. Bonaventura und Heilig Kreuz übernahm die Trägerschaft und vereinbarte eine Kooperation mit der Caritas, um die Sozialberatung im Lotsenpunkt weiter zu gewährleisten. Und mit Andy Dino Iussa kamen neue Ideen nach Lennep. Von Hause aus ist er Künstler, er sprudelt vor Ideen und dem Wunsch, etwas zu bewegen. „Der Losenpunkt soll nicht nur ein Ort sein, an dem Menschen Rat suchen“, sagt er, „sie sollen sich selbst mitbringen, mitgestalten, sich einbringen.“ Und das bedeutet: Nicht Defizite, sondern Potenziale sollen in den Fokus rücken. Menschen mit ihren Fähigkeiten.

Deswegen gibt es inzwischen die Kaffeetafel für Senioren, bei der es richtig voll wird im Lotsenpunkt. Lesungen und Konzerte sind geplant. Und deswegen hat Andy Dino Iussa eine italienische Ape gekauft, jenes kleine dreirädrige Fahrzeug, das schon optisch ein Hingucker ist. „Mir wurde klar, dass es nicht reicht, in der Altstadt einen Ladenraum zu eröffnen“, sagt er, „wir mussten noch näher ran.“ Also bepackte er die Ape mit Rollrasen, Sonnenschirm und Liegen und besucht seitdem mit einem engagierten Team Stadtfeste und Märkte.

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Im Sommer fragte er frech: „Bist du schon mal baden gegangen?“ Die Menschen erzählten erst von Seen und Schwimmbädern, bevor sie von ihrem Scheitern und ihren Grenzen berichteten. Die Kirche meine manchmal, sie wisse, was die Menschen bewege, sagt Iussa: „Aber erst, wenn du ihnen auf der Straße zuhörst, erfährst du es wirklich.“ Er hörte zu, nahm auf, fotografierte. Und eines Tages werde daraus etwas, sagt er. Ein Buch vielleicht, eine Ausstellung.

Gleichzeitig entstand an der Kölner Straße unter Iussas Federführung das Projekt „Weltort“. Das Ziel klingt ganz ähnlich wie bei der Ape: „Wir wünschen uns, dass die Menschen ins Gespräch kommen“, sagt Jutta Ebbinghaus. Das sei die Chance, eine neue Perspektive zu gewinnen und seinen Nachbarn mit neuen Augen zu sehen. Deutsche und Neubürger aus aller Herren Länder sprechen beim „Weltort“ über ihre Geschichte, aber auch über Gärten und erste Küsse, über die Kinder und eingemachte Marmelade.

„Aus diesen Begegnungen soll eine besondere Stadtführung entstehen“, erklärt Iussa. Erlebnisse und Geschichten der Menschen aus Lennep, Sevilla und Damaskus, aus Remscheid, Rom und Kabul sollen einen festen Platz in Lennep bekommen – und mit Hilfe der Stadtführer sollen die Geschichten lebendig werden. „Dazu könnten ein Stadtplan und Geocash-Daten entstehen, vielleicht auch eine Ausstellung und ein Buch“, sagt Iussa.

Hauptsache die Menschen kommen vor – und zwar jeder, der vorkommen möchte.

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